Januar 1945. Der Krieg kehrt zurück nach Berlin, zurück in die Stadt, von der aus Hitler seinen mörderischen Eroberungsfeldzug begann. Wie lebten die Berliner in den letzten Kriegsmonaten? Wie starb die Stadt? In einer Beitragsfolge werden wir wöchentlich darüber berichten.Am letzten Abend des Jahres 1944 fliegen britische "Moskito"-Bomber über Berlin. "Der übliche Störangriff, der als Neujahrsböller überall zerbrochene Fensterscheiben hinterließ", schreibt die Journalistin Ursula von Kardorff in ihr Tagebuch. "Um zwölf Uhr dann der Augenblick der Stille. Wir standen mit unseren Gläsern da und wagten nicht anzustoßen, von ferne erklang scheppernd ein Armensünderglöckchen, dazu Schüsse."1945 hat begonnen. In den Straßen Berlins rauchen Meiler, mit denen aus angekohlten Balken der Ruinen Holzkohle gewonnen wird. An der zerstörten Gedächtniskirche und auf dem Alexanderplatz Kartoffeläcker neben den Trümmern. Jugendliche Banden plündern während der Luftalarme Häuser und Geschäfte. Seit Herbst 1944 sind alle Theater und Varietes geschlossen. Noch fahren Straßenbahnen, wenn auch die Endstation oft ein Bombenkrater ist, in dem die Gleise verschwinden. Die Hauptstadt wird zum "Reichstrümmerfeld". Über eine Million Menschen in der Stadt sind obdachlos. Charlottenburg nennen die Berliner nun "Klamottenburg", Lichterfelde "Trichterfelde", Steglitz "Stehtnix". Die "Fliegerstulle" "Wir warteten auch Silvester auf die Luftlage", erinnert sich der Siemens-Arbeiter Walter Miltz an den Beginn des letzten Kriegsjahres: "Jeder hoffte, daß es bald zu Ende sein würde. Die Nazis im Betrieb waren schon kleinlaut geworden und wurden immer ruhiger. Alle wollten heil davonkommen, aber wie?" Bei Siemens gibt es auch nach den Luftangriffen in den ersten Januartagen die "Fliegerstulle", Brot mit 30 Gramm Margarine oder einer Scheibe Wurst. Und der Oberbürgermeister der Reichshauptstadt legt für alle Berliner mit Raucherkarten fest: "In der Zeit vom 2. bis einschließlich 7. Januar 1945 werden als Sonderzuteilung zehn Zigaretten abgegeben."In diesem Winter schließt sich der Ring der alliierten Armeen um Nazideutschland immer enger. Schon seit Herbst 1944 ist Aachen in der Hand der Amerikaner. Die Städte des Rheinlandes liegen in Schutt und Asche. Der letzte deutsche Vorstoß, die Ardennen-Offensive im Westen, hat sich in Schnee und Eis festgefahren. Die deutschen Soldaten im Osten rechnen täglich mit der von Stalin angekündigten Offensive. Neujahr 1945 steht die Rote Armee an der Weichsel, 500 Kilometer von Berlin entfernt.Einige Parteibonzen der NSDAP laufen aus Vorsicht schon jetzt in "Volkssturm"-Uniform durch Berlin. So sind sie an der Kleidung nicht mehr als Parteigrößen zu erkennen. Doch viele Berliner glauben selbst im Januar 1945 noch an den "Endsieg", sind treue Gefolgsleute der Nationalsozialisten.Einer von ihnen ist der Volksschullehrer Arthur H.: "Wir warteten in der Silvesternacht auf die Stimme des Führers. Als wir ihn gehört hatten, gingen wir zu Bett mit dem heißen Wunsche, daß unser aller inniges Sehnen sich in dem Jahr erfüllen möchte. Das vergangene Jahr war eins der schwersten Kriegsjahre für unser Volk. Aber das Jahresende hat uns allen Auftrieb und neuen Mut gegeben, und voller Zuversicht schauen wir dem neuen Jahr entgegen!" schreibt der Berliner Lehrer in sein Tagebuch.Hitlers Rede, die Arthur H. in jener Nacht hört, wird später von Historikern als eine der unverschämtesten und überheblichsten seiner Ansprachen bezeichnet. Denn Hitler tönt, daß eigentlich er durch die Bombardierung der deutschen Städte am meisten betroffen sei.Auf der Toilette des Redaktionshauses in der Kochstraße liest die Journalistin Ursula von Kardorff in diesen Tagen heimlich in einer ausländischen Zeitung. Dort steht ein Bericht von zwei Tschechen, die aus Auschwitz fliehen konnten. Nachricht aus Auschwitz Sie schreibt in ihr Tagebuch: "Anscheinend werden die Juden dort systematisch vergast. Sie werden in einen riesigen Waschraum geführt, angeblich zum Baden, dann läßt man durch unsichtbare Röhren Gas einströmen." Die Schilderung übersteigt die schlimmsten Ahnungen der jungen Frau. An diesem Abend sitzt sie mit einer Freundin in ihrer Wohnung am Pariser Platz. Sie kann über nichts anderes als Auschwitz reden. Seit Ende November 1944 versucht die SS auf Befehl Heinrich Himmlers, die Spuren des Völkermordes in Auschwitz zu verwischen. Doch das Morden nimmt kein Ende. Auch in Berlin nicht. Am 5. Januar wird der Sozialdemokrat Julius Leber in Plötzensee hingerichtet. Reichspropagandaminister Joseph Goebbels lobt sich an diesem Tag: "Ich kann feststellen, daß es uns gelungen ist, das deutsche Volk ohne jede Schwierigkeit über Weihnachten und Neujahr hinwegzuführen."Drei Tage nach Neujahr schreibt die 16jährige Berliner Schülerin Lilo G. in ihr Tagebuch: "Ich kann eigentlich nicht damit rechnen, daß ich mal heiraten werde, weil alle Männer fallen." Lilo ist in einem sächsischen Internat evakuiert. Weihnachten war sie in Berlin. Mit ihrem Bruder Bertel zog sie zum vereisten Müggelsee zum Schlittschuhlaufen. "Es ist so schön, daß Bertel noch da ist", schreibt sie. Bald schon wird Bertel zum Volkssturm einberufen. An der Weichsel Um Waffen an die Oder zu bringen, benutzt die Wehrmacht seit Anfang des Jahres auch Berliner Milchwagen und Feuerwehrautos. Die britischen "Moskito"-Bomber fliegen in der ersten Januarwoche fast jeden Abend die Reichshauptstadt an. Und die Berliner werden nun aufgefordert, ihr "Volksopfer" zu bringen, um neue Armee-Divisionen auszurüsten.Doch als Generaloberst Guderian am 9. Januar im Führerhauptquartier Hitler um neue Truppen für die Ostfront anbettelt, wird er abgekanzelt. "Der Osten muß sich allein helfen und mit dem auskommen, was er hat", befiehlt Hitler. Drei Tage später beginnt die Rote Armee an der Weichsel den Vormarsch auf Berlin. +++