Am frühen Sonntagmorgen ist nach zwei Tagen und über 30 Stunden Programm das Berlin Festival zu Ende gegangen; viele tausend meist junger Menschen erfreuten sich auf dem Tempelhofer Flughafen an internationalem Indierock und deutschem Schlager, aber auch an ohrenzerfetzendem Gitarrenkrach und einer sehr schönen Pusteblumenmaske.

Etwas enttäuscht waren wir von dem Auftritt der neuen kalifornischen Supergroup Bosnian Rainbows: Deren Sängerin Teri Gender Bender pflegte bei den Konzerten ihrer ersten Band Les Butcherettes rohes Fleisch zu verspeisen und sich mit Blut zu übergießen; am Freitag in Tempelhof beschränkte sie sich zumeist aufs Singen und fasste sich nur gelegentlich in den Schritt. Sehr schöne orthopädische Knieschützer im Farbton Fleisch konnte man beim folgenden Auftritt der Berliner Band Mia betrachten; sie klebten an den Knien der Mia-Sängerin Mieze. Erwähnenswert an dem Auftritt ist außerdem, dass der Gitarrist ein Stück auf Stelzen spielte!

Das beste Outfit unter den Herren trugen wie immer die Pet Shop Boys, sie hatten sich ihre Bühnenjacken aus lauter schwarzen Strohhalmen geflochten. Leider hatten sie auch den schlechtesten Sound: Bei ihrem Auftritt am Freitag stotterte die Verstärkeranlage derart, dass es klang, als ob die Playback-CD einen Sprung habe. Darum wechselten wir bald zur benachbarten Bühne, wo Mike Patton und seine Band Tomahawk mit Laptopkrach unterlegten Mathematik-Metal darboten; und siehe da, als wir die Halle betraten, coverten sie gerade „West End Girls“ von den Pet Shop Boys und beleidigten danach das nebenan auftretende Duo ausgiebig.

Konjunktur des Herrendutts

Interessant ist das Berlin Festival ja nicht zuletzt darum, weil man an den im Publikum zahlreich versammelten Mittzwanziger-Hipstern die Modetrends der kommenden Saison ablesen kann. In diesem Jahr war es allerdings schwer, leitende Linien zu sehen. Immerhin: Der an dieser Stelle oft beklagte Hang junger Mädchen zum Tragen von Dutten hat sich klar abgeschwächt. Auch der Bartwuchs bei Männern ist zurückgegangen. Zugenommen hat hingegen die Zahl jener Männer, die sich ihr Haupthaar über der Schädeldecke mit Gummibändern zusammenknuddeln, fast könnte man sagen, dass es eine kleine Konjunktur des Herrendutts gibt. Auffällig viele Männer legten sich auf dem Festival auch inmitten großer Menschenmengen mit nacktem Oberkörper bäuchlings auf den Boden und taten so, als ob sie schliefen. Bei Open-Air-Konzerten auf schlammigen Feldern mag das befreit und authentisch aussehen; auf dem Flughafenasphalt in Tempelhof wirkte es eher doof.

Die meisten weinenden Männer waren wiederum Freitagnacht beim Auftritt der wiedervereinigten Blur zu sehen, und sie weinten wohl nicht aus Scham, sondern eher aus Glück. Das auf erotischste Weise am schlechtesten gelaunte Konzert spielten am Sonnabend Nachmittag die Savages aus London; zu scharf splitterndem Gitarrenkrach und einem atemberaubend missmutigen Schlagzeug setzten sich die vier schwarz gekleideten Musikerinnen zum Beispiel mit ihren sexuellen Dominanzobsessionen auseinander.

Das lauteste Konzert boten natürlich My Bloody Valentine dar: eine tosende Gischt aus weißem Krach, in der die Zeit stillzustehen schien. Die bunteste Show und das beste Outfit unter den Frauen gab es am Sonnabend aber schließlich bei Björk zu sehen. Mit einem Perkussionisten, einem Soundfrickler und einem 14-köpfigen Frauenchor, der sich vor einer monströsen Orgel platzierte, spielte sie einige Stücke aus ihrem aktuellen, leider etwas zu energetisch-verklöngelten „Biophilia“-Album, aber glücklicherweise auch viele ältere Hits wie „Pagan Poetry“, „Hyper-Ballad“ oder „Jóga“. Dabei trug Björk zu einem neongrünen Kimono-Kurzkleid eine Art überdimensionierter Pusteblumenblüte auf dem Kopf, weswegen man von ihrem Gesicht an diesem Abend nichts zu sehen bekam. Doch egal, umso präsenter war ihre ungemein modulationsfähige Stimme. Mal hoch, mal niedrig flog sie damit über den markerschütternd tiefen Bässen ihres Perkussionisten dahin, während drumherum vulkanische Feuerfontänen spuckten und ein Funkenregen nach dem anderen auf den blau-gülden gewandeten Chor niederging. Ein tolles Konzert, nach dem wir selber noch Stunden später wie neongrüne Pusteblumen gezittert haben.