Gelehrte wie Karl Weierstraß oder Carl Gustav Jacob Jacobi hätten ihre Freude daran: Nach dem Mauerfall hat sich Berlin langsam wieder zu dem entwickelt, was es vom 19. Jahrhundert bis zum Zweiten Weltkrieg war -ein bedeutendes Zentrum der Mathematik. Die Stadt der Zahlen trumpft mit drei mathematischen Universitätsfakultäten, dem Weierstraß-Institut für Angewandte Analysis und Stochastik (WIAS) sowie dem Zuse-Institut auf -und ist dabei mehr als die Summe seiner Teile. Gemeinsam betreiben die fünf Institutionen zusätzlich zwei Exzellenz-Zentren der Deutschen Forschungsgemeinschaft: das Graduiertenkolleg Berlin Mathematical School (BMS) und das Forschungszentrum Matheon. Seit Anfang des Jahres am WIAS auch noch das ständige Büro der Internationalen Mathematische Union IMU eröffnet wurde, ist Berlin endgültig zur inoffiziellen "Hauptstadt der Mathematik" geworden -mit guten Berufschancen für Zahlenzauberer in Wissenschaft und Wirtschaft.Neues Renommee für ein verkanntes Fach"Wir glauben, dass Mathematik nur exzellent funktioniert, wenn sie international und gemeinsam betrieben wird", sagt Günter M. Ziegler von der Deutschen Mathematiker-Vereinigung (DMV), die die Bewerbung Berlins um den ständigen Sitz der IMU -die Mathematiker-Vereinigung vergibt jährlich die Fields-Medaille, eine Art Nobelpreis der Mathematik, und kümmert sich um Themen wie Ausbildung und internationale Zusammenarbeit -gemeinsam mit dem Weierstraß-Institut initiiert hat. Bei der Abstimmung musste sich Berlin gegen die Mitbewerber Toronto und Rio de Janeiro durchsetzen. Ausschlaggebend für das Votum der Verbandsmitglieder für die deutsche Hauptstadt war nicht nur die dichte Wissenschaftslandschaft, sondern auch die organisatorische Erfahrung der Berliner."Wir sind es gewohnt, große Projekte zu stemmen", so Ziegler: Die Zahlenkünstler der Hauptstadt haben 1998 erfolgreich den Internationalen Mathematiker-Kongress und 2008 das Jahr der Mathematik organisiert. Wie keine andere Großveranstaltung hat das Mathejahr dem als Hilfswissenschaft verkannten und von vielen gefürchteten Fach zu neuem Renommee verholfen. "Wir haben damals gezeigt, dass wir keine verstaubten Professoren sind, sondern dass Mathematik das Fundament der technisierten Welt ist -und ebenso ein Kulturgut wie Philosophie oder Medizin", sagt Alexander Mielke, Leiter des Büros der IMU. Das überzeugte letztlich auch die Regierung: Bund und Land bezuschussen den IMU-Sitz jährlich mit einer halben Million Euro.Dafür, dass Mathematik keine abstrakte Wissenschaft, sondern ein wichtiger Standortfaktor ist, finden sich gerade in Berlin zahlreiche konkrete Beweise. Überall im Hauptstadtalltag steckt mathematisches Know-how: So hat das Matheon für die Berliner Verkehrsbetriebe Fahrpläne und Systeme zur U-Bahnsteuerung entwickelt. Ein mithilfe vom Zuse-Institut entwickelter Frequenzplan ermöglicht den Berlinern in allen Bezirken störungsfreies Telefonieren per Handy. Und an der Charité helfen mathematische Simulationen zu verstehen, wie sich Knochengewebe regeneriert.Rund sechzig Mathematiker forschen in den verschiedenen Instituten, darunter mit Preisen ausgezeichnete Spezialisten für jede Disziplin. "Da wir in Berlin einen so großen Kompetenz-Pool haben, können wir Anfragen von außerhalb eigentlich immer an die richtigen Ansprechpartner weiterleiten und bearbeiten", sagt Alexander Mielke. Ein typisches Beispiel dieser Art von Kooperation ist das von ihm geleitete Forschungsprojekt für Photovoltaik.Aufgrund einer vom Forschungszentrum Matheon vermittelten Anfrage untersuchen Wissenschaftler von der TU und dem WIAS gemeinsam, wie der Aufbau der verschiedenen Kristallschichten von Solarzellen so optimiert werden kann, dass sich der Stromfluss verbessert und Photovoltaik rentabel wird. Ein anderes Team des WIAS kümmert sich in Kooperation mit dem Institut für Kristallzüchtung um die Kostensenkung bei der Herstellung von Siliziumkristallen und hat dafür ein eigenes Verfahren patentiert.Die Vernetzung und der hohe wissenschaftliche Standard machen Berlin auch als Studienstandort attraktiv: Unter den 3000 Mathe-Studenten finden sich, verglichen mit dem Bundesdurchschnitt, überproportional viele ausländische Studierende. Ihnen zuliebe werden die Vorlesungen der Bachelor-Studiengänge auf Wunsch auf Englisch gehalten. Und an der BMS, der gemeinsamen Graduiertenschule der drei Berliner Hochschulen, ist die Hälfte der Studierenden international. Um ihre Zukunft müssen sich die Jungwissenschaftler keine Sorgen machen: Wer sich bewirbt, findet schnell einen Job -in allen Wirtschaftsbereichen, in denen Analysefähigkeit gefragt ist und Simulationen oder Modelle bei der Problemlösung helfen. Arbeitsmarktexperten empfehlen außerdem, sich auch auf Jobs zu bewerben, die für Physiker oder Informatiker ausgeschrieben sind.Jobchancen jenseits von Lehramt und BankenwesenDie Zeiten, in denen Mathe-Absolventen entweder Lehrer wurden oder zu Banken oder Versicherungen gingen, sind jedenfalls längst vorbei. Inzwischen hat sich die Logistik zu einem gigantischen Betätigungsfeld für Rechenkünstler entwickelt. "Egal ob BVG, die Bahn oder Fluggesellschaften wie Air Berlin: Alle hängen von der Optimierung ab und stellen dafür Mathematiker ein", so Ziegler. Aber auch Software-Firmen, Unternehmensberatungen wie McKinsey oder Firmen wie Siemens engagieren Mathematiker. Dank direkter Industriekooperationen funktioniert das Matheon dabei immer wieder als Türöffner: "Unsere Diplomanden finden häufig in den Firmen einen Job, für die sie geforscht haben", weiß Alexander Mielke.Auch wer sich statt der schnöden Praxis allein der Schönheit der Zahlen verschreiben will, kann sich in Berlin beste Chancen ausrechnen: Vom engen Miteinander der Institute profitieren nicht zuletzt Wissenschaftler, die eine rein akademische Karriere anstreben.------------------------------Höhere MathematikDass die Berufschancen für Mathematiker gut sind, können sich selbst Laien ausrechnen: Das Kölner Institut für Wirtschaft geht von 154 000 offenen Stellen in den MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) aus. Gemäß dem MINT-Trendreport 2011 richten sich 8,5 Prozent der Jobs an Zahlenzauberer. Laut Dreisatz sind das also 13 090 Stellenangebote. Die Zahl ist jedoch ein bloßer Annäherungswert: Viele Mathematiker bewerben sich erfolgreich auf Stellen für andere Naturwissenschaftler.Laut eines Berichts des HIS (Hochschul-Informationssystem) finden Absolventen Jobs überwiegend im Dienstleistungsbereich, also in der Softwareproduktion, im Kredit- und Versicherungswesen, in der Logistik sowie in Wissenschaft und Forschung. In geringerem Maße stellen Industrie und verarbeitendes Gewerbe Mathematiker ein. Öffentliche Verwaltung, Energie- und Wasserwirtschaft, Bergbau sowie Land- und Forstwirtschaft benötigen ebenfalls mathematisches Know-how, machen prozentual aber den geringsten Teil aus.Berufsbilder und Informationen zu Ausbildungswegen und Studiengängen finden sich auf den Seiten der Deutschen Mathematiker-Vereinigung DMV.www.mathematik.deMathematik ist eines von neun Innovationsfeldern der Wissenschaftsmetropole Berlin. Die wichtigsten Projekte, an denen die Hauptstadtwissenschaftler zurzeit tüfteln, finden sich im Internet auf folgender Seite:www.berlin-sciences.com------------------------------Grafik: In welchem Wirtschaftsbereich haben Sie nach Ihrem Mathematik-Studium Ihre erste Tätigkeit aufgenommen? (Jahrgang 2005 in Prozent)Foto: Prozente und Potenzen -für Mathematiker sind Zahlen das tägliche Brot, egal ob sie in der Forschung arbeiten oder ihre Rechenkünste in der alltäglichen Praxis anwenden.