Manchmal ist der Weg vom Zerstörer zum Künstler gar nicht weit. Es war in Kreuzberg, und Frank Lämmer, also Esher, wie er sich als Graffiti-Sprayer nennt, stand auf einer Leiter vor einer Hauswand, mitten am Tag, neben sich 30 Dosen. Er sprühte Linien an die Wand. Nach ein paar Minuten hielten Passanten an, sie regten sich auf, beschimpften ihn als Schmierer, als Vandalen. Es half wenig zu versichern, dass der Vandale eine Genehmigung hatte. Die Leute waren empört, wollten die Polizei rufen. "Junge wie Alte", sagt Esher. Ein paar Tage später, als aus den Linien ein Bild wurde, haben ihm dieselben Leute Kuchen gebracht. Aus Freude darüber, wie Esher die Gegend verschönert hatte.Esher, 35, Inhaber einer Webdesign-Firma, gehört zur Generation der Sprüher, die Berlin zur europäischen Graffiti-Hauptstadt gemacht haben. Inzwischen ziehen Berliner Graffiti Besucher aus aller Welt an. Darum wird es auch beim HipHop-Festival "Graffitibox Summer Jam" am Ostbahnhof gehen, zu dem am Wochenende 4 000 Gäste, darunter auch 200 Graffiti-Sprüher aus aller Welt erwartet werden. Es ist ein wichtiges Ereignis für den Tourismus, für die Stadt als Zentrum der Jugendkultur. Es ist auch ein Großereignis für die Polizei. Sie hat ihre Kontrollen in dieser Woche verstärkt, hat Betreiber von Farbenläden vor Diebstahl gewarnt. Es ist ein Zeichen, wie widersprüchlich der Umgang mit Graffiti ist.Das Dilemma ist, dass die meisten Menschen zwar die Bilder und Gemälde als Kunstwerke wahrnehmen, als Streetart, die Ursprünge dieser Kunst, die oft ungelenken Namenszüge auf Häusern, aber nicht sehen wollen. Für Esher gehört beides zusammen: "Ein Picasso ist auch nicht gleich eingängig", sagt er. Das Zerstörerische, das Raue macht die Berliner Szene erst attraktiv. Esher malte zum ersten Mal auf der Westseite der Mauer, Ende der 80er-Jahre. Er war jung und wollte so sein wie die Jungs in New York Anfang der Siebziger, die U-Bahn-Züge mit ihren Namen beschrieben, tagging hieß das. Als die Mauer fiel, wurde Esher schnell im Osten bekannt. Graffiti galt dort als aufregend, das war Amerika, das war Freiheit.Im Vergleich zu anderen Städten bietet Berlin heute noch große Freiheiten. Es gibt keine flächendeckende Videoüberwachung, keine staatlichen Putztrupps und keine restriktive Dosenverkaufspolitik, dafür aber viele Freiflächen und Baulücken. Viele Szene-Läden profitieren von den ausländischen Gästen. "50 Prozent unserer Kunden sind Touristen, im Sommer sogar mehr", sagt ein Verkäufer im "Overkill" in Kreuzberg. Sie kommen überwiegend aus Skandinavien sowie aus Spanien und Italien.Die Szene ist internationaler und jünger geworden. Vergangene Woche wurden ein elf- sowie ein zwölfjähriger Junge beim Besprühen einer S-Bahn erwischt. Von den rund 2 700 Sprayern, die die Polizei in ihren Akten hat, sind die meisten unter 21 Jahre alt, Mädchen sind ganz selten dabei. "Die Kinder stehen auf den Kick", sagt ein 29-jähriger Sprayer, Unternehmersohn aus Berlin-Steglitz. Er wurde mit 16 zu 1 000 Euro Strafe verurteilt, doch er machte weiter. Graffiti sei eine Möglichkeit, berühmt zu werden, ein bisschen zumindest, sagt er. "Wenn der Schulbus an einer Hauswand vorbeifährt und da steht dein Tag drauf, dann bist du cool, dann klappt es auch mit den Mädels", erinnert er sich. Tagsüber arbeitet der Mann als Bilanzprüfer. Er sprüht inzwischen am liebsten, wenn es dafür auch Geld gibt. Eine Turnschuhfirma hat ihn schon mal für eine Werbekampagne engagiert.Es bringt den Berliner Anwalt Sven Richwin gelegentlich in Bedrängnis, wenn er erklären soll, warum manche Firmen für etwas Geld zahlen, was die Polizei andernorts als Vandalismus verfolgt. Die einen landen im Museum, die anderen im Knast.Rechtsanwalt Richwin erläutert Ausländern die deutschen Graffiti-Gesetze, gerne auch auf Englisch. In Berlin gehe die Polizei weniger restriktiv als zum Beispiel in Spanien und Italien vor, sagt er. "Wer verhaftet wird, muss keine Angst haben, gleich verprügelt zu werden." Zwar werden Graffiti-Sprüher stärker überwacht als früher, dank einer 34-köpfigen Sonderermittlungstruppe von Landeskriminalamt und Bundespolizei, aber seltener verurteilt. "Man muss den Beschuldigten quasi in flagranti erwischen", sagt Richwin. Viele Sprayer haben sich drauf eingestellt und meiden bewachte Bahnhöfe.Die Grenzen zwischen Kunst, Kommerz und Kriminalität verwischen. Einer wie Adrian Nabi, früherer illegaler Sprayer, der mit 39 immer noch so redet wie auf einem Schulhof in Neukölln, organisiert als Kurator inzwischen Ausstellungen über Urban Art. Sein direkter Stil, seine Straßensprache gilt als cool. Und es kann schon mal passieren, dass der Hauptstadtkulturfonds Graffiti mit 35 000 Euro fördert. Oder dass ein Graffiti-Projekt wie "Write the Wall" in das offizielle Gedenkprogramm zum Jahrestag des Mauerfalls aufgenommen wird. An der ehemaligen innerdeutschen Grenze in der Heidestraße dürfen junge Sprayer sprühen - auf einer 14 Meter langen Nachbildung der Mauer, ganz legal. (mit ls.)Diskutieren Sie mit zum Thema: www.berliner-zeitung.de------------------------------Taggen und bombenDas Festival Graffitibox Summer Jam findet am Sonnabend am Ostbahnhof statt. Der Jam beginnt um 12 Uhr, der Graffiti-Wettbewerb ab 14.30 Uhr. Die Tageskarte kostet ab 12 Euro.Wie jede Jugendkultur hat die Graffiti-Szene einen eigenen Sprachcode entwickelt. Da werden dann pieces gebombt, tags gesprayt und codes designt."Ich war hier" - eine visuelle Reviermarkierung, darum geht es beim Graffiti. Besonders an Türen und Wänden in Kreuzberg und Neukölln (s. Fotos) versuchen Gangs, einander zu übertrumpfen.Die Polizei registrierte im vergangenen Jahr 2 715 Fälle von Sachbeschädigung durch Graffiti, 157 weniger als zwölf Monate zuvor. Davon seien 731 Fälle, die aus mehreren Taten bestehen können, von mehr als einem Sprayer begangen worden. Die Zahl der angezeigten Sachbeschädigungen ist rückläufig. Ob das am Ermittlungsdruck liegt oder am zurückhaltenden Anzeigeverhalten, wissen die Beamten nicht.------------------------------Foto: Das berühmte Bild in der Cuvrystraße in Kreuzberg stammt von Blu, einem Graffitikünstler aus Bologna, Italien.

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