Abrupt ist Schluss. Auf ihren letzten Metern hat sich die Wilhelminenhofstraße in Oberschöneweide nur noch als schmaler Asphaltstreifen durch braches Land bewegt, links ein paar Fabrikruinen, rechts das alte Kranhaus. Dann geht es nicht mehr weiter, die Straße stößt auf die Spree. Früher soll es mal Pläne gegeben haben, hier eine Brücke über den Fluss zu bauen. Dazu kam es nie; nur eine Straße auf der anderen Spreeseite mit dem Namen Wilhelminenhofbrücke erinnert an die Absicht.

Eine neue Brücke würde den Verkehr entlasten

„Die Brücke brauchen wir dringend“, sagt Thomas Niemeyer. Der Verkehr vom Adlergestell über den Spreeübergang am anderen Ende der Wilhelminenhofstraße sei kaum noch zu bewältigen. Die neue Brücke würde Oberschöneweide direkter mit Adlershof und dem neuen Flughafen verbinden.

Thomas Niemeyer, 44 Jahre alt, kommt aus Hannover und arbeitet seit 1999 in Berlin. Bevor er in Schöneweide anfing, entwickelte er mit einem Partner Immobilienprojekte, den Admiralspalast in Mitte etwa, die wiedereröffnete Vergnügungsstätte aus den Zwanzigerjahren. Seit dreieinhalb Jahren ist er im Auftrag von Bezirk und Senatsverwaltung Regionalmanager für Schöneweide. Mit seinem vierköpfigen Team soll er für die Rahmenbedingungen sorgen, um das riesige Areal zwischen Wilhelminenhofstraße auf der einen und Spree auf der anderen Seite zu entwickeln und für Investoren interessant zu machen.

Die Wiege der Elektropolis

Niemeyer nimmt sich an einem schönen Sommertag, die Anzugjacke über die Schulter gehängt, Zeit für eine kleine Exkursion. Hier war einmal Europas längster Industriegürtel. Die Wiege der Elektropolis, des elektrifizierten Berlin. Die AEG, die Allgemeine Electricitäts-Gesellschaft, gegründet von Emil Rathenau, begann hier zu produzieren. Schnell entstand ein Ballungsgebiet aus 25 großen und einer Vielzahl von kleinen Betrieben, Werkstätten und Laboren. Fabriken über mehrere Stockwerke, riesige Produktionshallen in dem charakteristischen gelben AEG-Backstein. Damals die modernste Industriearchitektur ihrer Zeit.

Die DDR nutzte das Areal nach dem Krieg weiter. Bis zu 28.000 Menschen arbeiteten im  Kabelwerk, im Transformatorenwerk, im Werk für Fernsehelektronik und drum herum. Nach der Wende brach alles zusammen, und der Name Schweineöde, wie die Leute hier das Gebiet zu DDR-Zeiten nannten, bekam neue Berechtigung. Die meisten Versuche einer Reanimation scheiterten. Die alten denkmalgeschützten Industriehallen standen leer. Es gab kaum noch 1000 Arbeitsplätze.

Was fängt man als Stadt an mit so einem riesigen Areal, dessen Gebäude zu großen Teilen sanierungsbedürftig sind? Man kann es sich und seiner glorreichen Vergangenheit überlassen, bis alles zusammenbricht. Oder einen Zukunftsort daraus machen.

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