New York und Berlin werden immer wieder gern miteinander verglichen. In beiden Städten ist Entwicklungstempo physisch spürbar und das Geflecht von Konstruktion und Chaos läßt wenig Ruhe. Praktisch war von einer unmittelbaren Verbindung zwischen den beiden Großstädten jedoch bislang nicht viel mehr zu spüren, als daß viele New Yorker Künstler einen erheblichen Teil ihres Lebensunterhalts in Berlin verdienen. Das soll sich nun ändern. Die Knitting Factory, das New Yorker Mecka für innovative Musik aller Genres, will in Berlin eine Filiale eröffnen. Der Gedanke an eine europäische Niederlassung des seit zwölf Jahren erfolgreichen New Yorker Clubs existiert schon lange. Zuerst hatte man Amsterdam im Auge, doch gibt es dort schon zahllose Avantgarde-Bühnen, dann wollte man nach London, doch diese Stadt ist zu stark dem Diktat des Zeitgeists untergeordnet. Irgendwann befand der Chef der Knitting Factory, Michael Dorf, daß es nur Berlin sein könne und beorderte seinen Kollegen Ed Greer in die deutsche Hauptstadt, um das Terrain zu sondieren. "Berlin", so Greer, "erfüllt alle Voraussetzungen, die eine Knitting Factory sinnvoll erscheinen lassen. Die Stadt hat eine expandierende Szene und ist darüber hinaus eine Drehscheibe von Ost und West. Über diesen Standort können wir uns erschließen, was momentan in Städten wie Warschau, Moskau oder Prag noch im Verborgenen liegt." Es gehe nicht darum, eine weitere Exportgelegenheit für New Yorker Kultur zu schaffen, erklärt Greer. Im Gegenteil, man möchte in Berlin eine genuine Knitting Factory-Szene ins Leben rufen, wie einst in New York. Die Reaktionen auf diese Aktivitäten sind zwiespältig. Braucht man tatsächlich amerikanisches Know-how, um in Berlin einen überlebensfähigen Spielort für alternative Musik aufzubauen? Eigentlich ist die Infrastruktur der Stadt für die hiesige Szene ausreichend. Soll den bestehenden Clubs und Spielstätten etwa durch einen amerikanischen Junk-Jazz-Anbieter die Luft abgedreht werden? Keine Sorge, sagt Greer, Konkurrenz brauchen Jazz-Clubs wie das A-Trane oder das Quasimodo nicht zu fürchten. Das Segment der experimentellen Musik ist in beiden Lokalen längst nicht mehr so stark ausgeprägt wie noch vor einigen Jahren. Mit Bühnen wie dem Tacheles, dem Podewil oder der Kalkscheune wären hingegen Kollaborationen denkbar. Andere Veranstaltungsorte öffnen und schließen ihre Pforten, ohne Spuren zu hinterlassen. Die Berliner Szene braucht aber auch Kontinuität. Michael Dorf hat in den vergangenen zwölf Jahren bewiesen, daß er sich ohne öffentliche Mittel in einer Umwelt durchzusetzen versteht, die Projekten von zweifelhaften kommerziellen Erfolgsaussichten wenig aufgeschlossen gegenübersteht. Die Subventionen für musikalische Projekte in Berlin werden weiter zurückgehen. Alternative Erfahrungen im Umgang mit Geldgebern sind also gefragt. Andererseits hat die Knitting Factory unter Musikern einen umstrittenen Ruf. Zwar ist der Club auch als Label, Festival-Veranstalter und Tournee-Agentur aktiv, doch mehren sich die Klagen New Yorker Künstler, sie würden von der Knitting Factory nicht ernstgenommen, ja, Michael Dorf würde auf ihre Kosten sein Geld verdienen. Einige Musiker boykottieren den Club seit Jahren. Ed Greer will daher in Berlin von Anfang an andere Zeichen setzen. Um Fehler zu vermeiden, will er mit dem Kölner Stadtgarten, eine der renommiertesten unabhängigen Jazz-Einrichtungen Deutschlands, zusammenarbeiten. Auch Rainer Michalke vom Stadtgarten, der eine glückliche Hand für die Vermittlung alternativer Musik hat, geht es darum, die einmalige Chance zu nutzen, die Berlin derzeit für die internationale Szene bietet. Gerade auch zwischen Berlin und Köln soll der Austausch intensiviert werden. Greer kommt regelmäßig nach Berlin, um sich mit Politikern, Künstlern, Veranstaltern und potentiellen Sponsoren auszutauschen. Gegenwärtig werden Räume im Postamt in der Eberswalder Straße favorisiert. Mit einem Berlin-Focus auf dem Bell Atlantic Jazz Festival und der anstehenden Veröffentlichung des neuen Frigg-Albums bezieht man Berlin auch in andere Aktivitäten der Knitting Factory ein. In New York hat sie Konkurrenz durch den erfolgreichen Avantgarde-Club "Tonic" bekommen. In Berlin hat sie die Möglichkeit, sich neu zu formieren.