Der Fall Otto Dreksler wird seit Dienstag vor dem Zivilgericht verhandelt. Der Vorsitzende Richter, Michael Mauck, äußerte gestern starke Zweifel an der Rechtsstaatlichkeit des Vorgehens gegen den Polizeidirektor. "Wie kommen die Ermittler dazu, auf Grund eines anonymen Schreibens so ein Fass aufzumachen? Das Papier hätte jeder normale Bürger in den Papierkorb geschmissen." Auch verstehe er nicht, sagte Mauck, wie ein Amtsrichter einen Durchsuchungsbefehl für die Wohnung Drekslers unterschreiben konnte. Dreksler, seit vielen Jahren Leiter des Lagezentrums der Polizei, war im März 1998 durch einen anonymen Brief und dann durch ein Behördenzeugnis zu Unrecht der Scientology-Mitgliedschaft verdächtigt worden. Der damals mit den Ermittlungen beauftragte Verfassungsschutz musste später eingestehen, dass die Verdächtigungen haltlos waren. Vor Gericht verlangte Dreksler am Dienstag zunächst 50 000 Mark Schmerzensgeld und 16 000 Mark materielle Entschädigung. "Wenn das Vorgehen gegen Dreksler rechtswidrig war, ist das geforderte Schmerzensgeld nicht zu hoch gegriffen", sagte der Richter. Der Verfassungsschutz stützte sich damals auf einen ominösen Zeugen, den V-Mann Adolf Peter alias "Junior", der früher auch für die Stasi gearbeitet hatte. Obwohl der V-Mann Dreksler auf einem Foto nicht eindeutig identifizieren konnte, erstellte das Landesamt im Frühjahr 1998 das so genannte Behördenzeugnis, in dem der Polizeibeamte der Mitgliedschaft in der Sekte bezichtigt wurde. Monate später wurde diese Behauptung revidiert. "Trotzdem wurde ich noch fünf Tage lang weiter observiert", sagte Dreksler. Sein Anwalt fügte hinzu, dass auch Gespräche mit seinem Mandanten aufgezeichnet worden seien. Aus Sicht Drekslers wurde gegen einen Verfassungsgrundsatz verstoßen. "Mir wurde nie das Recht auf Gehör gewährt." Er hätte sich deswegen auch an den damaligen Innensenator Jörg Schönbohm (CDU) und an das Abgeordnetenhaus gewandt. Obwohl sich die Beschuldigungen als unwahr herausstellten, ist Dreksler jetzt nicht mehr Leiter des Lagezentrums. Er wurde als Referatsleiter bei der Landespolizeischule eingesetzt. "Ich fühle mich abgeschoben", sagte er. Bei seiner Klage gehe es ihm nicht um Geld, so Dreksler, sondern um seine Rehabilitierung. "Ich laufe immer noch mit dem Negativ-Stigma herum. Ich fühle mich schwer geschlagen." Der Richter unterbreitete einen Vorschlag zur Güte. Beide Parteien sollten sich auf 35 000 Mark Schmerzensgeld einigen. Diesen Vorschlag will der Anwalt des Landes der Innenverwaltung unterbreiten. In vier Wochen soll eine Entscheidung fallen. Der Fall Dreksler ist damit nicht erledigt. Die Grünen hatten Anfang Oktober beantragt, die Verfassungsschutz-Akten dazu vollständig offen zu legen."Ich fühle mich ab- geschoben. " Otto Dreksler Polizeidirektor

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