Mit zwei monumentalen Buchreihen zur Bau- und Stadtgeschichte dürfte Berlin die besterforschte Großstadt Deutschlands sein. Sowohl das amtliche Großinventar "Die Bauwerke und Kunstdenkmäler Berlins" des Landesdenkmalamtes mit sieben Haupt- und sechzehn Folgebänden als auch die private Reihe "Berlin und seine Bauten" vom Architekten- und Ingenieurverein (AIV) Berlin mit bislang 19 Bänden wurden im 19. Jahrhundert begonnen. Und beide Sammlungen gehen mit wachsender Massenträgheit und abnehmender Geschwindigkeit einer Vollendung entgegen, die nach menschlichem Ermessen kaum mehr zu datieren ist. Sieben Jahre nach der letzten Ausgabe von "Berlin und seine Bauten" über das Thema Schularchitektur legen der AIV und der Verlag Ernst&Sohn jetzt drei neue Bände über Sportstätten, Krankenhäuser und Sakralbauten vor. Während die wissenschaftlichen Inventare des Landesdenkmalamtes topographisch nach Stadtteilen gegliedert sind und durch ihre ungeheure Detailfülle fast entmutigen, bietet die nach Architekturgattungen geordnete Reihe des AIV einen einzigartigen Einblick in das Wachsen und Vergehen von Baugedanken. Anstelle des zufälligen Nebeneinanders der Denkmalstopographien stellt die Gattungsgeschichte des AIV eine künstliche Nachbarschaft von weit zerstreuten Bauwerken her, die in eine höhere Ordnung gebracht und damit vergleichbar werden. Der Band über Sportbauten erinnert einleitend an den sozialpolitischen Zusammenhang von Körperertüchtigung und Volksbildung im 19. Jahrhundert. Die grünen Lungen der Volksparks entstanden nach dem Vorbild englischer Gärten, während Großsportanlagen wie der Entwurf einer "Kolonie für Leibesübungen" fast zu Nationaldenkmälern im teutonischen Monumentalstil wurden. Aus Otto Marchs Deutschem Stadion von 1913 entwickelte Werner March das antikisierende NS-Reichssportfeld; leider erwähnt der Band Hitlers Schmähkritik und Speers Umplanungen nur flüchtig. Von der Blütezeit der Großbauten für Hallen- und Schulsport ist in den brutalistischen Containern der Nachkriegszeit wenig mehr zu verspüren. Erst seit den achtziger Jahren haben Architekten wie Hinrich Baller oder Christoph Langhof diese Aufgabe mit konstruktiver Expressivität wieder ernstgenommen. Aktuelle Neubauten wie die Max-Schmeling-Halle von Eisen-Joppien/Dietz und das Velodrom und die Schwimmsporthalle von Dominique Perrault sind hochtechnische Erlebnisorte, mit denen Mischtypen wie das monströse Sport- und Erholungszentrum Friedrichshain von 1981 nicht zu konkurrieren vermag. Die Kegel- und Eispaläste der Jahrhundertwende können als ausgestorbene Baugattung keine Vorbilder mehr sein, während Hallen- und Freibäder etwa das Strandbad Wannsee von Martin Wagner oder das Stadtbad Mitte von Heinrich Tessenow von 1930 bleibende Maßstäbe für den Sportbau als Kulturaufgabe gesetzt haben. Gerade für die bevorstehende Kaputtsanierung des Olympiastadions kommt diese Erinnerung an den künstlerischen Gestaltungsanspruch im Sportbau wie gerufen. Auch der Band über Krankenhäuser beginnt mit einem epochemachenden Referenzobjekt: Georg Diestels Charité-Generalplanung von 1895, die die großzügige Trennung der Abteilungen einführte. Das heutige Charité-Hochhaus mit zwanzig Geschossen von Korneli und Swora 1977-81 hat von dieser Stadtidee nichts übriggelassen; und von Sauerbruchs lichtdurchflutetem Operationshaus von 1938 kann man in heutigen Operationsbunkern nur träumen. Ausnüchterung mit Schinkel Dagegen ist das Rudolf-Virchow-Krankenhaus im Wedding, 1899-1906 vom Alleskönner und Stadtbaurat Ludwig Hoffmann entworfen, immer noch als barocke Schloßanlage mit Parkallee und beidseitigen Spalieren von Krankenpavillons mit Hausgärten erkennbar, auch wenn die klobigen Neubauten heute dem Parklandschafts-Ideal hohnsprechen. Selbst seinem Gefängniskrankenhaus Buch legte Hoffmann gartenstädtische Prinzipien zugrunde, die erst viel später beim Bau der konservativ-modernen Parkklinik Weißensee von den Architekten Baumann und Schnittger 1996 wiederentdeckt wurden. In der heutigen Hauptgattung der medizinisch-technischen Großkomplexe sticht allein das Krankenhaus Neukölln von J. P. Kleihues von 1986 durch klare Gliederung mit großzügigen Zentralhallen hervor. Der überraschende Gestaltungsreichtum der historischen Funktionsbauten kann freilich mit der höchsten Bauaufgabe, der Sakralarchitektur, nicht mithalten. Freilich reicht der preußisch-protestantische Kirchenbau, der im 17. Jahrhundert mit den Barockkirchen Nerings und im 19. Jahrhundert mit dem Historismus von Stüler, Orth und Adler seine Höhepunkte erlebt, an den Reichtum des süddeutschen Katholizismus nicht heran. Der erste Massivbau der St. Nikolaikirche aus dem 13.Jahrhundert hat bis heute seinen Standort am Rande des leergeräumten Ostberliner Forumsbereiches behauptet, während Schinkels ausgenüchterte Neu- und Umbauten, etwa die Bearbeitung von Boumanns Dom, weitgehend verschwunden sind. Dort steht heute Raschdorffs vielgescholtene Denkmalskirche des Berliner Doms, der dokumentiert, daß die Glanzstücke des Berliner Sakralbaus eher in kleinen Formaten wie Stülers Matthäikirche auf dem heutigen Kulturforum oder Orths Zionskirche im Prenzlauer Berg bestehen. Im Gegensatz zur Dauerreformation des evangelischen Kirchenbaus haben die Katholiken nur wenige, aber ruhigere Kirchen wie die St.-Hedwigs-Kathedrale in Mitte hervorgebracht aber diese ausgerechnet in der Gestalt eines Pantheons mit heidnisch-protestantischer Rundform. Ungeheuerlich ist der expressionistische Phantasieausbruch in den zwanziger Jahren mit Entwürfen von Bartning, mit der Kreuzkirche von Paulaus in Schmargendorf oder Högers Kirche am Hohenzollernplatz, die wegen ihrer futuristischen Monumentalität den Beinamen "Kraftwerk Gottes" trägt. Auch bedeutende Industriearchitekten wie Schupp und Kremmer errichteten mit der Friedenskirche Niederschöneweide neusachlich-expressionistische Zwittergebilde, ähnlich wie der Österreicher Clemens Holzmeister mit seiner St.-Adalbert-Kirche an der Linienstraße im Scheunenviertel. In den dreißiger Jahren brachte die Kirchenfeindlichkeit der Nationalsozialisten den Sakralbau bis zur Bedeutungslosigkeit herunter. In der Nachkriegszeit ist dieser Traditionsstrang dann unwiederbringlich zerschnitten: Die polygonalen und trapezoiden Kirchen von Architekten wie Otto oder Fleischer sind begehbare Skulpturen, aber keine Gebetsräume mehr. Die unfaßbarsten Schreckgebilde bringt die Zeit nach der Liturgiereform des Zweiten Vatikanischen Konzils Mitte der sechziger Jahre hervor: St. Johannes Capristan in Tempelhof von Hofbauer oder St. Agnes von Düttmann in Kreuzberg sind Schraubstock- und Bunkerarchitekturen, die deutlich machen, daß der Bedeutungsschwund der Religion auch mit dem Niedergang der Kirchenbaukunst zu tun hat. Die Erklärung, daß die Deutschen damit Buße tun für den zerstörten Reichtum an Synagogen, den der Band abschließend illustriert, würde diesen Folterwerkzeugen wenigstens noch etwas Sinn abgewinnen. Architekten- und Ingenieur- verein Berlin (Hg.): Berlin und seine Bauten. Verlag Ernst&Sohn, Berlin 1998. Sportbauten, 216 S., 413 Abb., 60 Mark; Krankenhäuser, 230 S., 372 Abb., 90 Mark; Sakralbauten, 459 S., 720 Abb. 139 Mark.

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