Berlin - Eine kleine Runde hat sich an diesem schwülwarmen Abend in Mitte versammelt. Zehn Herren, die ihre Sakkos bereits ausgezogen haben, zwei Damen im Sommerkleid. Man sitzt gemeinsam schwitzend in U-Form in der Ecke eines italienischen Restaurants in der Wilhelmstraße, es gibt kaltes Mineralwasser für alle, denn hier soll gleich diskutiert werden. In der Kurve des U hat ein junger Mann Platz genommen. Als „Stargast“ wird er angekündigt – und sein Lächeln über diese Formulierung wirkt zu gleichen Teilen belustigt und geschmeichelt. „Die FDP wird gebraucht“, sagt Sebastian Czaja.

Die letzte Woche Wahlkampf läuft, und Czaja, Spitzenkandidat der Liberalen, gibt sich sehr sicher, dass es dieses Mal wieder klappt mit der FDP und der Fünf-Prozent-Hürde. Die jüngste Umfrage misst sechs Prozent. Czaja sagt, er glaube fest an sieben. „Die Liberalen sind wieder da in dieser Stadt“, behauptet er. Das wäre ein Coup, denn 2011, im liberalen Jammertal, verschwand die FDP-Fraktion nach schmachvollen 1,8 Prozent aus dem Abgeordnetenhaus. Zieht sie wieder ein, könnte sie sogar für Mehrheiten sorgen, etwa in einer Ampelkoalition: Rot-Grün plus Liberale – und minus Linke.

An diesem Abend im Ristorante Viale dei Tigli muss der 33-Jährige – der „jüngste aller Spitzenkandidaten“, wie er betont – kaum jemanden von seinen Anliegen überzeugen. Eingeladen hat ihn ein Verband namens „Internationaler Wirtschaftsrat“, der Mittelständlern Kontakte zu weltweit operierenden Organisationen verschafft, besonders der Uno. Die Berliner Firmenvertreter am Tisch, einer betreibt Pflegedienste, einer macht in Immobilien,  ein anderer irgendwas mit Start-ups, sind freundlich interessiert und nicken viel. „Tolle Kampagne“, lobt einer die bunten Prisma-Plakate. Man ist sich mit dem Kandidaten einig, dass das Berliner Bildungssystem nichts taugt und die Verwaltung auch nichts. „Die Politik ist nicht in der Lage, diese Stadt gescheit zu managen“, fasst Czaja die Lage zusammen. Man nickt.

Kleine, verständliche Vorschläge

Das klingt nicht unbescheiden, dabei ist gerade dieser FDP-Wahlkampf auch eine Übung in Demut. Man wolle „Vertrauen zurückgewinnen“, sagt Czaja dazu. Die abgewählte FDP sei zu arrogant gewesen im Auftritt, zu weit weg von den Menschen, zu abgehoben in ihren Konzepten. Auch Sebastian Czaja, jüngerer Bruder des CDU-Sozialsenators, gehörte zu dieser FDP, saß fünf Jahre lang im Parlament, bis zum gnadenlosen Aus. „Das Hinfallen war eine heilsame Erfahrung“, sagt er jetzt.

Tatsächlich wurde einiges verändert, insbesondere am Stil. Czaja erliegt nicht dem liberalen Laster vergangener Jahre, die FDP ständig naseweis als unverzichtbare Marktwirtschaftspartei auszurufen und ordnungspolitische Grundsatzreferate zu halten. Er präsentiert sich vielmehr als pragmatischer Problemlöser und hat dafür eine Reihe kleiner, verständlicher Vorschläge parat – die er inzwischen wohl im Schlaf aufsagen kann. Krise in den Bürgerämtern? Da gibt es eine App, mit der man 200.000  Meldetermine erledigen könnte, von zu Hause aus. Wohnungen fehlen? Da braucht man ein Baulückenkataster und muss Eigentum fördern, indem bis 500.000 Euro die Grunderwerbssteuer erlassen wird. „Aber haben Sie das durchgerechnet?“, wird er gefragt. Seine Antwort darauf klingt vorbereitet: „Wir sollten nicht immer gleich ,aber’ sagen, sondern auch mal etwas wagen.“

Czaja schafft es mit dieser Kombination aus smarter Jugendlichkeit, simplen Vorschlägen und Lebensweisheiten wie im Poesiealbum ein Macher-Image zu mixen, das durchaus zu ihm passt. Er schaut die Leute an, zu denen er spricht, wirkt verbindlich, überzeugt, optimistisch. Er ist stets gut gekleidet, sommerlich, italienisch, nicht protzig. Mit seiner kleinen Haartolle auf der hohen Stirn wirkt er ein wenig wie Tim aus „Tim & Struppi“. Kein schlechtes Omen, schließlich gewinnt der auch immer am Schluss.

Zieht die FDP wirklich ins Parlament ein, dann aber auch, weil sie das Thema „Flughafen Tegel offenhalten“  geschickt kommuniziert hat, als sogenanntes Alleinstellungsmerkmal. Keine andere Partei – außer der AfD – will und würde da zwar mitmachen. Aber um ein absehbares Scheitern im Parlament vorab zu entkräften, sieht Czaja inzwischen Bewegung in der Frage. Wo und bei wem, bleibt vorerst sein Geheimnis. Vielleicht würde Struppi was finden.