Berlin - Die Lage am Lageso ist weitgehend ruhig. Nicht mehr als 30 Flüchtlinge treffen täglich in Berlin ein. Kein Vergleich zum Vorjahr, als zeitweise 1000 kamen und das Landesamt für Gesundheit und Soziales völlig überlastet war. Die Zahlen können jederzeit wieder steigen, doch die Atempause muss genutzt werden, um drängende Probleme in Angriff zu nehmen.

Die Flüchtlinge müssen endlich aus den Turnhallen raus, viele leben dort bereits seit einem knappen Jahr. Immer noch sind mehr als 40 Hallen belegt, die neuen Containerdörfer noch nicht eröffnet. Und nachdem im Landesamt Lageso wieder Normalzustand herrscht, stauen sich die Anträge nunmehr auf Bundesebene. Im BAMF, dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, das für die Asylverfahren zuständig ist.

Warten seit einem Jahr

Die 23-jährige Yara kam mit ihrer Mutter im August 2015 nach ihrer Flucht aus Syrien in Berlin an und hatte erst in diesem Juli die entscheidende Anhörung in einer Außenstelle des BAMF in Spandau, sagt sie. Jetzt wartet Yara auf ihren Bescheid.

Noch vor einem Jahr war das BAMF gehalten, Asylanträge von Flüchtlingen aus Syrien etwa – die ohnehin mit großer Wahrscheinlichkeit bleiben dürfen – quasi gesammelt zu bearbeiten. So sollten Verfahren beschleunigt werden. Aber seit der Silvesternacht von Köln und den Anschlägen im Sommer in Bayern werden die Anträge wieder einzeln geprüft. Um zu verhindern, dass Flüchtlinge mit gefälschten syrischen Pässen ins Land kommen – und das kostet Zeit.

Für Yara, die mit ihrer Mutter und inzwischen auch ihrem später geflüchteten Vater in der ehemaligen Schmidt-Knobelsdorf-Kaserne in Spandau wohnt, bedeutet das eine weitere Verzögerung. Die Familie kann nicht auf Wohnungssuche gehen, bevor die Aufenthaltstitel da sind. Yara besucht einen Deutschkurs in der Volkshochschule in Wilmersdorf. Sie ist auf dem Sprachniveau A2, man kann sich mit ihr unterhalten, aber für einen Job braucht sie B2.

Nur wenige Flüchtlinge durch Arbeitsagenturen vermittelt

Rund 55.000 Flüchtlinge sind in Berlin aufgenommen worden, davon haben etwa 15.000 eine gute Bleibeperspektive und sind zudem im arbeitsfähigen Alter. Aber nur 5000 werden in Jobcentern betreut, und sogar nur 300 von ihnen wurden nach Angaben der Regionaldirektion der Arbeitsagentur vermittelt: in Einstiegsqualifikationen, Praktika, Ausbildungen, Jobs.

Dass bislang nur so wenig vermittelt wurden, liegt an mangelnden Deutschkenntnissen der Flüchtlinge, insbesondere wenn sie das lateinische Alphabet nicht schon kannten. Ein weiteres Problem ist aber, dass es wohl nicht genügend Deutschkurse für alle gibt. Nach Einschätzung der Volkshochschulen müsste der Senat eine Million Euro zusätzlich zur Verfügung stellen, um die Nachfrage an VHS-Kursen zu decken. Christian Wiesenhütter, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der IHK, erwartet vom Senat einen Überblick über die bestehenden Sprachkurse und das bei den Teilnehmern vorhandene Bildungsniveau.

Doch auch die berufliche Qualifikation der Asylsuchenden erschwert einen schnellen Zugang zu einem Job. Viele von ihnen haben keine mit deutschen Standards vergleichbare Berufsausbildung. Bei manchen Asylsuchenden ist der Aufenthaltsstatus ungeklärt, bei anderen werden auch falsche Erwartungen geweckt. So verfolgen die Willkommen-in-Arbeit-Büros, die Arbeits- und Integrationssenatorin Dilek Kolat (SPD) in Großunterkünften wie den Hangars in Tempelhof eingerichtet hat, zwar den guten Zweck, den Bewohnern mit Hilfe von Bildungsberatern und Integrationslotsen einen ersten Einblick in den Arbeitsmarkt zu verschaffen – etwa in das System der dualen Ausbildung. Berichtet wird aber auch, dass sich in diesen Büros Menschen aus dem Westbalkan melden, die kaum eine Chance haben, legal in Berlin bleiben zu dürfen.

Auch Senat und Wirtschaft haben noch nicht viel erreicht, um den Flüchtlingen den Weg in den Arbeitsmarkt zu erleichtern. Vom Projekt Arrivo, das ihnen Praktika in Berufen der Handwerks- und Handelskammer vermittelt, haben nach Angaben der Arbeitsverwaltung bisher lediglich 610 Flüchtlinge profitiert. Weitere 51 haben Ausbildungen in IHK-Berufen begonnen, 40 an Einstiegsqualifikationen teilgenommen.

52.000 Fachkräfte fehlen

Dabei fehlen der Berliner Wirtschaft laut IHK 52.000 Fachkräfte, vor allem im Handel und der Dienstleistungsbranche. Viele kleine Betriebe erklären, dass sie Flüchtlinge beschäftigen würden. Doch außer in den Jobcentern gibt es keine Vermittlungsstellen. Aus datenschutzrechtlichen Gründen können IHK und Handwerkskammer keinen Datenpool mit Angaben über arbeitsuchende Flüchtlinge erstellen.

Doch trotz der Anlaufschwierigkeiten – und Hindernisse, die es weiterhin bei der Integration der geflüchteten Menschen in das Arbeitsleben geben wird: Die Zahl derer wird steigen, die die nötigen Voraussetzungen erfüllen. Schließlich verbessern sich von Monat zu Monat die Deutschkenntnisse der Kursteilnehmer, und die Stapel von Asylanträgen werden auch irgendwann abgearbeitet sein. Die Agentur für Arbeit rechnet bis Jahresende mit einem starken Anstieg in den Jobcentern.

Die Jüngsten unter den Flüchtlingen haben die besten Chancen. Das sind die Kinder, die in Willkommensklassen unterrichtet werden und in wenigen Jahren mit einem Abschluss die Schule beenden können. 12.000 Schüler werden nach Angaben der Bildungsverwaltung in Willkommensklassen unterrichtet. Demnächst sollen Integrationskitas und Ferienschulen eröffnet werden. In Berufsschulen soll es Vorbereitungskurse mit Praktikum geben, in Familienzentren sollen Angebote geschaffen sowie Ehrenamtliche mehr unterstützt werden. Das alles sind notwendige Maßnahmen. Entscheidend aber ist, dass das Angebot für alle reicht.