Berlin - In der Berliner Bildungspolitik klafft traditionell eine große Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Während die Verantwortlichen in der seit 20 Jahren von der SPD-geführten Bildungsverwaltung gerne so tun, als seien die Berliner Lernstätten republikweit Avantgarde, offenbaren sich doch bei genauerer Betrachtung zahlreiche Mängel.

Einige dieser Mangelerscheinungen sind inzwischen allseits anerkannt. Ganz vorne auf der Liste stehen die vielen maroden Schulgebäude. Hier haben sich wenige Monate vor der Wahl alle Parteien mit teils konkreten Vorschlägen zu Wort gemeldet, wie dieser Sanierungsstau aufzulösen sei, und wie gleichzeitig eiligst angesichts wachsender Schulzahlen dringend benötigte Neubauten entstehen können.

Nach der Wahl wird es spannend zu sehen, welches Modell sich durchsetzt. Entstehen tatsächlich die von der SPD favorisierten Landesgesellschaften unter Beteiligung der landeseigenen Wohnungsbaugesellschaften? Das käme einer Entmachtung der zuletzt oft überforderten Bezirke gleich – und wäre ein großer Wurf. Natürlich sinkt durch schönere Schulbauten allein nicht zwingend die weiter erschreckend hohe Zahl der Schulabbrecher.

Die Frage also ist, welche bildungspolitischen Schwerpunkte setzt der nächste Senat. Wenn über Jahre, wie allseits versprochen, Milliarden in die Schulbauten gesteckt werden, müssten womöglich andere Bereiche zurückstecken. Doch auch hier ist viel Geld bereits verplant. Die Kita ist nun gebührenfrei, die Horte sind es wohl bald auch, die Grundschullehrer sollen so viel Geld bekommen wie die Studienräte, und die Erzieher sollen auch irgendwann mal dran sein.

Qualifziertes Personal zu finden, ist die nächste wichtige Aufgabe. Denn Berlin muss auch in den nächsten Jahren Tausende Lehrer und Erzieher einstellen. Wo die herkommen sollen, ist relativ unklar. Man darf sich auf weitere Spontanaktionen wie Lehrerwerbung in Österreich gefasst machen. Noch eine Bestenauslese vornehmen zu können, davon hat sich die Bildungsverwaltung in vielen Fällen verabschiedet.

Den Nachteil haben die Schüler, die mit denen vorlieb nehmen müssen, die da sind. Eine langfristige Personalpolitik wäre erforderlich (gewesen). Zumal es bei der Unterrichtsqualität vielerorts einiges zu tun gibt. Wenn weiterhin so viele Zehntklässler die Abschlussprüfungen für die Berufsbildungsreife nicht bestehen, wird es eine ernste Debatte geben müssen. Und zwar darüber, ob die Schulstrukturreform von 2010 das erklärte Ziel, die Abbrecherquote zu reduzieren, auch nur ansatzweise erreicht hat.

Im Zuge der Verdrängung aus bestimmten Innenstadtbereichen drängen sich die Kinder aus sozial schwachen Familien zunehmend in bestimmten Kitas und Grundschulen. In solchen Milieus können sie schon früh die Lust am Lernen verlieren. Auch eine gewisse Durchmischung dieser staatlichen Bildungseinrichtungen wäre eine politische Aufgabe. Und mehr Anreize für engagierte Pädagogen könnte es geben, genau dort hinzugehen.

Womöglich liegt es auch am nicht effizienten Personaleinsatz, wenn Bildungserfolge vieler Berliner Schüler bescheiden bleiben. Es gibt auch viele gute Schulen, doch offenbart sich in Ländervergleichen, dass Berliner Schüler selbst in der Spitze nicht mehr so gut sind.

Schon bald wird dieses Thema Berlin wieder schlecht da stehen lassen. Ende Oktober veröffentlicht das Institut für Qualitätsentwicklung im Bildungswesen den jüngsten Bundesländervergleich. Deutsch- und Englischkompetenzen von Neuntklässlern wurden getestet.

Es bleibt so viel zu tun: Die digitale Bildung vieler Schüler findet derzeit meist nicht im Unterricht, sondern in den Pausen draußen auf dem Schulhof statt. Die ersten inklusiven Schwerpunktschulen treten zum Praxistest an. Ganz wichtig auch: Den vielen Kindern und Jugendlichen aus Flüchtlingsfamilien muss eine möglichst gute Schulkarriere ermöglicht werden. Auch die Beruflichen Schulen, an deren Profilierung die Verwaltung seit Jahren herumwerkelt, werden hier eine wichtige Rolle spielen. Die Berliner Hochschulen wiederum müssen endlich für den tatsächlichen Pädagogenbedarf ausbilden.