Berlin - Die Hoffnung ist blau, dunkelblau. Marc Urbatsch zeigt auf den Bildschirm und deutet auf einen Straßenzug im Norden Moabits, der entsprechend eingefärbt ist. „Hier würde sich das Stecken lohnen.“ Stecken – das ist Wahlkampfjargon für das Verteilen von Flugblättern in Briefkästen, und für Marc Urbatsch ist es derzeit eine wichtige Beschäftigung. Der 40-Jährige, ein großer, jovialer Typ mit lauter Stimme und offenem Blick, ist Direktkandidat der Grünen in Wahlkreis 0104, der Nord-Moabit und den Brüsseler Kiez im Nordwesten Weddings umfasst. Für seine Partei ist es ein Wahlkreis mit Potenzial.

Wo lohnt sich der Wahlkampf?

„2011 haben uns 80 Stimmen für das Direktmandat gefehlt“, sagt Urbatsch. Diese 80 Wähler will er haben, und natürlich noch ein paar dazu. Aber wo findet er sie? Hier kommt der Computer ins Spiel, und die Berlin-Karte, auf der die Stadt in kleine Karrees in unterschiedlichen Blautönen eingeteilt ist.

Wahlkampfatlas nennen die Grünen ihr neues Planungsinstrument. Es ist ihre Antwort auf ein Dilemma, vor dem alle Parteien stehen. Die Zahl der aktiven Mitglieder stagniert oder schrumpft. Zugleich wächst die Zahl der Wechselwähler. Die Parteien müssen also mehr Aufwand treiben, um Stimmen zu bekommen. Mit dem Wahlkampfatlas wollen die Grünen identifizieren, wo es sich lohnt, verstärkt Präsenz zu zeigen. „Früher war das häufig eine Sache des Bauchgefühls“, sagt der Landesvorsitzende Daniel Wesener. Heute verlassen sie sich auf Daten.

Wo also lohnt es sich? Erste Grundregel: Wo es bereits viele Wähler gibt, lassen sich am leichtesten neue gewinnen. Darum sind frühere Wahlergebnisse eine wichtige Grundlage des Wahlkampfatlas’. Sie sind nicht nach Wahlkreisen geordnet, sondern nach den 1.780 Stimmbezirken, in die Berlin unterteilt ist.

Die Grünen schneiden regional sehr unterschiedlich ab. Bei der Abgeordnetenhauswahl 2011 reichte die Spanne von 2,2 Prozent in einem Marzahner Wahllokal bis zu 48,1 Prozent in einem Kreuzberger Quartier. Doch um zu wissen, wo Potenzial schlummert, sind mehr Informationen nötig. „Es ist kein Geheimnis, dass wir häufig von Frauen gewählt werden“, sagt Daniel Wesener.