Beschäftigte im alten West-Berlin hatten es zu Mauerzeiten gut: sie erhielten mit jedem Monatsgehalt eine steuerfreie Zulage von acht Prozent auf ihren Bruttolohn. "Zitterprämie" wurde die vom Bund gezahlte Zulage genannt, die das Arbeiten in der eingemauerten Halbstadt attraktiv machen sollte. Auf das Nettogehalt bezogen machte die "Zitterprämie" schon mal einen Anteil von rund zwölf bis 15 Prozent aus. Je nach Einkommenshöhe durften sich die Beschäftigten über Zuschüsse von umgerechnet mehr als hundert Euro monatlich freuen. Mit Wehmut erinnert sich noch heute mancher West-Berliner an die damaligen Zuwendungen, die Anfang der 90er-Jahre eingestellt wurden. Der Bund zahlte damals jährlich umgerechnet 1,4 Milliarden Euro für die Prämie.Neben der Berlinzulage gab es für West-Berlin noch eine ganze Reihe anderer Subventionen - sie wurden vor allem gezahlt, um die Wirtschaftskraft der Stadt zu stärken. "Berlin war nur mit massiver Hilfe des Bundes lebensfähig", sagt Karl Brenke vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW).Große Unternehmen wie Siemens und die Allianz waren nach dem Krieg und der Teilung Berlins mit ihren Zentralen aus der ehemaligen Hauptstadt weggezogen. Die Banken Richtung Frankfurt am Main, Versicherungen nach München und Richtung Düsseldorf. Hamburg entwickelte sich zum Verlagsstandort. Viele Bundesländer, die heute weitere finanzielle Hilfen für Berlin ablehnen, profitierten damals von dem Fortzug der Wirtschaftsunternehmen aus Berlin - die Firmen brachten ihnen Arbeitsplätze und Steuereinnahmen.Als Reaktion auf den Verlust der Arbeitsplätze in der Wirtschaft wurden in Berlin vor allem in den Behörden neue Arbeitsplätze geschaffen. Der Senat musste für die Ausgaben nicht aufkommen. Zu Mauerzeiten wurde all das, was nicht aus eigenen Einnahmen bezahlt werden konnte, mit Bundesmitteln finanziert - jede zweite Mark kam damals aus Bonn. Nach Mauerfall und Wiedervereinigung wurden neben der "Zitterprämie" viele liebgewordene Vergünstigungen und Subventionen zügig gestrichen. Die Bundeshilfe wurde nach Angaben der Senatsfinanzverwaltung von 7,4 Milliarden Euro im Jahr 1991 auf nur noch 2,8 Milliarden Euro im Jahr 1994 reduziert.Der verringerte Betrag stand freilich dem nun wiedervereinigten Gesamtberlin mit rund 3,4 Millionen Einwohnern zur Verfügung. Einer Stadt, die auf Grund ihrer langen Trennung alles doppelt und mitunter sogar dreifach besaß: einen Tierpark und einen Zoo, die Deutsche Oper, die Staatsoper und die Komische Oper. In der DDR war der Ostteil Berlins ebenfalls finanziell hochgepäppelt worden, oftmals zu Lasten der Entwicklung in den übrigen Landesteilen. Das Geld floss in Prestigeprojekte wie den Bau des Palastes der Republik oder des Sport- und Erholungszentrums (SEZ), mit denen Ost-Berlin als moderne Hauptstadt der DDR dargestellt werden sollte. Die Bezirksbehörden waren im Ostteil sogar mit noch mehr Personal ausgestattet als die Behörden im Westteil. In Ost-Berlin gab es zwar keine Zuwendungen wie durch die Berlinzulage, dafür waren die Gehälter dort höher als in anderen Städten der DDR. Und es gab in ausgewählten Geschäften Lebensmittel, die woanders nicht zu kriegen waren: zum Beispiel Bananen oder Delikatess-Schinken.Die Zahlungen, die Berlin heute vom Bund und den Ländern erhält, kommen an die Zeiten der West-Berliner Subventionen nicht mehr heran: rund 5,2 Milliarden Euro fließen über den bundesstaatlichen Finanzausgleich in diesem Jahr in die Kassen Berlins. Zu wenig, um die auf mehr als 60 Milliarden Euro angewachsene Schuldenlast bewältigen zu können. Deswegen klagt Berlin auf weitere Bundeshilfen.Solche Klagen waren Ende der 1940er-Jahre nicht nötig. Um dem geschundenen West-Berlin zu helfen, beschloss der Bundestag am 9. Dezember 1949 als eines seiner ersten Gesetze das Notopfer Berlin - eine von den westlichen Alliierten initiierte Briefmarkensteuer in Höhe von zwei Pfennig. Jeder in Deutschland verschickte Brief wurde bei der Aktion mit einer blauen Steuermarke im Wert von zwei Pfennig beklebt. Rund 23 Milliarden mal wurde die Steuermarke bis zum Jahr 1956 verklebt und spülte 430 Millionen Mark in die Kasse.------------------------------Steuerfreie ZulagenBerlinzulage wurde an Arbeitnehmer gezahlt. Zusätzlich zum Bruttolohn erhielten die Beschäftigten jeden Monat einen steuerfreien Zuschlag in Höhe von acht Prozent des Brutto-Monatslohns. Wer damals 4 000 Mark verdiente, erhielt also jeden Monat steuerfrei 320 Mark. Hinzu kamen Steuervergünstigungen für Einkünfte: Unternehmen mussten 30 Prozent weniger Körperschaftssteuer bezahlen, Arbeitnehmer eine ebenso geringere Lohnsteuer.Umsatzsteuerpräferenzen wurden seit den 50er-Jahren an Abnehmer von Waren aus Berlin bezahlt. Wenn eine Firma aus dem Bundesgebiet zum Beispiel eine Maschine aus Berlin erwarb, erhielt sie dafür Steuervergünstigungen von 4,2 Prozent. Im Laufe der Zeit erhielten auch die in Berlin ansässigen Hersteller finanzielle Vergünstigungen für Produkte, die sie in das Bundesgebiet verkauften. Laut DIW beliefen sich die Präferenzen auf bis zu zehn Prozent. Verkaufte ein Unternehmer eine Kiste Schrauben für 100 Mark, erhielt er zehn Mark als Zuschlag, der Abnehmer 4,20 Mark. Fehlentwicklungen gehörten allerdings dazu. Es gab laut DIW-Experte Karl Brenke Produkte, bei denen die Subventionen höher waren als die Produktionskosten - zum Beispiel bei Kakaomasse und Kaffee.Investitionszulagen gab es für all jene Berliner Unternehmer, die sich Maschinen anschafften oder Gebäude errichteten. Der Bau von Fabrikgebäuden wurde mit einer Zulage in Höhe von 20 Prozent subventioniert. Dienten die Gebäude der Forschung und Entwicklung, wurden sogar Zuschüsse von 25 Prozent fällig. Ebenfalls 25 Prozent der Anschaffungskosten wurden für Maschinen bezahlt. Wurden die Maschinen in Forschung und Entwicklung eingesetzt, gab es Zuschüsse von 40 Prozent.------------------------------Foto: West-Berlin hing durch den Mauerbau jahrzehntelang am Tropf des Bundes. Der Ostteil war 1989 zahlungsunfähig.