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1. Mai in Grunewald: Linke ziehen durch Villenviertel

Ernste Themen beim satirischen Umzug der Hedonistischen Internationalen durch den Grunewald am 1. Mai 2018.

Ernste Themen beim satirischen Umzug der Hedonistischen Internationalen durch den Grunewald am 1. Mai 2018. 

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imago/Christian Mang

Grunewald -

Bei so viel Satire fällt die Orientierung schwer: Das Quartiersmanagement Grunewald – gibt es natürlich nicht in einer solchen Gegend! – lädt am 1. Mai zum Bürgerfest nach Grunewald ein, also in das Villenviertel wohlhabender Berliner. Unter dem Motto „Miteinander gegen ein Gegeneinander im Grunewald“ wollen die Demonstranten mit den Bewohnern ins Gespräch kommen – und auch mit „jungen Randalierern“, die womöglich die 1. Mai-Randale von Kreuzberg nach Grunewald verlegen wollen. Zu Ausschreitungen soll es aber nicht kommen: „Burn Bratwurst – not Porsches!“, lautet die Parole des Bürgerfestes.

Demonstration im Grunewald soll friedlich verlaufen

Bereits zum zweiten Mal rufen Künstler und Aktionsgruppen wie Hedonistische Internationale und Bergpartei auf, am 1. Mai durch den Grunewald zu ziehen, denn: „Wo eine Villa ist, ist auch ein Weg.“ Im „sozial abgehängten Bezirk“, so die Veranstalter, sollen „Begegnungszonen“ eingerichtet werden. „Wir lernen aus Kreuzberg und befrieden die Mai-Krawalle mit einem friedlichen Bürgerfest: My Gruni“, sagt Robert Rating von der Chanson-Punk-Band The Incredible Herrengedeck. Bei der Demo, die um 13 Uhr am S-Bahnhof Grunewald startet, wird es ganz ernsthaft um wichtige soziale Fragen gehen: um Verteilungskämpfe, Reichtum, Armut, steigende Mieten, um Parallelgesellschaften und die „zunehmende Abschottung der Wohlhabenden“, sagt Rating.

Mit Bands und elektronischer Tanzmusik von Lautsprecherwagen wollen die Demonstranten mit Perücken, lustigen Klamotten und Transparenten durch die Straßen gehen. „Mag der Wunsch nach Enteignung, Besetzung und umfassende Umverteilung auch noch so legitim sein, der Protest muss, kann und soll friedlich geäußert werden“, sagt Rating.

Demonstration im Grunewald sorgt für Streit im Bezirksparlament Charlottenburg

Damit reagieren die Veranstalter auf die Ereignisse im Vorjahr. Beim Umzug durch Grunewald wurden mehrere Autos, Hauswände, Zäune und Stromverteilerkästen beschädigt. Die Polizei registrierte 68 Sachbeschädigungen und hatte die Situation falsch eingeschätzt: Angemeldet waren etwa 200 Teilnehmer, gekommen sind 3000, die Organisatoren schätzten sogar 5000 Teilnehmer. Dieses Jahr wird die Polizei die Demo „personell stärker“ begleiten, sagte ein Polizeisprecher. „Sollten unter dem Deckmantel der Demonstration Straftaten begangen werden, werden wir sie verhindern.“

Wegen der Spaß-Demo gab es auch Streit im Bezirksparlament Charlottenburg-Wilmersdorf. FDP und CDU wollten, dass sich alle Parteien vorab von linksradikalen Straftätern distanzieren. „Unfassbar“, kommentierte Niklas Schenker von der Linksfraktion diese Forderung. Linke und Grüne lehnten den Antrag ab, die SPD enthielt sich.

Am 1. Mai wollte auch die FDP durch Grunewald ziehen. Der Abgeordnete Marcel Luthe hatte in seinem Wahlkreis eine Demo „Nie wieder Sozialismus“ angemeldet, sie aber am Dienstag zurückgezogen, „in Anbetracht der zu erwartenden extremen Belastung der Polizei an diesem Tag“.