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Berliner Schnauze: Zehn der schönsten Redewendungen und ihre Bedeutung

Der Berliner liebt auch heute noch seine Redewendungen - viele davon reichen weit zurück.

Der Berliner liebt auch heute noch seine Redewendungen - viele davon reichen weit zurück.

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imago/Schöning

Ob man es nun als Berliner Schnauze, Hauptstadt-Dialekt, Mundart, Volkssprache, Weltstadt-Idiom, Slang oder Jargon bezeichnet, eines ist klar: die Berliner tun berlinern und das janz von Herzen. Schon vor 200 Jahren wurde der Berliner Jargon als ein Gemisch „aus märkischer Bauerndrastik mit französischem Esprit“ bezeichnet. Wir haben ein paar der schönsten Redewendungen zusammengesucht.


Im Berlinerischen findet man unzählige Einflüsse anderer Sprachen. Aus dem Polnischen stammen Großkotz und die in Berlin weit verbreitete Aufforderung aber mal dalli zu machen. Daffke, Ramsch und Kaschemme haben die Berliner aus dem Jiddischen übernommen. Doch die Mehrheit aller Begriffe haben französische Wurzeln: plärren (pleurer), Trottoir, Pissoir, Bellevue, Gendarmenmarkt.

Hier zehn typische Redewendungen der Berliner:


Dit zieht hier wie Hechtsuppe!

Was die Redewendung bedeutet ist klar: Hier zieht es unerträglich. Und sie impliziert die Aufforderung, dass jemand schleunigst die Fenster oder Türen schließen sollte. Woher kommt aber der Ausspruch? Keineswegs hat die Redewendung etwas mit einer Fischsuppe zu tun, die – weil Hechtfleisch so zäh ist – ewig ziehen muss.

Der Hauptstadt-Slang hat auch viele jiddische Einflüsse: Kaschemme (schlechte Kneipe), meschugge für durchgeknallt und eben Hechtsuppe, das vom jiddischen hech supha kommt, was so viel wie „starker Wind“ bedeutet.


Du jibst an wie Graf Koks vonne Jasanstalt.

Aufschneider, Schnösel und feine Pinkel können die Berliner nicht leiden. Im Jargon werden die Ku'damm-Dandys - all jene also, die sich als Angeber zeigen - auch Graf Koks genannt. Sie werden gerne veräppelt. Dann kommt auch so was Schönes heraus wie Graf Rotz von der Popelsburg.


Ach du grüne Neune

Ballhaus Resi

In Berlins Ballhäusern ging es heiß her.

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imago/Arkivi

Erschrickt sich der Berliner, ruft er nicht „Ach du meine Güte“, sondern faselt etwas von grüner Neune. Es gibt verschiedene Herleitungen. Die schönste ist folgende: Das verruchte Tanzlokal Conventgarden (vielleicht das Berghain des 19. Jahrhunderts) befand sich in der Blumenstraße Nr. 9.

Wie es in Berlin oft so ist, befand sich der Haupteingang aber woanders, nämlich im Grünen Weg. Das ein wenig in Verruf geratene Lokal wurde von den Berlinern (mit ihrer Liebe für Spitznamen und Verballhornungen) bald nur noch „Grüne Neune“ genannt. Und weil es in der „Grünen Neuen“ oft turbulent zuging, reagierte man auf nicht so erfreuliche Überraschungen mit dem Ausruf „Ach Du grüne Neune!“.


Mir ist janz blümerant zumute.

blümerant

Mit Blümchen hat blümerant nichts zu tun.

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imago/photothek

Wenn einem Berliner janz blümerant zumute ist, dann ist ihm schwindelig, flau im Magen oder er schwächelt etwas im Angesicht einer Herausforderung. Vorlage ist das französische bleu mourant, ein mattes sterbendes Blau. Friedrich II. hatte ein Porzellan-Service in bleu mourant, einem blassen Blau, das die Berliner auch „Vergissmeinnicht in Milch gekocht“ nannten. Irgendwie muss es sie so beeindruckt haben, dass daraus der Ausruf „mir wird ganz blümerant“, also blau vor den Augen, wurde.


Mach mal keene Fisimatenten!

Der Berliner Jargon wimmelt nur so von französischen Einflüssen. Das Wahrzeichen der Berliner Speisekarte etwa, die Bulette, kommt vom französischen boulette (kleines Fleischbällchen). Und natürlich haben wir Chausseen, wohnen in der Belle Etage oder im Parterre gleich vis-à-vis vom Gendarmenmarkt oder in einem anderen Quartier. Die Berliner haben keine Geldbörse, sondern ein Portemonnaie und essen Püree und keinen Kartoffelbrei.

Die Warnung, keinen Ärger zu machen, also keine Fisimatenten, haben uns wahrscheinlich die napoleonischen Soldaten eingebrockt. Entweder haben sich Soldaten mit der Ausrede an den Wachen vorbei geschmuggelt, sie haben noch ihre Tanten besucht ( j’ai visité ma tante), wenn sie zu spät kamen.

Die Wachen haben das natürlich durchschaut und so kam das visité ma tante als Fisimatenten in den Berliner Sprachgebrauch. Oder: Napoleonische Soldaten haben mit dem Spruch visiter ma tente versucht, Berliner Mädchen in ihr Zelt einzuladen. Erfahrene Mütter warnten ihre Mädchen also beim Ausgehen: „Mach mir keene Fisimatenten!“.  


Wat hat der denn für ein Backpfeifenjesicht?

Backpfeifengesicht

Zwei, die sich in Sachen Backpfeifen nicht zurückhalten.

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imago/Prod.DB

Charmbolzen sind die Berliner nicht und wollen es auch gar nicht sein. „Du ollet Backpfeifenjesicht!“ reiht sich nahtlos ein in regional beliebte Schimpfwörter wie Pissnelke, Raffke, Detz-Kopp, Schnalle, Heulsuse, Piesepampel, Nulpe.... Nicht umsonst spricht man auch von der Berliner Kodderschnauze.


Dir hamse wohl mit dem Klammerbeutel jepudert.

Wer diesen Ausruf erntet, wird für verrückt gehalten. Um ihn zu verstehen, muss man sich in die Lage eines Müllers und die Funtionsweise einer alten Mühle versetzen. Dort gab es Mehlkästen und in diesen Kästen klemmten Beutel. Während des Mahlvorgangs dienten die Beutel als Sieb. Die Mehlmaschine rüttelte ordentlich und durch die Beutel fiel das frisch gemahlene Mehl in den Mehlkasten. Sehr dumm war nun der Müller, der während des Mehlvorgangs den Mehlkasten öffnete und von dem gewaltig herausstaubenden Mehl gepudert wurde.


Rache ist Blutwurst und Leberwurst ist Zeuge.

Blutwurst Leberwurst

Auch Blut- und Leberwurst haben ihren Weg in die Berliner Redewendungen gefunden.

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imago/CHROMORANGE

Stammt wohl ursprünglich von „Rache ist Gold“. Zum schon bescheuerten „Rache ist Blutwurst“ haben Kinder offenbar einfach die Leberwurst dazu gedichtet. Im Verballhornen von Gebäuden, Sprichwörtern oder Liedern sind Berliner groß: „Wer nie sein Brot im Bette aß, weiß nicht wie Krümel pieken“.


Der sieht aus wie'n Affe uff'm Schleifstein.

Das sagt mein Vater heute noch wenn er einen beleibten Mitte-Hipster ein zu kleines Rennrad fahren sieht. "Wie ein Affe auf dem Schleifstein". Der macht also keine bella figura. Mit Affen-Begriffen haben es die Berliner: "Lackaffe", „Klappe zu, Affe tot“, „sich zum Affen machen“, „ick glob', mir laust ein Affe“, „total affig“ wird auch gerne und oft gesagt.


Dit is jottwedee!

Wenn ein Berliner auf einen Ausgehvorschlag entsetzt antwortet „Dit is ja jottwedee!“ - janz weit draußen -, können Sie einpacken. Er wird nicht mitkommen. Der Berliner bleibt sowieso ganz gerne in seinem Kiez. „Raus ins Jrüne“ fährt er höchstens am Wochenende. Bei schönem Wetter.