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Brache ohne Bäume: Wie der Große Tiergarten nach dem Krieg aufgeforstet wurde

Aufforstung des Großen Tiergarten in Berlin

Im Krieg zerstört: Von etwa 200.000 Bäumen gab es nur noch 700.

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picture alliance/ZB

Es war vor 70 Jahren, mitten in der Blockade Berlins durch die Sowjetunion und ihre Helfer in der entstehenden DDR. Da pflanzte der damalige Regierende Bürgermeister Ernst Reuter die erste Linde des neuen Großen Tiergartens. Wie Tausende anderer Baumsetzlinge soll auch sie per Flugzeug in die Stadt gebracht worden sein. Was im Krieg, dann in den harten Winter der mittleren 1940er-Jahre zerstört und abgeholzt worden war, sollte wieder erstehen – eine der berühmtesten öffentlichen Parkanlagen Europas.

Neugestaltung als grüne Lunge Berlins

1742 hatte König Friedrich II., gerade war sein erster Schlesischer Krieg beendet, beschlossen, den königlichen Jagdpark Tiergarten den bürgerlichen Untertanen zugänglich zu machen. Sein Vorbild waren die allen zugänglichen Parkanlagen in London. Nach Plänen seines Hofarchitekten Georg Wenzelslaus von Knobellsdorf entstanden elegante barocke Parketts, Hecken und formale Teiche, wie sie damals gerade noch so in Frankreich Mode waren. Rund um den Großen Stern waren Skulpturen aufgestellt, um die herum sich ein reges, oft erotisches Nachleben entfaltete – der Berliner Spruch „bis in die Puppen“ gehen soll sich angeblich auf den langen Weg hierher beziehen.

Im späten 18. Jahrhundert kamen die landschaftlich gestalteten Gärten an Schloss Bellevue hinzu, 1818 legte Peter Lenne einen grandiosen Plan vor, der den Tiergarten zum Teil der Erinnerungslandschaft für die Befreiungskriege gegen Napoleon gemacht hätte. Aber es dauerte bis 1833, dass der Tiergarten nach Lennés überarbeiteten Plänen neu gestaltet wurde, nun als grüne Lunge Berlins und als weiträumiger, englischer Landschaftspark zum Promenieren.

Der Tiergarten nach dem Krieg: Weite Flächen waren wüst, wurden als Kartoffelacker oder als Kleingarten genutzt

Im Wesentlichen war es dieser Garten, der im Krieg zerstört worden war. Von 200.000 Bäumen hatten kaum 700 überlebt, weite Flächen waren wüst, wurden als Kartoffelacker oder als Kleingarten genutzt. Der Wiederaufbau des Tiergartens sollte auch in neuen Formen geschehen. Nicht mehr der monarchische Promeniergarten für die Untertanen, sondern ein Freiraum für selbstbewusste Bürger stand Reuter vor Augen, vergleichbar etwa dem New Yorker Central Park.

Erste Konzepte dafür hatten der Stadtrat Reinhold Lingner und Georg Pniower 1946 vorgelegt. Realisiert wurde dann der Plan von Wilhelm Alverdes, der neuste amerikanische Modelle mit der Tradition der Berliner Volksgärten aus den 1920er-Jahren zu einem neuen Kunstwerk verband. Erst in den 1980er- Jahren begann Klaus von Krosick als Chef-Gartendenkmalpfleger von Berlin, mit Freischlagen und neu angelegten Alleen auch die spätbarocken Traditionen und die Planungen von Peter Lenne wieder stärker zu betonen.

Ein Monument der Amerikanisierung Berlins

Der heutige Tiergarten ist aber auch ein Teil des langes Weg Berlins hin zu jener nicht nur aus Notwendigkeit akzeptierten, sondern doch weit überwiegend geschätzten nationalen Hauptstadt und internationalem Hotspot freiheitlicher Ideen.

In den Jahren nach dem Krieg sahen viele Deutsche nämlich durchaus noch skeptisch bis ablehnend auf die zunehmende Fraternisierung der West-Berliner mit den West-Alliierten. Konrad Adenauer und Ernst Reuter standen mit ihrem eindeutigen Plädoyer, dass sich Deutschland dem westlich-liberalen Gesellschaftsmodell anschließen solle, lange gegen eine seit der Kaiserzeit und dann besonders von den Nazis gepflegte Idee von einem nationalen „Sonderweg“ zwischen West und Ost – die übrigens heute wieder an Popularität gewinnen – siehe die schlichtweg falschen Thesen des AfD-Chefs Alexander Gauland über die Segnungen deutsch-russischer Nähe für den Frieden und die Freiheit Europas oder das peinliche Schweigen der Linken zu Putins Krieg gegen die Ukraine.

Der neue, mit seinen weiten Spielwiesen und locker angepflanzten bunten Büschen für die Zeitgenossen sehr amerikanisch anmutende Park wurde dagegen zu einem Monument der Amerikanisierung Berlins, so wie der Englische Garten seit 1952 für die engen Bindungen nach Großbritannien standen.

Die überaus liberale Nutzung des Gartens für die Love Parade oder die vielen Veranstaltungen auf der Straße des 17. Juni stehen genau in der Idee, die Reuter und Alverdes von einem Volksgarten hatten – weniger allerdings sicherlich die Verwahrlosung dieses kostbaren öffentlichen Raums durch Übernutzung, Vandalismus und mangelnde Instandhaltung.

Denkmal der Solidarität

Und der Tiergarten ist noch eines: Ein Denkmal der historisch einzigartigen, über Jahrzehnte durchgehaltenen Solidarität West-Deutschlands mit West-Berlin. Es waren nämlich auch die westdeutschen Bundesländer, die sich hier mit Baumspenden und Geld engagierten, der Bremer Weg etwa zeugt bis heute davon, überall im Park finden sich Gedenksteine.

Eigentlich also sollte der Jahrestag der von Ernst Reuter initiierten Neuerschaffung der Berliner grünen Lunge jedes Jahr gefeiert werden. Mit einer Party.