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Diamanten aus Totenasche: Kirche warnt vor Kommerzialisierung des Todes

Urne

Bislang muss die gesamte Asche eines Toten als Ganzes in einer Urne beigesetzt
werden. Mini-Urnen mit etwas Asche für zu Hause sind nicht erlaubt.

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dpa/sophia Kembowski

Potsdam -

Die Positionen könnten nicht gegensätzlicher sein zwischen den großen christlichen Kirchen und den Bestattern – jedenfalls wenn es um die Frage geht, ob es künftig erlaubt werden soll, dass sich Trauernde aus der Asche ihrer Toten einen Diamanten pressen lassen. Es geht um die Idee, dass Hinterbliebene den Verstorbenen dann in Form eines künstlich hergestellten Erinnerungssteins als Schmuck tragen – Opas Asche als Diamantring.

Technisch ist das möglich und wird in Staaten wie der Schweiz, Niederlande oder Tschechien bereits praktiziert. Nun will Brandenburg sein Bestattungsgesetz so weit verändern, dass dies bundesweit erstmals auch hierzulande erlaubt werden soll. Am Donnerstag wird der entsprechende Gesetzentwurf der rot-roten Regierung im Innenausschuss behandelt.

Vorwurf der Kommerzialisierung

Für die neue Idee werben die Bestatter, gerade weil immer mehr Hinterbliebene nach solchen neuen, modernen Möglichkeiten der Trauerbewältigung fragen und weil die Leute sich – da es hierzulande verboten ist – solche Erinnerungssteine im Ausland fertigen lassen. „Brandenburg ist bekanntlich ein reformorientiertes Bundesland“, sagt Gerd Rothaug, Vizechef des Berufsverbands privater Krematorien in Berlin-Brandenburg am Montag in Potsdam. „Mit dem neuen Gesetz kann das Land zeigen, dass es weltoffen und nicht rückschrittlich sein will.“

Die Gegenposition bezieht Martina Köppen, Leiterin des Katholischen Büros Berlin-Brandenburg. „Es gibt einige Dinge, da ist es gut, konservativ und bewahrend zu sein“, sagt sie. Martin Vogel, Beauftragter der Evangelischen Kirche bei den Ländern Berlin und Brandenburg, ergänzt: „Das ist ein neues Geschäftsfeld für Bestatter. Das kritisiere ich nicht, ich konstatiere es nur.“ Aber er spricht auch davon, dass nun eine Grenze überschritten werden solle.

„Wie viel Asche verschwindet bei großen Familien?“

Bei der Debatte werden grundsätzliche ethische Fragen diskutiert. Wer darf über den Umgang mit Toten bestimmen? Bislang musste die gesamte Asche eines verbrannten Toten in einer Urne beerdigt werden – soll es nun künftig erlaubt sein, dass ein Teil der Asche auch anderweitig verwendet werden darf? Die Kirche ist strikt dagegen und spricht von Kommerzialisierung des Todes. Die Bischöfe beider Kirchen schreiben: „Die Würde eines Menschen gilt von Anfang an. Und sie endet nicht mit dem Tod. Davon sind wir aus christlichem Verständnis überzeugt.“

So bleibe ein Mensch einzigartig und unvergessen. „Er sollte nicht zu einer Sache gemacht werden, die von einzelnen Menschen in Besitz genommen wird.“ Katholikin Köppen sagt zur Idee, einen Teil der Asche zu entnehmen: „Das wäre so, als wenn jemand sagt: Du kannst meinen Fuß haben und du meine Hand.“ Die Frage sei auch, wer denn kontrollieren wolle, wie viel Asche für wie viele Steine entnommen werde. „Wie viel Asche verschwindet bei großen Familien?“

Politik gegen Kirche

Martin Vogel von der Evangelischen Kirche lehnt die Diamant-Idee auch deshalb ab, weil damit ein Toter zu einem Ding werde, zu einem Stein an einem Ring. Damit werde der Tod privatisiert. Wichtig sei, dass Tote für alle zugänglich auf einem Friedhof liegen und ihre Achse nicht im Privatgarten verstreut wird oder die Urne in der Schrankwand steht. Und was geschehe, wenn der Hinterbliebener mit dem Diamantring verarme, und der Gerichtsvollzieher komme und den Toten – der der Ring ja noch immer sei – pfänden wolle. „Es gibt sehr viele offene Fragen“, sagt Martin Vogel.

Rüdiger Kußerow, Obermeister der Bestatterinnung in Berlin-Brandenburg, sagt, die Frage sei, wer über die Bestattungskultur entscheiden dürfe. „Die Politik oder die Kirchen? Oder die Menschen selbst, die Hinterbliebenen, die Trauernden?“ Er erzählt, dass er Bestatter sei wie sein Großvater und Vater. „Ich mache das seit 40 Jahren und die Bestattungskultur hat sich sehr geändert. Anfangs gab es nur Erd- und Feuerbestattungen.“ Dann wurden Seebestattungen modern – und es gab Protest von den Kirchen. Dann folgten anonyme Urnenbeisetzungen. „Wieder gab es den Aufschrei der Kirchen: Niemand solle namenlos verscharrt werden.“

Zehn Gramm von mehreren Kilo

Als vor einigen Jahren Beisetzungen in Friedwäldern aufkamen, gab es wieder Protest. Protest nun auch bei den Diamanten oder der Entnahme von kleinen Aschenmengen für eine Mini-Urne die bei den Hinterbliebenen zu Hause stehen soll. „Die Leute bringen Erfahrungen aus anderen Ländern mit“, sagt Kußerow. Und so ändere sich die Bestattungskultur. „Die Leute wollen in ihrer Trauer ernst genommen werden und nicht reglementiert.“

Die Befürworter sagen, dass bei der Verbrennung etwa drei bis vier Kilogramm Asche übrig bleiben. Zehn Gramm würden für einen Stein gebraucht, der dann für etwa 3000 Euro künstlich unter hohem Druck und hoher Hitze aus dem Kohlenstoff der Asche gepresst wird.

Befürworter loben bessere Kontrolle

„Es geht nicht darum, dass sich ganze Familien Diamanten machen lassen, sondern dass die Menge für einen einzigen Stein entnommen wird“, sagt Kußerow. „Die Leute wissen, was sie wollen. Und wenn so etwas nicht geregelt ist, machen es die Leute eben in der Schweiz.“

Üblich ist derzeit, dass ein Leichnam hierzulande verbrannt wird und die Urne dann regulär aus der Schweiz angefordert wird. Kosten: 400 Euro. Die Hinterbliebenen holen sich die Urne dann im Urlaub ab und machen damit, was sie wollen. Die Befürworter des neuen Gesetzes sagen: Mit einer klaren Regelung hier im eigenen Land wäre besser unter Kontrolle, was geschieht.