Neuer Inhalt

Ferienland Luhme: Die Revoluzzerranch von Ex-Hausbesetzer Freke Over

freke_kuss

Daheim in Heimland: Freke Over und seine Lebensgefährtin Nele.

Foto:

Andreas Teich

Luhme -

„Wolln Se zu dem Freke Over?“, fragt der Busfahrer, als wir mit Kind und Rucksäcken am Bahnhof von Rheinsberg in die Linie 785 steigen. Eine Berliner Familie mit Kind im Kitaalter, die kann nur das Ziel „Ferienland Luhme“ haben, scheint der Fahrer zu denken. Recht hat er.

Freke Over (49), Ex-Bürgerschreck und Politaktivist, gehörte in den 90er-Jahren zu den Besetzern in der Mainzer Straße in Friedrichshain. Von 1995 bis 2006 saß er für die Linken im Abgeordnetenhaus von Berlin. Heute betreibt er das „Ferienland Luhme“.

Vor 13 Jahren kaufte er zusammen mit seiner damaligen Frau das Betriebsferienheim der Konsumgenossenschaft Berlin im Luhmer Ortsteil Heimland und gestaltete es nach und nach um.

Er hatte genug von Häuserkampf und Großstadt, wollte mit seinen drei Kindern aufs Land. Heute sind die Kinder groß, und Over bewirtschaftet das Ferienland zusammen mit seiner Lebensgefährtin Nele (44).

freke_bruecke_2

Den Steg am Kapellensee hat Freke zusammen mit Flüchtlingen renoviert.

Foto:

Andreas Teich

Rund hundert Schlafplätze gibt es in Bungalows und Gästehäusern. Werktags kommen Kitagruppen und Schulklassen, an den Wochenenden buchen Familien Kurzurlaub. Auch Hochzeitsgesellschaften und Seminargruppen reisen nach Luhme. „Und in diesem Jahr findet erstmals ein Kinderferienlager statt“, erzählt uns Freke bei einem Cappuccino. „So ein Sommercamp könnte es dann öfter geben.“

Berliner Kinder jeden Alters stromern durch die lauschig-verwilderte Anlage, während die Eltern auf der Terrasse der betriebseigenen Gaststätte „Konsumwirtschaft“ Milchcafé trinken und Zeitung lesen. Das Ferienland atmet entspannten Retrocharme und kinderfreundliche Lässigkeit.

Wer das perfekt designte Urlaubsdomizil sucht, ist hier allerdings falsch. Wer es aber selbst gebaut und improvisiert mag mit einem guten Schuss Wagenburgromantik, wird sich pudelwohl fühlen. Zwischen den an einem Hang gelegenen Bungalows scharren Hühner, Katze Paula schleicht um die Häuser, immer auf der Suche nach einem Urlauberschoß, auf dem sie schnurren kann. Überall auf dem weitläufigen Gelände gibt es Schaukeln, Rutschen und Klettergerüste.

Die meisten Spielplatzgeräte stammen aus DDR-Kitas und haben hier ein zweites Leben bekommen. Ganz in der Nähe locken zwei Badeseen mit glasklarem Wasser und kleinen Sandstränden.

freke_ziegen

Im weitläufigen Garten darf ausgiebig gekuschelt und gestreichelt werden. 

Foto:

Andreas Teich

Und auch bei schlechtem Wetter wird es nicht langweilig: Die Tobescheune ist Luhmes Antwort auf sterile Indoorspielplätze. Ein paar alte Matratzen liegen auf dem Boden, dazu eine Rutsche und Schaukeln, die Wände sind bunt bemalt.

Hinter den Ställen für die Ziegen, Schafe und Schweine, Kaninchen, Schildkröten und Meerschweinchen wiegt sich Schilf im Wind: eine Pflanzenkläranlage. Über allem weht eine orange Fahne mit lachender Sonne – das Markenzeichen des Ferienlands.

Straßenschild vom Berliner Leninplatz

Frekes Mutter, eine Künstlerin, hat es gestaltet. „Die Kinder sind bei uns den ganzen Tag beschäftigt, sie können sich auf dem Gelände richtig austoben. Und die Eltern haben mal Ruhe“, erklärt der Hausherr sein Konzept. 

In Luhme machten früher verdiente Genossen des VEB Stahl- und Walzwerk Hennigsdorf Urlaub. Noch früher – ab 1910 – wollte hier eine germanische Sekte mit der „Siedlungsgesellschaft Heimland“ arische Menschen züchten, Freikörperkult und Selbstversorgung von der kargen Scholle inklusive. Wer in Luhme Urlaub macht, kommt um Politik nicht herum – und sei es nur als Zitat. „Kein Platz für Nazis“ klebt an der Tür zur Gastwirtschaft. Hinter dem Sandkasten steht ein Schild mit der Aufschrift „Leninplatz“. „Das ist das original Straßenschild vom Berliner Leninplatz“, sagt Freke nicht ohne Stolz.

freke_bruecke_1 (1)

Ob am Kapellensee oder auf der Ziegenwiese: In Luhme entdecken Stadtkinder die Natur.

Foto:

Andreas Teich

Der Platz heißt seit einem Vierteljahrhundert „Platz der Vereinten Nationen“, hier auf Frekes Revoluzzerranch hat das alte Schild einen Ehrenplatz bekommen. Politisches Engagement und Gastronomie gehen in Luhme Hand in Hand. Freke beschäftigte zeitweise sieben Syrer und Afghanen aus einem Flüchtlingsheim in der Nähe. Seit das Heim geschlossen wurde, arbeitet nur noch die Syrerin B’door in der Küche der „Konsumwirtschaft“. Dort gibt es nun mehrmals im Monat syrische Spezialitäten zum Abendessen.

„Das ist eher Sozialengagement als eine Hilfe für uns“, gibt Freke zu. „Denn wegen der schlechten Busverbindung nach Neuruppin, wo B’door wohnt, müssen wir sie meist selbst nach Hause fahren. Und dann ist da ja auch noch die Sprachbarriere.“

Die meisten Urlauber kochen in den Bungalowküchen ohnehin selbst oder leihen sich einen Grill aus. Doch das Engagement ist Freke und seiner Lebensgefährtin wichtig. „Wir haben viele Gemeinschaftsevents im Ferienland veranstaltet“, erzählt Nele. „Einen afghanischen Filmabend, ein großes Mitbringbuffet für Leute aus dem Dorf und Flüchtlinge, ein gemeinsames Osterfeuer.“

Nele erteilte kostenlosen Deutschunterricht. „Einen Winter lang haben wir Integration gemacht statt zu bauen und unseren Betrieb zu organisieren“, sagt Freke. „Aber das war wichtig.“

Die Politik ist seine große Leidenschaft geblieben. Im Kreistag Ostprignitz-Ruppin sitzt er als Fraktionschef der Linken und ist „der erfolgloseste Politiker von ganz Brandenburg“, wie er selbst sagt. „Mein Thema ist der öffentliche Verkehr, aber der ist im Laufe der Jahre trotzdem immer schlechter geworden. Ich bezeichne ihn auch den letzten Hort des real existierenden Sozialismus“, sagt er und lacht.

Viel ausrichten lässt sich nicht, die Linken sitzen im Kreistag als kleine Opposition mit acht Abgeordneten. Zurück in die große Politik als Vollzeitpolitiker, Freke Over könnte sich das durchaus vorstellen, sagt er. Aber erst einmal muss im Ferienland weitergewerkelt werden. Es gibt immer etwas zu tun.

In diesem Jahr soll die Terrasse der „Konsumwirtschaft“ vergrößert werden, damit möglichst viele große und kleine Gäste draußen essen können. Nur selbst mal irgendwo Urlaub machen, das kann der Ferienlandchef fast nie. „Aber zum Parteitag der Linken, da nehme ich mir natürlich immer frei“, sagt Freke, trinkt noch einen Schluck Cappuccino und lacht.