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Heidekrautbahn: Weltweit erster Wasserstoffzug rollt durch Berlin und Brandenburg

Startklar in Basdorf: Der Coradia iLint wird für die Sonderfahrt nach Berlin bereit gestellt.

Startklar in Basdorf: Der Coradia iLint wird für die Sonderfahrt nach Berlin bereit gestellt. Ab 2022 sollen solche Züge täglich auf der Heidekrautbahn fahren.  

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Gerd Engelsmann

Berlin/Basdorf -

Weiße Schwaden steigen auf, als der blaue Zug einfährt. „Das sieht nicht nur aus wie Wasserdampf, das ist auch welcher“, sagte Thomas Dill vom Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB).

Emissionsfreie Heidekrautbahn ab 2022

Er gehörte am Montag zu den Gästen einer Premierenfahrt der besonderen Art. Erstmals rollte der Brennstoffzellenzug des französischen Zugbauers Alstom durch Berlin und Brandenburg. Die Fahrt des Zuges namens Coradia iLint, der in Salzgitter gebaut wird und der nur Wasserstoff tankt, führte von Basdorf (Barnim) zum Bahnhof Gesundbrunnen und wieder zurück.

Ein Vorgeschmack auf die Zukunft – denn auf der Heidekrautbahn nordöstlich von Berlin sollen ab Ende 2022 nur solche Züge fahren: emissionsfrei und ziemlich leise.

Bahnhof Basdorf, Montag gegen 9.45 Uhr. Die Schwaden haben sich verzogen, der Zug ist bereit zum Einsteigen. Auf den ersten Blick sieht er aus wie ein Dieseltriebwagen. Doch die Dachkonstruktion ist speziell: Hinter Blenden befinden sich zwei Wasserstofftanks, die jeweils 220 Kilo fassen. „Das reicht für tausend Kilometer“, sagt Jens Sprotte von Alstom. Einmal Volltanken auf 350 bar dauert eine Viertelstunde.

Brandenburg wünscht sich innovative Züge

Ebenfalls auf dem Dach sind die Brennstoffzellen montiert. Sie liefern den Strom, damit der Zug auf Tempo 140 beschleunigen kann. In den Aggregaten reagiert der mitgeführte Wasserstoff mit dem Luftsauerstoff. Dabei fallen Wasserdampf und Wasser an. Kein Ruß, kein Kohlendioxid dringt aus dem Auspuff.

„Dieser Zug zeigt, dass emissionsfreie Mobilität keine Zukunftsmusik mehr ist“, sagt Sprotte. Dieser und ein anderer blauer Triebwagen sind seit September 2018 zwischen Cuxhaven, Bremerhaven und Buxtehude unterwegs. Es sind die ersten Brennstoffzellenzüge der Welt, teilen die Eisenbahnen und Verkehrsbetriebe Elbe-Weser mit. Inzwischen wurden für Niedersachsen weitere 14 Brennstoffzellenzüge eingekauft.

„Wir wünschen uns, dass es solche Züge künftig auch mit dem roten Brandenburg-Adler gibt“, sagte Brandenburgs Infrastrukturministerin Kathrin Schneider (SPD) in Basdorf. „Wir wollen neue Wege gehen und innovative Projekte für nichtelektrifizierte Strecken unterstützen.“ Federführend ist die Niederbarnimer Eisenbahn (NEB), die mit dem Landkreis Barnim, den VBB sowie den Ländern Berlin und Brandenburg zusammenarbeitet.

Heidekrautbahn ist bestens geeignet für elektrisches Fahren

Das Uckermärker Unternehmen Enertrag soll aus Wind den grünen Strom erzeugen, mit dessen Hilfe der Wasserstoff gewonnen wird. Auch Solarkraft wird genutzt. In knapp vier Jahren könnte dann der abgasfreie Zugbetrieb beginnen. Das Netz der Regionalbahnlinie RB27 – auch als Heidekrautbahn bekannt – reicht im Norden bis Groß Schönebeck in der Schorfheide und Schmachtenhagen, im Süden bis Berlin-Karow und Gesundbrunnen. In den Dieseltriebwagen, die heute dort rollen, sind täglich 4000 Fahrgäste unterwegs. 2023 geht die Stammstrecke nach Wilhelmsruh wieder in Betrieb, auf der 1901 die Historie der Bahn begann.

Elektrisch fahren ohne Fahrleitung: Dafür wäre die Heidekrautbahn bestens geeignet, sagte NEB-Chef Detlef Bröcker. An der Strecke werde viel gebaut. „Es gibt immer mehr Anwohner, die sich über die leisen Züge freuen werden.“ Berliner sind dort ebenfalls unterwegs: Ausflügler in die Schorfheide, zum Wandlitz- und zum Liepnitzsee.

Neue Züge auch für weitere Strecken geplant

Auch hier kostet die Verkehrswende viel Geld. Für das Vorzeigeprojekt im Barnim sind 35 Millionen Euro aus Bundes- und Landesmitteln nötig. Die Brennstoffzellenzüge kosten mehr als Dieselfahrzeuge – auch wenn es nicht das Doppelte ist wie momentan bei den Elektrobussen. Derzeit kann ein Kilo Wasserstoff drei Mal so viel wie ein Liter Diesel kosten, sagte Thomas Dill. Doch nach acht bis zehn Jahren seien die Aufwendungen so niedrig wie bei Diesel. „Dann haben wir Gleichstand“, so Tanja Kampa von Alstom.

Unterdessen bereitet der VBB das nächste Projekt vor. Auch auf den Regionalbahnlinien RB33, 37 und 51, die unter anderem nach Berlin-Wannsee, Jüterbog und Rathenow führen, soll die Diesel-Ära enden. „Dort könnten Batteriezüge fahren“, sagte Dill. Da ein Teil der Strecken unter Fahrdraht verläuft, ließen sich die Akkus per Fahrleitung aufladen.