Einwanderer auf vier Pfoten: Wie Waschbären Berlin erobern

Berlin -

Waschenbären sind süße, putzige Wesen – oder? Der buschige Schwanz, die spitze Nase, die schwarze Brille, die ein wenig so wirkt, als sei sie von Zorro höchstpersönlich geklaut. Was für kleine Racker! Nun – viele Anwohner in Siemensstadt dürften darüber seit Tagen anders denken.

Es passiert am Donnerstag in den frühen Morgenstunden: Im Kraftwerk Reuter West des Stromversorgers Vattenfall am Großen Spreering gibt es einen Kurzschluss – ein greller Lichtblitz folgt, ein lauter Knall, Tausende Berliner im Umkreis werden äußerst unsanft aus den Betten gerissen. Schuld an dem Zwischenfall, laut Vattenfall, ein Waschbär. „Das Tier hatte es irgendwie geschafft, in die Schaltanlage des Kraftwerkes zu gelangen“, sagte Vattenfall-Sprecher Olaf Weidner. Dort verursachte der Kleinbär den Kurzschluss. Eine Dampfturbine ging vom Netz, der Dampf strömte durch ein Sicherheitsventil aus. Das Dröhnen, das dadurch entstand, hielt die Anwohner wach – und zwar knapp eine Stunde lang. „Hunderte Notrufe gingen in diesem Zeitraum bei uns ein“, sagte eine Sprecherin der Polizei dem KURIER.

Gute Lebensbedingungen

Ob es wirklich der Waschbär war? Das ist unklar. Sicher ist: Die schwarz-weißen Tiere sind in Berlin seit Jahren auf dem Vormarsch. „Wir schätzen die Population auf rund 600 bis 800 Waschbären-Familien“, sagte Wildtier-Experte Derk Ehlert von der Senatsverwaltung für Umwelt dem KURIER. „Inzwischen sind die Tiere auch im Stadtzentrum angekommen. Invalidenstraße, Unter den Linden – überall kann man sie treffen.“

Wühlten schon Gärten um: Berlins Wildschweine

Wühlten schon Gärten um: Berlins Wildschweine.

Foto:

imago/Metodi Popow

Die eigentlich nordamerikanischen Tiere, die im Berliner Raum unterwegs sind, haben, vermuten Experten, ihren Ursprung in Strausberg. Im Jahr 1945 wurde hier eine Pelztierfarm von einer Fliegerbombe getroffen und zerstört. Einige der Tiere überlebten, flohen in die nahe gelegenen Wälder.

Und nun werden wir sie nicht mehr los. Ehlert: „Der Bestand steigt, auch wenn wir noch nicht von einer Plage sprechen können. Die Bären finden gute Lebensbedingungen vor. Es gibt keine richtig kalten Winter – und auch einige der natürlichen Feinde, beispielsweise Spulwürmer, sind hier nicht verbreitet.“

Durch das Vorrücken in die Siedlungen kommen auch immer mehr Berliner in Kontakt mit den Tieren. Zum Beispiel in Karlshorst: Im Netz tauchte kürzlich ein Foto einer Bären-Sichtung auf, daraufhin meldeten sich zahlreiche Anwohner und beschrieben ihre eigenen Begegnungen. Einer davon ist Dirk Wisny (48). „Wir haben eine Tür, die aus der Küche in den Garten führt“, sagte er. „Dort steht auch eine Biotonne. Nun sind immer wieder Waschbären zu Gast, die sich daran vergreifen, sie umwerfen und ausleeren.“

In keinem Fall Futter anbieten 

Von den Geräuschen wird der Karlshorster, der nahe der Treskowallee wohnt, regelmäßig wach. „Inzwischen haben sie sogar gelernt, den Verschluss der Tonne aufzudrehen“, sagt er. Bei anderen Anwohnern kletterten die Bären sogar auf den Balkon, suchten nach Futter.

Wer einen sieht, sollte allerdings auf keinen Fall Futter anbieten, sagt Experte Ehlert. „Die Bären lassen sich sehr gern häuslich nieder, wenn sie Nahrung finden. Wer Katzen hat, sollte sie kontrolliert füttern, damit die Bären sich nicht am Futternapf laben.“

K04_05-31_71-120177034_RGB_ori

Gefährlich für Autos: Marder zerstören gern Kabel, Gummis und Schläuche.

Foto:

picture alliance / dpa-tmn

Ansonsten gilt: Nicht streicheln, nicht unbeobachtet lassen, Katzenklappen am besten verschließen, wenn sich der tierische Besuch ankündigt. Wer die Tierchen nicht ausstehen kann, könne auf Vergrämungs-Mittel zurückgreifen. „Es gibt Geräte, die mit Ultraschall und Duftstoffen arbeiten und bauliche Veränderungen, die man vornehmen kann, um den Bären zum Beispiel den Aufstieg an der Dachrinne zu versperren.“

Wohl keine Schuld am Kraftwerks-Defekt

So frech die Tiere auch sind – an einem hat Ehlert Zweifel: daran, dass ein Waschbär der Auslöser des Kurzschlusses im Kraftwerk von Vattenfall war. Der Experte ist sicher: Der Problem-Bär ist unschuldig! „Ich denke, dass er dort in der Nähe wohnte und nur zufällig vor Ort war, die Havarie aber von etwas anderem ausgelöst wurde“, sagt er.

Als Mitarbeiter des Kraftwerkes anrückten, um den Defekt zu beheben, trafen sie das Tier lebend an. Ein Jäger und Experten des NABU wurden hinzugezogen – als sie den Bären fangen wollten, floh er. „Ich sehe keinen Zusammenhang zwischen der Anwesenheit des Bären und dem Kurzschluss“, sagt Ehlert. „Denn wenn sich der Bär an einem Kabel vergriffen hätte, wäre er durch den Stromschlag sofort tot gewesen.“ Ähnliche Vorfälle habe es vor Jahren gegeben – mit einem Waschbären und einem Marder, beide Tiere überlebten es nicht. Ehlert: „Grundsätzlich sollten solche Anlagen natürlich so gesichert sein, dass keine Wildtiere sich daran vergreifen.“ 

Auch diese Tiere erobern die Stadt

K04_05-31_71-120177030_RGB_ori

Auch Füchse werden in der Stadt immer wieder gesichtet.

Foto:

dpa

Der Waschbär ist nicht das einzige Wildtier, das in Berlin immer mehr auf dem Vormarsch ist. Auch andere Tierarten fühlen sich in der Hauptstadt inzwischen sehr heimisch. Bestes Beispiel: das Wildschwein. Immer näher sind die wuchtigen Waldbewohner in den vergangenen Jahren an die Stadt herangerückt. Immer wieder pflügten sie Gärten um, Wanderer berichteten von Begegnungen mit den eigentlich scheuen Tieren.

Ein weiterer wilder Bewohner der Großstadt ist der Fuchs. Eine vom RBB gestartete Aktion zu Füchsen in der Stadt stieß auf große Resonanz – zahlreiche Berliner schickten Bilder, berichteten von Begegnungen.

Unschön gehen für den Menschen oft auch Revierkämpfe von Mardern aus. Zwar tun diese nagenden Wildtiere nichts – doch siezerstören gern Kabel, Schläuche und Gummis an Autos. Die wilden Tiere haben ihre Scheu vor den Menschen schon lange verloren – und erst recht vor den fahrbaren Untersätzen.