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Fachgeschäft muss schließen: Wer sammelt denn noch Briefmarken?

Eva Maria und Norbert Mankiewicz

Wie aus der Zeit gefallen: 1970 übernahmen Eva Maria und Norbert Mankiewicz den Briefmarkenladen in der Reinhardtstraße. Nun lösen sie ihr Geschäft auf. 

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Sabine Gudath

Berlin -

Eva Maria Mankiewicz dekoriert die Schaufenster ihres Briefmarkengeschäfts mit den alten Weihnachtsfiguren. Es ist ein kleines Ritual, so wie jedes Jahr um diese Zeit. Doch dieses Jahr stehen Nussknacker und Holzfiguren aus dem Erzgebirge zum letzten Mal inmitten der Folien mit vergilbten Briefumschlägen und den Hüllen mit alten Münzen und Briefmarken. Die Krippe mit dem Jesuskind wird erst am 24. Dezember ins Schaufenster gestellt. „Zeitgerecht“, sagt Norbert Mankiewicz. „Und dann ist Schluss.“

Die Mankiewiczs geben ihr Geschäft auf. Sie haben keinen Nachfolger gefunden. Wer sammelt denn auch heute noch Briefmarken?

Mehr als 50 Jahre haben Eva Maria, 72, und Norbert Mankiewicz, 73, das Geschäft für Marken und Münzen in der Reinhardtstraße in Mitte geführt. Der Laden war schon in der DDR eine Institution, der einzig selbstständig geführte Laden seiner Art in Ost-Berlin. Und bis heute ist das Geschäft eine Besonderheit geblieben. Denn in Berlin gibt es nur noch fünf Fachgeschäfte. Es waren mal über 100.

In den vergangenen Jahren kam immer weniger Kunden, und wenn, wollten die meisten nur wissen, was ihre Sammlungen wert sind. Norbert Mankiewicz ist Gutachter und Sachverständiger. Das bleibt er auch, wenn der Laden geschlossen ist.

Philatelisten-Verbände müssen diese Entwicklung seit Jahren mitansehen

Die Mankiewiczs haben sich schwergetan, ihr Geschäft aufzugeben. „Wir haben uns hier wohlgefühlt“, sagt Eva Maria Mankiewicz. Doch es gebe nun mal immer weniger Sammler, junge Leute interessierten sich gar nicht mehr für Philatelie. „Die Kinder unserer Enkel werden Briefmarken gar nicht mehr kennen“, sagt Norbert Mankiewicz.

Die Philatelisten-Verbände müssen diese Entwicklung seit Jahren mitansehen. 1600 Mitglieder gibt es derzeit noch in Berlin und Brandenburg, 1 000 in Sachsen und Sachsen-Anhalt, 500 in Thüringen. „Briefmarken spielen im Alltag keine Rolle mehr“, sagt Klaus-Dieter Schult, Vorsitzender des Philatelisten-Verbandes Berlin-Brandenburg.

Und so sind manche Besitzer enttäuscht vom geringen Wert ihrer Sammlungen, einst als lukrative Geldanlagen gedacht. „Es gibt Briefmarken im Überfluss, der Markt ist voll“, sagt Schult, ein pensionierter Lehrer.

Briefmarken-Kenner Norbert Mankiewicz ging es nie ums Sammeln und Geldanlegen, für ihn ist Philatelie ein Erforschen der Postgeschichte, eng verbunden mit den technischen und ökonomischen Verhältnissen der jeweiligen Zeit. „Geschichte muss belegbar sein“, sagt er.

Viele Regale sind schon leer

Denn Stempel und Briefmarken dokumentieren nicht nur den Weg zum Empfänger, sondern geben auch Auskunft über die Logistik, wie die Post einst Briefe mit Schiffen, Bahnen und Kutschen um die Welt transportiert hat.

Briefe, die Boten zu Fuß brachten, bekamen früher einen Wanderstempel. „Viele Kunden kamen ins Geschäft, um stundenlang über ihre Recherchen zu reden“, sagt Norbert Mankiewicz. Meist waren es ältere Herren. „Als Sammler braucht man eine gewisse Reife.“

Der Laden wirkt wie aus der Zeit gefallen. Schränke und Vitrinen stammen aus der Gründerzeit. Eine alte Uhr tickt, eine Rechenmaschine steht im Regal. Im Schaufenster blinkt keine Lichterkette, auch im Laden fehlt jegliche moderne Dekoration. „Viele Besucher erleben einen Zeitsprung in die Vergangenheit“, sagt Eva Maria Mankiewicz.

Sie ist mit Marken und Münzen aufgewachsen. Ihr Vater Johann Krawczyk begann 1932 in Moabit, mit Briefmarken zu handeln. 1964 arbeitete auch Tochter Eva Marie mit, 1966 kam Norbert Mankiewicz hinzu. Nach dem Krieg eröffnete Krawczyk ein Geschäft in der Reinhardtstraße, 1970 übernahmen es Eva Maria und Norbert Mankiewicz. Und nun sind sie mit dem Ausräumen beschäftigt.

Viele Regale sind schon leer. Briefmarken und Kataloge sind verkauft, verpackt in 200 Kartons. Bis Jahresende verschwindet das gesamte Inventar. Dann ziehen die Eheleute in ihre Laube außerhalb Berlins. Norbert Mankiewicz sagt, sie freuten sich auf den Kaminofen. Er wird Holz hacken, sich im Garten beschäftigen und angeln gehen. „Und wenn es regnet, arbeite ich als Gutachter.“