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Restaurantkritik : Auf einen Apéro im Orlando

Caponata im Restaurant Orlando in Berlin-Prenzlauer Berg.

Caponata im Restaurant Orlando in Berlin-Prenzlauer Berg. 

Foto:

Sabine Gudath

Berlin -

Naturgemäß verbringe ich, da ich mit einem Spanier verheiratet bin, meine Ferien häufiger in Spanien. Ich kann mich darüber nicht beschweren, ich bin jedoch immer auch ein bisschen froh, wenn ich wieder zu Hause ankomme: Denn die Spanier brechen frühestens um 22 Uhr ins Restaurant auf. Mein deutsch getakteter Magen ist da vor Hunger schon verkümmert.

Etwas besser machen es die Italiener. Sie sind schon ab 21 Uhr im Restaurant anzutreffen, dann allerdings im Pack, als hätte irgendeiner den Startschuss gegeben. Aber Italien wäre als Reiseziel für Deutsche nicht so beliebt, wenn sich die Italiener nicht auch etwas für die lange Zeit zwischen 18 und 21 Uhr hätten einfallen lassen: den Aperitivo, kurz Apéro.

Nur, dass wir uns nicht falsch verstehen: Damit ist weder gemeint, Aperol Spritz auf leeren Magen zu kippen, noch ein paar Nüsse, Chips oder Oliven zum Alkohol zu knabbern. Der Aperitivo, der in Italien zwar häufig als kostenlose Zugabe zu einem Drink serviert wird, ist eine richtige Zwischenmahlzeit. Da gibt es Focacce, kleine Pizzen, Salumi, Polenta-Taler, um nur einige typische Gerichte zu nennen.

Orlando: Aperitivo wird ab 17 Uhr serviert 

Zum Glück kommt die Aperitivo-Kultur nun endlich in Berlin an. Im Orlando, einem wunderbar gemütlichen, in Prenzlauer Berg verankerten Sizilianer, wird sie aufgegriffen. Bisher lediglich donnerstags, auch läuft es dort leicht anders, als ich es aus Italien kenne.

Der Aperitivo wird hier ab 17 Uhr in Form eines Büfetts präsentiert – mit DJ und Musik. Dazu wird der Bartresen zum Tisch umgewidmet, und ganz familiär kann sich jeder Gast aus großen Keramikschüsseln und von Platten selbst bedienen. Zu empfehlen sind die selbstgebackenen Focacce, am besten simple mit etwas Meersalz und Rosmarin. Traditionell sizilianisch sind Arancini, frittierte Reisbällchen, die mit Hack, Pancetta oder Käse gefüllt sind. Das Angebot variiert jedoch.

Salate mit Pasta oder Reis sind fast immer dabei, leider vermisse ich aber Caponata, mein sizilianisches Lieblingsgericht. Doch da der Aperitivo in Italien nicht als Mahlzeit zählt, kann ich sie mir später noch als Vorspeise bestellen: Das Süßsaure, italienisch „agrodolce“, ist das Herz dieses tollen Auberginen-Tomatengerichts. Im Orlando sind Essig, Zucker und das Salzige durch geröstete Mandeln, Oliven und Kapern gut ausbalanciert – das Gemüse hat einen sämigen Schmelz, ist aber nicht ölig.

Schade ist nur, dass die Bedienung, eine junge, schön anzusehende Italienerin, sehr schnodderig ist. Fragen zu beantworten, scheint sie zu langweilen. Von der großen Auswahl an sizilianischen Weinen, die allesamt offen ausgeschenkt werden, hat sie keine Ahnung. Auch sonst hat sie offensichtlich noch nicht allzu häufig in der Küche vorbeigeschaut, um bei der Betreiberin Giulia Paolillo und dem Koch Mirko zu erfahren, wie die Speisen zubereitet werden.

Orlando: Aperitivo Büfett für 10 Euro 

Die Gerichte sind nach den wichtigsten Städten Siziliens benannt – mich interessiert Caltanissetta: Der Name steht laut Karte für eine Rinderbrust mit Wein und Fenchel in Zwiebelbrot mit Dill-Joghurt-Soße. Da mir die Bedienung jedoch keine Auskunft geben kann, ob das Rind nun im Brot gebacken wurde, oder wie ich mir das Gericht vorstellen muss, lasse ich mich überraschen.

Ein Reinfall, auch optisch: ein Haufen kalter, lieblos gesäbelter Rinderbrust, deren Fleischqualität zwar gut ist, die bis auf die eigene Fleischnote jedoch keine Würze hat. Fenchelaromen? Wein? Fehlanzeige, und warum ich dazu ein schweres, teigiges Zwiebelbrötchen essen soll, erschließt sich mir nicht, ebenso nicht der naturbelassene Joghurt mit etwas Dill. Das ist ärgerlich, ein Glück nur, dass der Aperitivo hier doch viel mehr als eine Zwischenmahlzeit ist. Hungrig bin ich eigentlich nicht mehr.

Orlando, Rhinower Straße 10, 10437. Di-Sa, 17–23 Uhr, Mi-–Fr 12–23 Uhr

Das Aperitivo Büfett kostet 10 Euro. À la carte kosten kleine Gerichte 7-12, Hauptgerichte 13-16 und Nachtische 4 Euro.