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Rudern auf der Spree: Einfach die Seele baumeln lassen

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Eintauchen, ziehen, wiederholen und die Seele baumeln lassen. Frederik Bombosch rudert am liebsten allein auf der Spree und freut sich nach Stunden auf dem Wasser auf ein kühles Pils im Bootshaus.

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Bernd Friedel

Als ich ein Kind war in den 80er-Jahren, fuhren meine Eltern mit meinen Brüdern und mir fast jeden Sommer mit uns auf eine Insel vor der finnischen Küste. Die Dinge geschahen dort allgemein sehr langsam – die Menschen sprachen nicht schnell, sie machten keine hektischen Bewegungen, sie gaben den Dingen die Zeit, die sie brauchten. Nur eines konnte nicht schnell genug sein: die Boote. Selbst ältere Herren schraubten Außenborder von der Größe eines Kühlschranks an ihre ultraleichten Aluboote und hüpften darin in halsbrecherischem Tempo über die Wellen.

Und dann gab es eine alte Frau. Man sah sie von weitem am Horizont, in Zeitlupe näherte sie sich. Sie war weit über 70, lebte alleine auf einer einsamen Insel weit draußen und kam einmal in der Woche zum Einkaufen ins Dorf – mit dem Ruderboot. Für sie war das keine Marotte und kein Versuch der Entschleunigung. Für sie war das eine ganz normale Art der Fortbewegungs. Angestarrt wurde sie trotzdem von den Motorbootmännern. Die Ruderin schien sie zu verhöhnen mit ihrer Langsamkeit und Zähigkeit.

Kein Korsett aus Trainingszeiten

Der Sand knirscht unter den Rädern meines Fahrrads. Es ist Sommer, es ist Feierabend. Der Treptower Park riecht an diesen trocken-heißen Tagen ein bisschen nach Heu. Von der Spree weht schon etwas fauliger Geruch herüber, wenn man ehrlich ist. Aber selbst wenn die Algen stellenweise dicke Schlieren ziehen, glitzert das Wasser doch in der Sonne. Mein Ziel ist der Bootsverleih an der Abteibrücke. Aber eigentlich liegt mein Ziel dahinter. Ich will ins Boot, aufs Wasser und dann möglichst schnell den Fluss hinauf. Zug um Zug raus aus der Stadt.

Rudern lässt sich mit erheblichem Aufwand an Zeit und Material betreiben. Wer in einen Club eintritt, braucht sich an den Wochenenden nicht mehr viel vorzunehmen, dann ist Training, im Sommer wie im Winter – bis das Eis kommt. Und selbst die kurze Tour nach Feierabend ist verbunden mit der langen Anfahrt in den jeweiligen Außenbezirk. Mein Ding ist das nicht. Ich will kein Korsett aus Trainingszeiten und Regatten, ich will nicht stundenlang auf den Rücken meines Hintermanns starren. Ich will auch kein Trikot tragen. Und ich brauche kein Hochleistungssportgerät, um mir Bewegung zu verschaffen.

Bodenständiges Fitnessmenü

Es sind ganz gewöhnliche Ruderkähne, die man gegenüber der Insel der Jugend bekommt. Die meisten Besucher interessieren sich nicht für sie – zu schwer, zu anstrengend, zu wenig Spaß; außerdem gibt es ja Tretboote. Für mich sind sie ein ganz normales Sportgerät – so normal wie die Rudertrainer, die in jedem Fitnessstudio stehen. Sich auf ihnen abzumühen, ist gut für den Rücken und für die Kondition, das weiß jeder. Aber wie soll der Körper Endorphine produzieren in einem geschlossenen Raum mit abgestandener Luft? Und gibt es frustrierendere Erfahrungen, als sich zu bewegen, ohne von der Stelle zu kommen?

Am Bootsverleih kennen sie mich inzwischen. Den „Rudermann“ nennen sie mich, und vielleicht halten sie mich für ein bisschen sonderbar. Alleine rudern, mehrmals in der Woche? Andere Kunden wie mich haben sie jedenfalls nicht, sagen sie. Aber nach Jahren als Stammkunde gehöre ich inzwischen wohl ein bisschen dazu. Und ich mag den Bootsverleih. Es gibt dort Kalten Hund und Berliner Pilsener aus dem Plastikbecher. Die Küche macht keine Experimente, sie macht Grillwurst. Oder Nackensteak, ganz nach Geschmack. Hier gibt es das vielleicht bodenständigste Fitnessmenü Berlins.

Das Hirn hat Pause

Aber um Essen und Trinken geht es auf den vorherigen Seiten, auf dieser geht es um die Bewegung. Sie ist beim Rudern sehr gleichmäßig, Hast ist gar nicht möglich. Eintauchen, ziehen, wiederholen. Man glaubt es nicht, wenn man es sieht, aber auch die Beine sind beteiligt. Zumindest wenn das Boot eine Fußstütze am Boden hat, kommt ein wesentlicher Teil der Kraft aus ihrer Muskulatur. Man merkt es, wenn man nach einer oder zwei Stunden wieder an Land geht und der Gang ein bisschen schwankend ist – so als hätte man Wochen auf hoher See verbracht. Die Rumpfmuskulatur wird ebenfalls gefordert.

Richtig unbeteiligt ist eigentlich nur das Hirn. Das hat Pause, der Körper bewegt sich von selbst. Zeit, die Umgebung wahrzunehmen. Das gemäßigte Tempo minimiert die Risiken einer Reizüberflutung. Die Spaziergänger am Ufer sind nur unwesentlich langsamer. Manchmal höre ich auf dem Fluss Fetzen ihrer Gespräche. Meistens freue ich mich dann, dass ich gerade nichts sagen muss.

Vorbei am Biberbau

Mit einem Umstand muss man beim Kahnrudern klar kommen: Man ist der einzige Sportler weit und breit, vielleicht mit Ausnahme der Stand-up-Paddler, die seit diesem Jahr in größerer Zahl auf der Spree unterwegs sind, aufrecht und stolz und von der Gewissheit beseelt, wirklich der allerneuesten Trendsportart nachzugehen. Im Kahn rudert man dem Trend hinterher, dabei sitzt man auch noch rückwärts. Auf eine Weise ähnelt diese Art der Fortbewegung jener des Pandamädchens Meng Meng. Sie entzückte mit ihrem Rückwärtslauf die Zoobesucher. Ähnlich reagieren manche Tretbootfahrer, wenn sie ein Ruderboot sehen. Aber man verbreitet ja gerne Heiterkeit. Und wir gucken ohnehin viel zu viel nach vorn im Leben und ignorieren meist, was sich uns von hinten nähert.

Nach höchstens zehn Minuten Fahrt lässt man die Tretboote hinter sich. Oberhalb der Flussbiegung, am Kraftwerk Klingenberg, trifft man nur noch auf einzelne Kanus, das eine oder andere Motorboot zieht vorbei. Am Lichtenberger Ufer stehen manchmal Reiher. Wer genau hinguckt, sieht, dass hier das Biberrevier beginnt. Die Liebesinsel und den Kratzbruch am Eingang der Rummelsburger Bucht haben sie schon eingenommen, den Bullenbruch am Funkhaus Nalepastraße auch. Wenige Kilometer von der Innenstadt entfernt schimmert hier ein bisschen Wildnis durch zwischen den Spundwänden und betonierten Kais.

Ich könnte weiterfahren nach Köpenick, über den Müggelsee, immer weiter in den Spreewald. Oder in die andere Richtung, zur Havel, über die Elbe bis ans Meer. Wenn man erst seinen Takt gefunden hat, spürt man die Belastung kaum noch. Aber die Freiheit hat Grenzen: Bei Sonnenuntergang müssen die Boote wieder beim Verleih sein. Also wende ich am Baumschulenweg, wo die Fähre 11 die Spree kreuzt. Wenn ich dann mit wackeligen Beinen wieder auf dem Steg stehe, dann ist das wie die Rückkehr von einer Reise. Dabei war ich nur kurz auf dem Wasser.