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Gastbeitrag zu Alltagsrassismus : „Das Wort Negersau hat uns verändert“

rassist

Beschimpfungen und obszöne Gesten gegenüber Schwarzen gehören auch im weltoffenen Berlin für viele zum Alltag (Symbolbild).

Foto:

imago/Sven Ellger

Nach den letzten Wahlen sah ich voller Neugier im Internet nach, wie viele meiner Nachbarn wohl die Meinungen der AfD teilen mochten, die diese Partei auf der Zehlendorfer Hauptstraße werbewirksam plakatiert und damit das sonst so idyllische Bild der in Reih und Glied stehenden alten, freundlichen Eichen gestört hatte.

Es waren zweihundertzwanzig meiner Nachbarn. Die Zahl erscheint winzig in einer Großstadt wie Berlin. Aber ich habe mit diesen Menschen einiges gemeinsam: Wir teilen uns eine Postleitzahl, einen Supermarkt, Bürgersteige und Parks. Wir leben in derselben Gemeinde. Dennoch wären diese zweihundertzwanzig Menschen wohl glücklicher, wenn ich woanders leben würde.

„Wer sind sie?“, fragte ich mich häufiger im Laufe der folgenden Tage, während ich in meinem Kiez herumlief und in vertraute, manchmal freundlichen Gesichter blickte. Gehört die Frau dazu, die mich im Bus darum bat, einen anderen Sitzplatz zu wählen, da es, wie sie feststellte, genug andere freie Sitze gab?

Ist es der Mann von der Security im Supermarkt, der meinen Sohn und seinen Freund des Diebstahls bezichtigte? Ist die Frau eine von denen, die neben mir in der Bio Company stand und mich fragte woher ich käme, nachdem sie mich eine kleine Ewigkeit lang angestarrt hatte beim Warten an der Käsetheke?

Anders im Osten

Recht treffsicher erkenne ich in den östlichen Stadtteilen und außerhalb der Stadt Ignoranten/Rassisten: Ich spüre die Blicke, sobald wir aus dem Auto im Spreewald steigen; ich weiß, was ein Fremder in Storkow mit seiner Mahnung an meine Kinder meint, deutsche Kinder wüssten sich dort zu benehmen. Die Westdeutschen sagen mir, diese Dinge geschähen im Osten, nicht in West-Berlin. Sie sagen: Wir wurden anders erzogen, wir sind an die Vielfalt gewöhnt, „die Amerikaner waren hier stationiert, als die Mauer stand“.

Ich bin Amerikanerin. Ich war mit allen Arten von Rassismus konfrontiert: offen, subtil, passiv-aggressiv, institutionell, persönlich. Ich habe gesehen, wie Hotelgäste meinem Vater ihren Zimmerschlüssel gaben, weil sie in ihm den Pagen und nicht den Ehrengast erkannten. Ich habe gesehen, wie Polizisten versuchten, meinen Bruder von unserem Haus wegzueskortieren, weil es nicht sein konnte, dass er in einer solchen Nachbarschaft wohnte.

Ich zucke nicht mehr zusammen

Ich zucke nach 17 Jahren in Deutschland nicht mehr zusammen, wenn mir zuerst die Ermäßigungen angeboten werden. Ich schaue dem Wachmann, der mir im Kaufhaus folgt, direkt in die Augen und wünsche ihm extra laut einen guten Tag wenn er mich anders grüßt als weißen Kunden. Solche Mikroaggressionen stören mich nicht. Ich lebe mein Leben und kann meine Zeit nicht mit unbedeutenden, ignoranten Menschen verschwenden. Das Leben ist zu kurz!

Und die Deutschen, so sage ich mir, haben eine andere Geschichte: Sie haben Rassismus eben nicht mit der Muttermilch aufgesogen, so wie wir in den USA. Es gab hier weder Sklaverei noch Apartheid. Sie haben sich mit ihrer Geschichte im Zweiten Weltkrieg genug gequält. Hier gibt es Stolpersteine anstelle der Statuen konföderierter Soldaten.

Ich weiß, dass es auch hier Bigotterie gibt, aber ich glaube, sie ist anders. Ich rechne nicht damit, dass meine Söhne automatisch von der Polizei ins Visier genommen werden, nur weil sie schwarz sind, so wie ich es bei meinem Bruder und meinem Vater erlebt habe. Ich glaube daran, dass es für sie einfacher sein wird, hier aufzuwachsen. Vorurteile sind kein institutionalisierter Rassismus.

Dennoch verunsichern mich die Wahlergebnisse. Wer sind diese zweihundertzwanzig Leute, die täglich mit dem Fahrrad in der Nachbarschaft unterwegs sind, im Park an uns vorbeilaufen und schweigend hoffen, dass Zehlendorf nie zu einem neuen Wedding oder zum nächsten Neukölln wird? Wer genau ist darüber erleichtert, dass die Mehrzahl der Gesichter unter den freundlich ausschauenden, in Reih und Glied stehenden Eichen auf den Straßen Zehlendorfs weiß ist?

Gefahr von der alten Frau

Ich erhielt die Antwort als mein jüngster Sohn durch unsere Wohnungstür hereingestürmt kam mit Tränen der Wut in seinen Augen. Ich fragte ihn, warum er weine. Eine alte Frau hatte ihn Negersau genannt.

Mir gefror das Blut in den Adern, als ich das Wort hörte. Dann begann mein Blut zu kochen, eine Lawine von Erinnerungen jagte durch meinen Verstand. Ich hatte das Wort von Jungen in meiner High School gehört. Sie hatten es hinter meinem Rücken benutzt, so, dass ich es hören konnte. Ich erinnerte mich daran, wie sie lachten und auf meine Reaktion warteten. Der Stachel sitzt tief – das spürte ich, als ich in die Augen meines Sohnes schaute.

Ich kann nichts dafür. Ich sehe Gefahr in dieser alten Frau. Ich sehe, wie zweihundertzwanzig Menschen plötzlich da sind. Ich stelle mir vor, wie die Frau und mein Sohn auf dem Weg zur Schule im selben Bus sitzen.

Dieses eine Wort hat uns verändert. Es hat meinen Söhnen gezeigt, dass sie nicht mehr die süßen Jungen mit Locken und braunen Augen sind, sondern Negersäue. Ob die alte Frau eine von den zweihundertzwanzig Menschen in meiner Nachbarschaft ist? Wir werden es nie sicher wissen.