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Karl-Marx-Allee: Die Straße der Unkündbaren

Viele Mieter in der Karl-Marx-Allee können nicht wegen Eigenbedarfs gekündigt werden.

Viele Mieter in der Karl-Marx-Allee können nicht wegen Eigenbedarfs gekündigt werden.

Foto:

imago/Rolf Zöllner

Sechs Tage nachdem die Stalin-Bauten in der Karl-Marx-Allee verkauft wurden, sitzt in einem Büro in der Warschauer Straße ein Mann am Telefon. Er heißt Peter Mayenknecht, ist 50 Jahre alt, arbeitet in der Grundstücksabteilung der Wohnungsbaugesellschaft Friedrichshain und hat einen schwierigen Auftrag: Er soll Mieter beruhigen.

Es ist der 27. Dezember 1993, die Weihnachtsfeiertage sind vorbei, die Mieter haben es aus der Zeitung erfahren, sie bombardieren Mayenknecht mit ihren Fragen, ihren Sorgen, ihrer Wut. Warum haben wir nichts gewusst? Warum wird unser Volkseigentum verkauft? Was wird jetzt aus uns? Steigen die Mieten? Müssen wir raus? Peter Mayenknecht kann sich vor allem an die Antwort auf die letzte Frage erinnern. Er versicherte den Anrufern: „Sie können, und da bin ich sicher, bis an ihr gesegnetes Ende hier wohnen bleiben.“

24 Jahre später liest der Mann vom Mietertelefon im Magazin der Berliner Zeitung eine Reportage über ein Ehepaar aus der Karl-Marx-Allee. Marianne und Ingo Müller haben von ihrem Vermieter, der Immobilienfondgesellschaft Predac, einen Brief bekommen, in dem steht, dass ihre Mietwohnung in eine Eigentumswohnung umgewandelt wird und „eine Kündigung wegen Eigenbedarfs für mindestens zehn Jahre nach Verkauf der Wohnungen ausgeschlossen ist“. Die Zehn-Jahres-Frist soll Müllers wohl beruhigen, löst aber das Gegenteil aus, denn diese Frist gilt seit 1. Oktober 2013 ohnehin für ganz Berlin, und Müllers wollen auch in zehn Jahren nicht aus ihrem Haus ausziehen.

Es klingt wie ein Märchen

Marianne Müller lebt seit ihrer Geburt in der Karl-Marx-Allee, ihr Vater hatte die Wohnung bekommen, weil er nach dem Krieg Aufbauhelfer war. Seine Tochter ist hier aufgewachsen und zur Schule gegangen, sie möchte hier alt werden.

Peter Mayenknecht schreibt einen Leserbrief und weist darauf hin, dass bei dem Verkauf der Stalin-Bauten eine spezielle Regelung in den Kaufvertrag aufgenommen wurde, eine, die Altmietern wie Müllers garantiert, hier bis an ihr Lebensende bleiben zu dürfen, egal, ob die Wohnung weiterverkauft wird oder nicht.

Es klingt wie ein Märchen: eine Wunderklausel, die alte Leute vor Vertreibung schützt. Mayenknechts Ton ist sachlich, unaufgeregt. Man merkt, der Mann kennt sich aus. Nur eins versteht er nicht: dass Müllers nichts von der Klausel wissen und offenbar auch die Predac nicht, sonst hätten sie die Mieter doch darauf hingewiesen.

Suche führt zurück in das Jahr 1993

Mayenknecht schlägt vor, bei der Wohnungsbaugesellschaft Mitte (WBM) nachzufragen, die die Friedrichshainer Wohnungsbaugesellschaft (WBF) 1999 übernommen hat. Er ist sich auf einmal nicht mehr sicher, ob diese Klausel damals für alle verkauften Blöcke galt oder nur für bestimmte. Ein Anruf, denkt er, dann ist die Sache erledigt, dann können Müllers aufatmen. Doch es reichen weder ein noch zwei Anrufe. Mayenknechts Hinweis löst eine monatelange Suche aus, die tief in die Geschichte der Berliner Wohnungspolitik führt, die zwei sehr ungleiche Männer zusammenbringt und die vor allem eins zeigt: Die Suche nach dem Mieterschutz aus den Neunzigern ist auch eine Suche nach Interessen in einer Stadt, deren Wohnungsmarkt sich in den letzten Jahren so verändert hat wie kaum ein anderer in Europa.

Berlin, Karl-Marx-Allee 138.

Berlin, Karl-Marx-Allee 138.

Foto:

Paulus Ponizak

Die Suche führt zurück in das Jahr 1993: Die Mauer ist gefallen, die Stadt wiedervereinigt, der Umzug der Bundesregierung von Bonn nach Berlin beschlossen. Überall wird gebaut, abgerissen, neu geplant. Im Juni verabschiedet der Bundestag das sogenannte Altschuldenhilfegesetz. Danach sollen Wohnungsbaugesellschaften, die Altschulden haben, 15 Prozent ihres Bestandes verkaufen, vorzugsweise an die Mieter selbst. Die Wohnungsbaugesellschaft Friedrichshain, deren Altschulden 460 Millionen D-Mark betragen, verwirft die Idee des Mieterkaufs schnell. So kurz nach der Währungsunion kann sich keiner der ehemaligen DDR-Bürger eine Eigentumswohnung leisten, geschweige denn die denkmalgerechte Sanierung.

Die Karl-Marx-Allee, Ost-Berlins Prachtboulevard, wird der DepFa versprochen, einer großen Investitionsbank aus Wiesbaden. Der Senat stimmt dem Deal zu, besteht aber darauf, einen weitgehenden Mieterschutz in den Vertrag aufzunehmen: Wenn die Wohnungen schon nicht an die Mieter gehen, sollen sie wenigstens ein lebenslanges Wohnrecht haben.

700 Wohnungen in 20 Jahren verkauft

Das Geschäft geht so schnell über den Tisch, dass kaum jemand davon etwas mitbekommt. Am 8. Dezember 1993 versichert der Friedrichshainer Bürgermeister Helios Mendiburu, der auch im Aufsichtsrat der WBF sitzt, in der Bezirksverordnetenversammlung, der Verkauf finde in diesem Jahr nicht mehr statt. Wenige Tage später, am 21. Dezember, wird der Vertrag unterschrieben. Die Empörung ist groß. Die taz schreibt vom „vorweihnachtlichen Monopoly“, die Berliner Zeitung vom „in aller Heimlichkeit eingefädelten Ausverkauf des kommunalen Wohnungsbestands“. Die Opposition im Bezirk fordert Mendiburus Rücktritt. Die Bewohner sind außer sich. Die Wohnungsbaugesellschaft richtet in aller Eile ein Mietertelefon ein. Peter Mayenknecht gelingt es nur schwer, die aufgebrachten Leute zu beruhigen. „Totale Empörung“, sagt er, „ein wirklicher Aufruhr. Wir haben gedacht, die zünden uns gleich die Bude an.“

Es ist ein Sommertag Anfang Juli 2017. Mayenknecht sitzt im Wohnzimmer des Ehepaares Müller, Karl-Marx-Allee 138, 3. Stock. Ingo Müller, 63, groß und schwer, trägt ein ärmelloses Hemd mit Surf-Motiv, dazu kurze Hosen. Mayenknecht, 74, klein, drahtig, schlohweißes Haar, kommt in Cordhose und Polohemd. Zwei Männer, die gegensätzlicher kaum sein könnten. Müller ist Hartz-IV-Empfänger, Mayenknecht Chef der DGfI, einer Dienstleistungsgesellschaft für Immobilien, ein Makler. Er hat in den vergangenen 20 Jahren 700 Wohnungen verkauft, auch Wohnungen wie die der Müllers.

Auf dem Tisch steht ein Aschenbecher. Müller raucht, seine Frau serviert Kaffee.

„Nehmen Sie Zucker, Herr Mayenknecht?“

„Nein, danke.“

„Sahne?“

„Ja, bitte.“

„Woher haben Sie das jetzt?“

Die Stimmung ist angespannt. Müllers wissen nicht, was sie von dem Mann halten sollen, der behauptet, es gebe eine Klausel, die ihr Problem löst. Nach Müllers Weltbild gehört jemand wie Mayenknecht auch fast 28 Jahre nach dem Mauerfall zum Westen, zu den Leuten also, von denen nichts Gutes zu erwarten ist. Als Mayenknecht erzählt, wie er nach Ost-Berlin kam, im Auftrag des Bauministeriums, sagt Müller: „Als Schnüffler also.“ Als Mayenknecht ein Formular zeigt, eine Ergänzung zum Mietvertrag, wie er sie damals hätte bekommen müssen, brummt Müller: „Woher haben Sie das jetzt?“

„Das habe ich damals aufgesetzt, für ein anderes Haus“, antwortet Mayenknecht.

„Gibt es das auch für unseren Block?“, fragt Müller.

„Davon gehe ich aus“, sagt Mayenknecht.

„Warum hat das dann keiner?“

„Das weiß ich nicht.“

„Meine Frau hat alle Schreiben, aber dieses hier nicht.“

„Aber irgendeiner aus Ihrem Haus hat es bestimmt.“ So geht es hin und her, Mayenknecht will Müller beruhigen, aber der regt sich immer mehr auf, vor allem über den Eigentümer, die Predac, diese „Pappnasen“, die ihnen nichts von der Klausel gesagt haben. Das Wort Volkseigentum fällt.

Mayenknecht sagt, der Eigentümer wisse womöglich selbst nichts von der Klausel. Der Vorwurf gehe an den Falschen. „Die Predac kann ja auch nichts dafür, dass Sie so ein Wirtschaftssystem hatten.“

Von erweitertem Mieterschutz kein Wort

„Und was kann ich dafür, dass meine Eltern als Flüchtlinge nicht weit genug gelaufen sind“, ruft Müller. Es geht immer noch um die Mieterschutzklausel, um die Karl-Marx-Allee, aber wie so oft bei diesen Gesprächen geht es auch um mehr. Die Klausel ist ein Symbol. Sie steht für die Neunziger, eine Zeit, in der in Ost-Berlin vieles endete und vieles neu begann. Es gab Erschütterungen damals, und jede Erschütterung wurde bald von einer neuen Erschütterung überlagert.

Das könnte eine Erklärung dafür sein, dass außer Mayenknecht niemand mehr zu wissen scheint, was damals beim Verkauf versprochen wurde. Die Mieter in Müllers Haus erinnern sich an die Sanierung ein paar Jahre später, an den Krach und die Angst, die Mieten nicht mehr bezahlen zu können. Der Mieterschutzbund will mal in alten Ordnern nachsehen, meldet sich dann aber nicht wieder. Ein Anruf bei dem Stadtsoziologen Andrej Holm bringt auch keine neuen Erkenntnisse. Mit der Karl-Marx-Allee kenne er sich nicht aus, sagt er. Stadtentwicklungssenatorin Katrin Lompscher von den Linken weiß ebenfalls nichts von einer Klausel. Bei Recherchen zu dem ersten Artikel über die Müllers sagte sie lediglich, die Situation der Mieter sei bedauerlich, man könne aber nichts daran ändern. Von erweitertem Mieterschutz kein Wort.

Seltsam ist allerdings, dass sich die Senatorin offensichtlich schon einmal sehr intensiv mit diesem Thema beschäftigt hat. Davon zumindest zeugt eine Kleine Anfrage von ihr aus dem Jahr 2014. Die Abgeordnete Lompscher erkundigt sich darin bei der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung nach eben jenen Mieterschutzregeln in den Stalin-Bauten, es geht um einen Block in der Frankfurter Allee. Der Senat bestätigt in seiner Antwort den dauerhaften Mieterschutz. Aber warum weiß Frau Lompscher nichts mehr davon?

Der Paragraf 17 des Kaufvertrages

Die Senatorin ist nicht zu erreichen, ihre Sprecherin teilt mit, die Senatsverwaltung habe weder Informationen „über die entsprechenden Kaufverträge, noch über weiterreichende Informationen zu diesem Sachverhalt“ und verweist an die landeseigene Wohnungsbaugesellschaft Mitte. Die WBM-Unternehmenskommunikation-Chefin Steffi Pianka sagt am Telefon: Ja, da habe es eine Klausel gegeben. Aber dauerhafter Mieterschutz? Das könne sie sich nicht vorstellen. Ihr sei eher so wie zehn Jahre. Um es genau zu erfahren, empfiehlt sie, ihre Mitarbeiterin Frau Höhn anzurufen. Frau Höhn kenne sich mit Verträgen aus.

Es ist einer dieser Momente, wo man denkt, noch ein Anruf, dann hat man die Antwort, dann ist die Suche beendet. Doch Frau Höhn ist tagelang nicht zu erreichen, und als sie endlich am Apparat ist, vertröstet sie einen auf kommenden Dienstag. Am Dienstag geht sie nicht ans Telefon, auch nicht am Mittwoch. Am Donnerstag sagt sie, so alte Verträge seien „ausgelagert“. Das werde dauern. Weitere Tage vergehen, man stellt sich vor, wie Frau Höhn jetzt in einem Außenlager an der Stadtgrenze alte Ordner durchwühlt und nach dem Kaufvertrag sucht. Umso überraschender ist das nächste Telefonat: Sie dürfe keine Auskunft geben, die Senatsverwaltung sei zuständig.

Wieder ein Anruf beim Senat. Die Sprecherin ist irritiert, dass die WBM nichts sagen will, versichert nun aber, schriftliche Fragen von den „verantwortlichen Fachabteilungen“ beantworten zu lassen. Auf zehn Fragen folgen zehn Antworten, die sich in einem Satz zusammenfassen lassen: In Paragraf 17 des Kaufvertrages mit der DepFa gibt es eine Regelung zum Mieterschutz. Um welche Regelung es sich handelt, erfährt man nicht. „Wir sind leider grundsätzlich nicht berechtigt, die vertraulichen Inhalte aus Grundstücksverträgen weiterzuleiten“, teilt die Senatssprecherin mit.

Peter Mayenknecht

Peter Mayenknecht, 74, arbeitete 1993 in der Grundstücksabteilung der Wohnungsbaugesellschaft Friedrichshain. Heute ist er Makler. 

Foto:

Paulus Ponizak

Und Frau Lompscher, die doch selbst einmal eine Anfrage zu dem Thema gestellt hat, kann die nichts dazu sagen?

„Frau Lompscher ist ab morgen im Urlaub.“

Müller kocht, Mayenknecht versteht die Welt nicht mehr. Der eine fühlt sich in seinem Frust über die Politiker bestätigt, der andere in seiner Berufsehre gekränkt. Aber die Sache hat auch was Gutes: Die Männer kommen sich näher. Sie stehen jetzt auf einer Seite, sie haben ein Ziel. Sie wollen die Klausel finden.

„Tach, Herr Mayenknecht“, begrüßt Ingo Müller den Gast bei seinem nächsten Besuch, im Surfhemd und kurzen Hosen, wie immer. Mayenknecht legt seine Beweise auf den Tisch. Es sind vier: die Kleine Anfrage der Abgeordneten Lompscher, ein alter Zeitungsausschnitt, ein Auszug aus einem Buch der Stadtforscherin Renate Borst sowie eine Mietvertragsänderung aus einem anderen Haus in der Karl-Marx-Allee. Überall wird Mayenknechts Klausel zitiert. In dem Buch steht sogar, dass die Karl-Marx-Allee damals die einzige Straße war, wo die Senatsvorgaben „vollständig erfüllt“ wurden.

„Der Knaller“, sagt Müller und steckt sich eine neue Zigarette an.

31.800 Euro pro Quadratmeter

Mayenknecht nickt, er ist noch nicht fertig. Ein befreundeter Notar ist bei Recherchen noch auf ein anderes Dokument gestoßen, einen Grundbuchauszug aus dem Jahr 2004. Darin heißt es, der Schutz vor Eigenbedarfskündigungen gelte für zehn Jahre.

Für Mayenknecht ist das der eigentliche Knaller. Es bedeutet, die ursprüngliche Klausel wurde ein Jahrzehnt später verändert, herabgesetzt. Zehn Jahre statt lebenslang! Ist das der Grund, warum die Predac gegenüber Müller von einer Zehn-Jahres-Frist sprach und Frau Lompscher nichts sagt? Gibt es ein Geheimnis, das nichts ans Licht kommen soll? Oder handelt es sich um ein Versehen, geschuldet einer chaotischen Wohnungspolitik in chaotischen Zeiten?

Die Wohnungsbaugesellschaft Friedrichshain gibt es nicht mehr, sie ist Ende der Neunziger von der Wohnungsbaugesellschaft Mitte übernommen worden, ein paar Jahre später stand die WBM selbst vor der Insolvenz und musste, um sich selbst zu retten, noch mehr landeseigene Wohnungen verkaufen. 34.000 waren es insgesamt von 1990 bis 2008, eine ganze Stadt. Einige der neuen Eigentümer ließen ihre frisch erstandenen Wohnungen erst leerstehen und später abreißen, wie in der Wilhelmstraße, wo gerade Berlins teuerste Eigentumswohnung entsteht: 31.800 Euro pro Quadratmeter.

Monopoly-Spiel der Großinvestoren

Niemand dokumentierte und überwachte die Verkäufe, es waren zu viele. Die Karl-Marx-Allee spielte immer nur dann eine Rolle in der Öffentlichkeit, wenn Kacheln von der Fassade fielen, eine neue Galerie aufmachte, das Café Moskau an den Kunstsammler Nicolas Berggruen verkauft oder die Frage diskutiert wurde, ob die Straße Weltkulturerbe werden soll. Was hinter den denkmalgeschützten Fassaden passierte, ist heute schwer nachzuvollziehen.

Die DepFa, die schon bald nach dem Kauf Blöcke weiterverkaufte, wurde 2001 aufgespalten, in die Aareal Bank und die DepFa Bank. Letztere wurde 2007 mit der Hypo Real Estate Bank zusammengelegt, die einige Jahre später der Finanzkrise zum Opfer fiel, vorher aber noch staatliche Zuschüsse in Milliardenhöhe einstrich. Gerade stehen in München die beiden Chefs der Bank vor Gericht. Für den Block F-Süd, Müllers Haus, taucht die Aareal als Nachfolgegesellschaft auf, aber auch JP Residential, eine Luxemburger Firma. Die Predac teilt mit, die BGB-Gesellschaft Friedrichshain sei seit 1995 Eigentümerin der Immobilie, daran habe sich bis heute nichts geändert, lediglich die handelnden Gesellschaften „haben umfirmiert“. Die Predac gibt nur schriftliche Auskünfte, mündlich nachfragen kann man nicht.

Es ist in der Tat wie ein Monopoly-Spiel, eins, bei dem Großinvestoren mit Hilfe der Stadt eine der begehrtesten Straßen Berlins unter sich aufgeteilt und offenbar versucht haben, eine mieterfreundliche Klausel durch eine andere weniger mieterfreundliche zu ersetzen. Aber jetzt sind zwei neue Mitspieler dazugekommen: der Mieter Ingo Müller und der Immobilienverkäufer Peter Mayenknecht. Zwei Männer, die das Spiel aufmischen. Und auch eine Frau macht mit, nun doch: Katrin Lompscher, die Senatorin, gerade aus dem Urlaub zurückgekehrt, empfängt in ihrem Büro in Wilmersdorf und sagt, ohne große Umschweife, ja, es stimme. Es gebe den Mieterschutz.

Die Berliner Nachkriegsgeschichte in einem Grundbuchauszug

Warum hat sie das nicht gleich gesagt? Sie hat doch selbst einmal danach gefragt?

„Das war mir nicht mehr bewusst“, sagt Lompscher, und dann sagt sie noch, die Mieter müssten im Besitz einer Mietvertragsergänzung sein, sonst bleibe ihnen nur der Weg vors Gericht.

Kann sie als Senatorin die Mieter nicht unterstützen?

Das sei Sache der WBM, sagt sie. Die sei als frühere Vertragspartnerin in der Pflicht. Die Klausel liegt vor ihr auf dem Tisch, sie gibt sie nicht aus der Hand. Es ist eine etwas enttäuschende Auskunft einer Senatorin, deren Partei mit Mieterschutz Wahlwerbung gemacht hat. Immerhin weist Lompscher noch darauf hin, dass Herr Müller als Mieter, dem ein Kaufangebot vorliege, ja das Recht habe, beim Grundbuchamt Einsicht in die Verträge zu nehmen.

Das war auch Mayenknechts Idee: die Klausel im Grundbuch abfotografieren. Als Beweis. An einem Septembermorgen trifft er sich mit Ingo Müller am Amtsgericht Tempelhof-Kreuzberg. Müller hat sich schick gemacht: rotes Hemd, rote Schuhe, lange Hosen, unter dem Arm eine Mappe mit seinen Unterlagen. Frau Müller ist nicht mitgekommen. Sie hält das nicht aus, sagt Müller. Die Nerven! Mayenknecht geht vor, durch die Sicherheitsschranke, über kahle Flure, an der Insolvenzabteilung vorbei, dann stehen sie in einem schmucklosen Büro mit zwei Schreibtischen, dem Grundbuchamt. Müller holt seine Unterlagen raus, Mayenknecht erzählt einer gelangweilten Beamtin von dem Vertrag und der Klausel. Die Beamtin tippt auf ihrer Tastatur. Wieder denkt man, jetzt ist es soweit, jetzt sagt die Frau gleich: Da steht es.

Minuten vergehen. Die Frau tippt, schüttelt den Kopf, tippt weiter. Mayenknecht gibt ihr Stichworte: DepFa, Erbbaurechtsvertrag, Block F-Süd. Müller steht ganz still daneben. Die Frau schüttelt wieder den Kopf, diesmal entschiedener. Sie findet nichts, keinen Vertrag, keine Klausel. Als Eigentümer sind in ihrem Verzeichnis nur drei Parteien vermerkt: die Aareal, die Wohnungsbaugesellschaft Friedrichshain und − das Volk. Die Berliner Nachkriegsgeschichte in einem Grundbuchauszug. Müller grinst. Die Frau klickt die Seite weg. Und schickt die Männer zum Vermessungsamt.

„So etwas gab es nicht“ 

Es ist nicht so richtig klar, was sie da sollen, aber sie versuchen es, stehen wieder in einem Amtszimmer, erzählen wieder ihre Geschichte. Umsonst. Sie fahren nach Hause, die Suche geht weiter. Ingo Müller macht die Mieterschaft mobil. Peter Mayenknecht sucht im Keller nach alten Unterlagen, ruft ehemalige Kollegen an, fragt, ob sie sich erinnern, wie das damals war, ob sie vielleicht noch Dokumente haben.

Die Reaktionen sind so unterschiedlich, dass man denken könnte, Mayenknechts Kollegen hätten nie für dieselbe Firma gearbeitet. Ein Mann, der die Verträge damals mit aufgesetzt hat, ruft durchs Telefon: „Dauerhafter Mieterschutz? Unsinn, so etwas gab es nicht.“ Eine Frau findet in einer Mieterzeitschrift aus dem Jahr 1994 ein Interview mit dem technischen Geschäftsführer der WBF, Peter Norden. Auf die Frage, wo der Mieterschutz bleibe, der den Mietern versprochen wurde, sagt Norden: „Er steht im Kaufvertrag mit der DepFa.“ Dann nennt Norden alle wichtigen Punkte, die damals beschlossen wurden. Der erste lautet: „Dauerhaft keine Umwandlung in Eigentumswohnungen oder dauerhafter Verzicht auf Eigenbedarfskündigung“.

Aber auch Müller macht Fortschritte. Sein Nachbar, Herr Wunderlich, ist aus einem langen Schwedenurlaub zurückgekehrt und hat in seinen Mieterunterlagen eine ganze Mappe aus den Neunzigern gefunden. Darin befindet sich nicht nur eine „Mietvertragsänderung“ mit der Klausel, sondern auch ein Protestschreiben der Bewohner, eine Unterschriftensammlung, eine Einladung zur Mieterversammlung in der Kongresshalle am Alexanderplatz sowie ein Bericht über die Anrufe beim Mietertelefon.

Ergänzung, Anhang, Zusatz

Wunderlichs Mappe ist wie ein Blick in eine andere Zeit. Man spürt die Angst der Leute, ihr Misstrauen gegenüber allem Neuen. Sie wollen lieber an ihren alten DDR-Verträgen festhalten als eine bundesdeutsche „Mietvertragsänderung“ annehmen, die ihnen lebenslanges Wohnrecht garantiert. Da hilft es auch nicht, dass die WBF versichert, „Änderung“ sei nur „ein Oberbegriff für „Ergänzung, Anhang, Zusatz“ und im Mietrecht üblich.

Vielleicht ist das die Antwort darauf, warum Müllers und so viele andere die Klausel nicht finden können. Sie haben sie nicht angenommen, aus Angst vor Neuem. Es klingt verrückt aus heutiger Sicht, fahrlässig fast. Zum Glück gibt es in Wunderlichs Mappe noch einen anderen Vermerk: „Im Übrigen“, steht da, „legen wir Wert auf die Feststellung, daß auch in den Fällen, in denen Mieter diese Mietvertragsänderung nicht unterschreiben wollen, die WBF an die Bestimmungen zum Mieterschutz gebunden ist.“ Unterzeichnet ist das Schreiben von zwei Mitarbeitern der Wohnungsbaugesellschaft. Einer von ihnen heißt Peter Mayenknecht.

„Is ja ’n Ding“, sagt Müller.

„Hab ich nicht mehr gewusst“, sagt Mayenknecht.

Sie telefonieren jetzt mehrfach in der Woche und halten sich auf dem Laufenden. Müller schreibt einen Brief an die WBM, wie es die Senatorin empfohlen hat. Mayenknecht beschäftigt sich mit Grundbuchblattnummern, in der Hoffnung, doch noch an die richtigen Seiten im Kaufvertrag zu kommen.

Ingo Müller

Ingo Müller, 63, ist Hartz-IV-Empfänger und Mieter in der Karl-Marx-Allee 138.

Foto:

Paulus Ponizak

An einem Tag Ende September ist es soweit. Wieder steht er im Grundbuchamt, wieder muss er durch die Schranke, wieder steht er vor derselben schlecht gelaunten Frau. Aber diesmal zieht sie aus einem Stapel einen Ordner heraus. „Grundakten zum Grundbuch von Friedrichshain“ steht darauf, „dauernd aufzubewahren“. Rote Post-its gucken oben heraus.

Mayenknecht setzt sich an einen Tisch am Fenster, schlägt die Seiten mit den Post-its auf, es dauert nicht lange, bis er findet, wonach er so lange gesucht hat: Auf Seite 22 und 23 steht sie, die Klausel. Genauso, wie er sie in Erinnerung hat. Mayenknecht liest, blättert vor, dann wieder zurück, als könne er es noch nicht glauben. Die Beamtin beobachtet ihn scharf. Sie ruft: „Nur die markierten Seiten!“

Mayenknecht legt den Ordner zurück. Draußen ruft er Ingo Müller an. Sie haben es geschafft. Müllers haben die Klausel! Sie können in ihrer Wohnung bleiben!

Das hat inzwischen auch die WBM bestätigt. Der Justiziar der Wohnungsbaugesellschaft teilte Müllers in einem Brief mit, dass „der dauerhafte Verzicht auf Eigenbedarfskündigungen auch für den neuen Eigentümer gilt und nicht auf 10 Jahre befristet ist“. Dahinter steht ein Ausrufezeichen.

„Warum machen Sie das eigentlich alles für uns?“

Beschwingt von den neuen Aussichten, beschließt Ingo Müller, seiner Frau eine weitere Freude zu bereiten und die Wohnung auf Vordermann zu bringen. Wenn man ihn anruft, steht er gerade auf der Leiter, ist im Baumarkt oder rutscht auf Knien über den Fußboden, um Laminat zu verlegen. Für Ingo Müller ist die Suche beendet. Für Peter Mayenknecht nicht. Er hat zwar gefunden, wonach er gesucht hat, aber dabei sind neue Fragen aufgetaucht: Wieso wurde 2004 für Müllers Haus eine neue Mieterschutzregel von zehn Jahren beschlossen? Wer hat das gemacht? Und mit welcher Absicht? Die Suche nach der Klausel ist für ihn auch die Suche nach einer Zeit, von der er dachte, alles gewusst zu haben.

„Warum machen Sie das eigentlich alles für uns?“, hat Müller ihn einmal gefragt.

„Es ist nicht nur Ihre Allee, sondern auch meine“, hat Mayenknecht geantwortet.

Es war an einem Sommerabend. Die Männer haben vor Müllers Haus im Biergarten auf der Karl-Marx-Allee gesessen und einmal nicht über Mieterschutz geredet, sondern übers Leben, übers Alter, über ihre Gesundheit. Müller geht es nicht so gut. Schmerzen im Rücken, Bluthochdruck, Kurzatmigkeit. An jenem Abend musste er Mayenknecht ein Versprechen geben: Wenn sie die Klausel gefunden haben, hört Müller mit dem Rauchen auf, damit er auch was hat von seinem lebenslangen Wohnrecht. Das ist seine nächste Herausforderung.


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