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Kritik am BVG-Sneaker: „Das Schuh-Ticket weicht den Verbundtarif auf“

Adidas

Der EQT Support 93/ Berlin: Wer diese Schuhe kauft, darf bis Ende 2018 gratis mit der BVG fahren. Die Sneaker müssen aber nicht entwertet werden. 

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Petra Reetz kann sich nicht erinnern, dass es so etwas in Berlin schon mal gegeben hat. „Auch in anderen Städten nicht“, sagte die Sprecherin der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG). Bald werden in Berlin Schuhe mit integrierten Nahverkehrstickets verkauft. Für 180 Euro gibt es nicht nur ein Paar Sneaker – großformatige Kunststoff-Fußbekleidungen, auf die das schnöde Wort Turnschuhe schon lange nicht mehr passt. An einer Lasche finden die Kunden auch einen Fahrschein, der bis Ende 2018 in allen BVG-Verkehrsmitteln gilt.

„Wir wollen eine junge Generation ansprechen: Nahverkehr ist eine coole Sache“, so Reetz. Der Fahrgastverband IGEB findet das allerdings gar nicht cool. Die BVG verschenke Geld, diskriminiere Fahrgäste mit Handicap und „weicht in skandalöser Weise den Verbundtarif auf“, hieß es dort. EQT Support 93/ Berlin: So heißt der Schuh von Adidas, von dem nur 500 Paare hergestellt worden sind. Es gibt sie in zwei Läden: im Adidas Flagship Store in der Münzstraße in Mitte und im Overkill-Shop in der Köpenicker Straße in Kreuzberg.

Nicht in der S-Bahn gültig

Die Händler richten sich darauf ein, dass einiges los sein wird, wenn am kommenden Dienstag um 11 Uhr der Verkauf beginnt – und auch schon vorher. Bei Overkill rechnet man damit, dass die ersten Sneaker-Sammler Montagnachmittag anstehen werden. Fans haben auch bei anderen Neu-Editionen bewiesen, wie leidensfähig sie sein können. Genüsslich weisen die Händler darauf hin, dass Vorbestellungen nicht möglich seien. Wie bei seltenen Sneaker-Modellen üblich, so gelte auch beim BVG-Schuh: Schlange stehen und hoffen, dass am Ende noch Sneaker übrig sind. Pro Käufer gebe es ein Paar, mehr nicht: „aus Gründen der Fairness“.

Berlinern wird das Muster bekannt vorkommen. Es sieht Polsterbezügen in der U-Bahn ähnlich. Allerdings weisen Adidas und die BVG darauf hin, dass es sich um ein von ihnen entwickeltes Design handele und nicht um „echte“ Sitzbezüge. Die Idee stammt aus der BVG-Marketingabteilung, so Reetz. Früh hat man dort herausgefunden, dass viele Berliner die BVG trotz Kritik so sehr mögen, dass sie ihr Design sogar am Leib haben wollen. „Egal, ob Badelatschen, Leggins oder Socken: Sachen mit BVG-Muster verkaufen sich sehr gut“, berichtete die Sprecherin des Landesunternehmens. Apropos BVG-Leggins: Ihre Tochter hatte sie im Fitness-Studio an und wurde begeistert angesprochen: „Toll! Wo hast Du die denn her?“

Zum ersten Mal habe ein Unternehmen wie Adidas mit einem Verkehrsbetrieb zusammengearbeitet, sagte Reetz. Dort äußerte sich Till Jagla, Senior Director Adidas Originals, ähnlich euphorisch. „Für uns hat Berlin einen besonderen Stellenwert, wenn es um Street-Culture und Adidas-Equipment geht. Die Stadt und ihre Menschen hat die Marke und das Konzept seit den 90-ern stark geprägt und eine Kultur erschaffen, die ihresgleichen sucht“, frohlockte Jagla. „Die BVG liebt Berlin und verbindet Menschen miteinander, das war die perfekte Ausgangssituation für das Produkt."

Es gibt allerdings Bedingungen. „Die Schuhe werden nur dann als Tickets anerkannt, wenn man beide an den Füßen trägt“, so Reetz. „Es reicht nicht aus, sie nur mitzunehmen.“ Wichtig auch: Sie können nur in Bussen, U- und Straßenbahnen sowie auf Fähren der BVG innerhalb von Berlin als Fahrberechtigung genutzt werden. In Verkehrsmitteln, die anderen Unternehmen gehören, gelten sie nicht, weder in der S-Bahn noch in Regionalzügen. Darauf soll beim Kauf hingewiesen werden. Kosten seien der BVG nicht entstanden, allerdings gebe es für sie auch keine Einnahmen. Reetz: „Wir zahlen Adidas nichts, Adidas zahlt uns nichts.“ Von den 180 Euro pro Paar erhält die BVG keinen Cent.

BVG erwartet keine Probleme in Bus und Bahn

Ein Marketing-Gag, den die BVG mit Einnahmeverlusten bezahlt, kritisierte IGEB-Sprecher Jens Wieseke. Zu befürchten sei, dass manche Berliner jetzt auf reguläre Tickets verzichten – was Tarifexperten als „Kannibalisierung“ bezeichnen. In der Tat lässt sich mit dem 180-Euro-Ticket-Sneaker einiges sparen: Eine Jahreskarte für Berlin, die allerdings auch in der S-Bahn und in Regionalzügen gilt, ist erst ab 728 Euro zu haben. Wer etwa wegen einer Fußfehlstellung keine Turnschuhe tragen kann, könne das Angebot aber nicht nutzen – eine Diskriminierung. Dass die Schuhe nur in der BVG als Ticket gelten, werde für Verwirrung sorgen und S-Bahn-Kontrolleuren manchen Schwarzfahrer-Fang einbringen, so Wieseke. Zwar sei ein solcher „Haustarif“ zulässig, sagte Elke Krokowski vom Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB). Allerdings sei das separate Angebot der BVG mit dem „Verbundgedanken ein Tarif, alle Verkehrsmittel“ wohl nicht vereinbar.

Die BVG streitet nicht ab, dass sie auf Einnahmen verzichtet. Doch die Verluste seien überschaubar, der Nutzen sei größer. „Für uns ist das eine Werbeaktion, die uns in sozialen Medien schon jetzt viele Sympathien eingebracht hat“, sagte Reetz. Probleme in Bus und Bahn erwartet sie nicht. „Die meisten Käufer werden sich die Sneaker in die Vitrine stellen und nicht mit ihnen fahren.“