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Lichtenberger Fahrbereitschaft: Stadträtin verbietet Ausstellungen im Künstlerquartier

Haubrok

Haben die Fahrbereitschaft behutsam entwickelt: Barbara und Axel Haubrok in einem der original erhaltenen Räume des früheren DDR-Fuhrparks.

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Berliner Zeitung/ Paulus Ponizak

Dort, wo früher die Chauffeure des DDR-Ministerrats ihre Limousinen parkten, sollte sie stehen: eine etwa 600 Quadratmeter große Kunsthalle, die das Sammler-Paar Barbara und Axel Haubrok mitten im Lichtenberger Gewerbegebiet an der Herzbergstraße errichten wollten. Seit 30 Jahren sammeln die beiden zeitgenössische Kunst.

Etwa 1000 Werke internationaler Künstler wollten sie in den kommenden Jahren zeigen. Eine Million Euro hätte die Halle gekostet. Besucher hätten die Ausstellungen bei freiem Eintritt betrachten können. Vor fünf Jahren haben die Haubroks das 18.000 Quadratmeter große Gelände der früheren Fahrbereitschaft gekauft und behutsam zum Kreativort entwickelt. Mit der Kunsthalle wäre Lichtenberg um eine Attraktion reicher gewesen. 

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BLZ/ Reeg

Sollte, wollte, könnte – seit ein paar Tagen spricht Axel Haubrok nicht mehr im Konjunktiv über sein Vorhaben. Es gehört zur Vergangenheit. „Das Projekt Kunsthalle ist beendet“, sagt der frühere Unternehmensberater. „Die Halle wird nicht gebaut.“ Es klingt wütend, frustriert und resigniert. Die Geschichte, die Haubrok erzählt, ist typisch für die Berliner Verwaltung mit ihren zwei Entscheidungsebenen im Bezirk und im Senat. Es geht um Künstler, um Gewerbebetriebe und Gentrifizierung, steigende Miete und letztlich um die Erfahrung, dass man sich auf Versprechen von Politikern nicht verlassen kann. 

Vor allem aber geht es um ein Schreiben aus dem Stadtplanungsamt, das Axel Haubrok vor einigen Tagen erhalten hat. Darin droht ihm Lichtenbergs Stadträtin für Stadtentwicklung, Soziales, Wirtschaft und Arbeit, Birgit Monteiro (SPD) ein Strafgeld in Höhe von bis zu 500.000 Euro an, sollte Haubrok weiterhin Ausstellungen organisieren. Diese seien nämlich bauplanungsrechtlich nicht zulässig, und das Bezirksamt würde sie deshalb auch nicht genehmigen.

Die Zusagen gelten jetzt nicht mehr

Monteiro kündigt Haubrok ein Ordnungswidrigkeitsverfahren an, sollte er sich nicht an das Verbot halten. Axel Haubrok sagt, er sei schockiert gewesen. Wie passte dieses plötzliche Verbot denn zum Besuch von Kultursenator Klaus Lederer und Lichtenbergs Bezirksbürgermeister Michael Grunst (beide Linke) erst wenige Tage zuvor? Da versicherten ihm die Politiker wieder einmal, wie wichtig dieser Kunstort für Berlin sei. Und kurz darauf verbietet ihm eine Stadträtin Ausstellungen? „Man kann doch keine Kunst schaffen, ohne sie auszustellen“, sagt Haubrok.

Auch Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller und Innensenator Andreas Geisel, früher war er Bürgermeister von Lichtenberg, unterstützten Haubrok, ebenso der frühere Kulturstaatssekretär André Schmitz. Sie versprachen Haubrok, er könne zwei Mal im Jahr Ausstellungen organisieren. Es war ein Kompromiss, eine Duldung. Doch die Zusagen erfolgten mündlich. Und gelten jetzt nicht mehr.

Geschützter Arbeitsort

Für den Kunstsammler steht nun fest, dass er sich aus Lichtenberg zurückziehen wird. Keine Ausstellungen, keine Kunsthalle. Aus dem geschützten Künstlerquartier könnte ein gewöhnliches Gewerbegebiet werden mit marktüblichen Gewerbemieten, Tendenz steigend. Genau diese Entwicklung wollte Haubrok verhindern, als er das Grundstück kaufte.

Der Name Fahrbereitschaft blieb erhalten, auch das Ambiente des einst staatlichen Fuhrparks. Kürzlich wurden dort Szenen für die Fernsehserie „Weißensee“ gedreht. Umgeben von Schrottplätzen, Gewerbebetrieben und dem vietnamesischen Dong Xuan Center schuf Haubrok einen geschützten Arbeitsort für Künstler und Arbeiter. Eine produktive Mischung, findet er. Alle produzieren, auf ihre Weise.

25 Ateliers und Betriebe

Einen Teil des Gebäudekomplexes mit Garagen und Werkstätten vermietete Haubrok. Andere Räume wurden Ausstellungsflächen. „Lichtenberg war künstlerisch unterbelichtet, es gab kaum Galerien und Kunstausstellungen“, sagt er. Heute würden manche Gäste zwar immer noch nicht viel mit Lichtenberg anfangen können, doch die Fahrbereitschaft und ihre Ausstellungen darin kennen sie. Paperworks heißt die aktuelle Schau mit Papierarbeiten. Es wird Haubroks letzte Schau sein. 

Auf dem Gelände gibt es heute 25 Ateliers und Betriebe, dazu gehören eine Autowerkstatt, eine Lackiererei und einen Reifenhändler. Auch Bootsbauer, Architekten und Schreiner mieteten Räume. 155 Leute arbeiten heute dort. Zu ihnen gehört die Bilderrahmenwerkstatt von Andreas Neumann, ein Meisterbetrieb mit 15 Mitarbeitern. Zwei Jahre hat Neumann nach diesen Räumen gesucht. Seine Werkstatt in der Kreuzberger Naunynstraße musste er verlassen. Der Vermieter hatte die Miete fast verdoppelt. In der Fahrbereitschaft zahlen Mieter in den Altbauten sechs Euro kalt und 7,50 Euro im Neubau, einer Halle des Architekten Arno Brandlhuber.

„Es ist ein klassischer Gentrifizierungsprozess“

Das Kunstmagazin Monopol hat Stadträtin Monteiro wegen des Ausstellungsverbots zur „kunstfeindlichen Lichtenberger Bezirksstadträtin“ gemacht. Zu Unrecht, findet die SPD-Politikerin, schließlich würden so etwa 200 Gewerbebetriebe rund um die Herzbergstraße vor Verdrängung geschützt, schreibt sie in zwei langen Emails. So lege es der Stadtentwicklungsplan Industrie und Gewerbe des Senats fest. Das Verbot sei nötig, denn „die Grundstückspreise steigen, wenn sich ausstellende Betriebe ansiedeln“, so Monteiro. 

„Es ist ein klassischer Gentrifizierungsprozess. Erst kommen die Künstler. Mit ihnen ziehen die Grundstückspreise an, dann verkaufen die Eigentümer, um den Gewinn einzustreichen. Die Käufer erhöhen die Mieten, um den Kaufpreis wieder reinzubekommen.“ Doch Mietsteigerungen könnten sich die Gewerbebetriebe in größerem Umfang nicht leisten. „Also müssten sie wegziehen, zum Beispiel nach Brandenburg“, prophezeit die Stadträtin.

Lichtenbergs Bürgermeister ärgert das Verbot

Am Dienstagmorgen hat sich das Bezirksamt mit der Sache beschäftigt. Stadträtin Monteiro muss bis Ende Mai eine klare Positionierung vorschlagen: Die Herzbergstraße soll den Status eines „besonderen Gebietes“ erhalten, mit rechtlichen Spielräumen, auch für Ausstellungen.

„Die Herzbergstraße beherbergt seit Jahrzehnten Kunst, Kultur und Gewerbe“, sagt Lichtenbergs Bezirksbürgermeister Michael Grunst, den Monteiros Verbot sehr ärgert. Und so betont Grunst, die Künstler seien „ein Gewinn für das Gewerbegebiet – auch die geplante Kunsthalle.“

Künstlerisches Engagement wird verboten

Kürzlich hat eine Gruppe Künstler, viele stammen aus dem früheren Kunsthaus Tacheles, Räume in der Herzbergstraße gemietet. Auch sie haben Ärger mit dem Bezirksamt. Kultursenator Lederer möchte den Konflikt um die Fahrbereitschaft am liebsten „kooperativ lösen“, er sei aber nicht weisungsbefugt. Also appelliert er an den Bezirk: „Die Fahrbereitschaft am jetzigen Ort zu halten, muss in aller Interesse sein.“

Daran glaubt Axel Haubrok nicht mehr. Jahrelang sei sein künstlerisches Engagement in Lichtenberg nur geduldet worden, sagt er. Jetzt werde es sogar verboten. Nun reicht es ihm. „Ich bin doch nicht der Zwangsbeglücker von Lichtenberg.“