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Fall Georgine Krüger: War eine Kränkung Auslöser der Tat?

Vermisst seit 2006: Georgine Krüger

Vermisst seit 2006: Georgine Krüger

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Polizei

Berlin -

Der mutmaßliche Mörder von Georgine Krüger leidet womöglich unter einem geringen Selbstwertgefühl. Das vermutet zumindest der Berliner Gerichtspsychiater Werner Platz. Der 43 Jahre alte Ali K. steht in dringendem Tatverdacht, vor mehr als zwölf Jahren die damals 14-Jährige getötet zu haben. Auslöser der Tat könnte eine Kränkung gewesen sein, sagt Platz. Nach Einschätzung des Experten sei die Wiederholungsgefahr bei solchen Tätern sehr groß.

Ali K., der von Bekannten und Nachbarn als ruhig und zurückhaltend beschrieben wird, wurde am Montag in seiner Wohnung an der Stendaler Straße verhaftet. Die Staatsanwaltschaft wirft dem arbeitslosen Familienvater vor, im September 2006 die Schülerin in seinen Keller gelockt und umgebracht zu haben. Zudem soll er später versucht haben, ein weiteres Mädchen zu missbrauchen. Aufgrund dessen geht Platz davon aus, dass er eine sexuelle Störung hat.

Fall Georgine Krüger in Berlin: Mutmaßlicher Täter Ali K. galt als introvertiert

Bei Tätern mit diesen Neigungen unterscheidet die Psychologie zwischen zwei unterschiedlichen Typen. Die einen handeln aus sadistisch-perversen Trieben heraus, bei den anderen kann eine Impulshandlung ausgelöst worden sein. Die Menschen aus der ersten Kategorie begehen Straftaten, weil sie langanhaltende Triebe befriedigen wollen beziehungsweise müssen. Die anderen handeln spontan, weil etwas in ihnen ausgelöst wurde.

Platz vermutet, dass Ali K. aus einem Impuls heraus handelte. „Durch die Worte eines anderen könnte sein Selbstwertgefühl herabgesetzt worden sein.“ Der Gerichtspsychiater erinnert sich in diesem Zusammenhang an einen Fall, bei dem ein Mann seine Ehefrau tötete, weil sie ihn wegen seiner fehlenden Manneskraft kritisierte. Sie habe zu ihm gesagt, er sei jetzt kein Mann mehr. Eine solche Kränkung könnte Ali K. zu der Tat veranlasst haben. 

Auch er galt als introvertiert und freundlich. Über Ali K. hatten dies Freunde und Bekannte berichtet, mit denen er täglich Karten spielte, sowie Nachbarn, die ihn seit über 25 Jahre kennen. Sie erzählen, er habe sich nie aufgeregt oder die Stimme erhoben. Für Platz ein weiteres Zeichen, dass er aus einem Impuls heraus handelte. Etwas wurde in ihm ausgelöst – und zwar nicht zum ersten Mal, so Platz.

Fall Georgine Krüger in Berlin: Mutmaßlichem Täter Ali K. wurde bereits 2012 Sexualverbrechen nachgewiesen

Wegen des Mordes aus sexuellen Motiven heraus sitzt der 43-Jährige in U-Haft. Bisher schweigt er. 2012 wurde ihm bereits ein Sexualverbrechen nachgewiesen. Damals hatte Ali K. eine 15-Jährige in seinen Keller gelockt. Sie konnte fliehen. Er wurde wegen sexueller Nötigung verurteilt. Ob er Georgine Krüger vergewaltigte, ist bisher unklar. Da weiterhin die Leiche fehlt, ist es unwahrscheinlich, dass ihm der Missbrauch nachgewiesen wird.
„Sexuell motivierte Tötungen sind statistisch gesehen sehr selten. Wer so etwas einmal getan hat, bei dem ist die Wiederholungsgefahr sehr groß“, erklärte Platz. 

Der dreifache Familienvater, der zwei Töchter im Alter von zwei und 18 Jahren hat, konnte seine Triebe möglicherweise die meiste Zeit einigermaßen kontrollieren, glaubt Platz. Seine Familie soll nichts bemerkt haben. Sein 20-jähriger Sohn ist Polizist. Der Gerichtspsychiater hält es für möglich, dass Ali K. seine Vaterrolle sogar gut ausfüllte. Platz: „So etwas kommt vor. Es kann gut sein, dass er viele Anteile seiner Persönlichkeit verbergen kann.“