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Gedenken an Fabien Martini: Ihre Eltern fühlen sich alleingelassen

Blumen für den Unfall

Erinnerung an ein Unglück: Kurz nach dem tödlichen Zusammenstoß vor einem Jahr entstand am Unfallort in der Grunerstraße ein Mahnmal. Es musste nach vier Wochen wieder abgeräumt werden.

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Camcop Media / Andreas Klug

Der Tod kam rasend schnell. Und er kam mit einem Auto einer Institution, von der sich die meisten Bürger Schutz und Sicherheit erhoffen. Mit mehr als 90 Kilometern in der Stunde, so wird es später in einem Gutachten für die Staatsanwaltschaft stehen, bohrte sich der Polizeiwagen in einen weißen Kleinwagen.

Zuvor hatte das Auto bei seiner Einsatzfahrt zu einem Raubüberfall am Potsdamer Platz sogar Tempo 134 erreicht. Die Wucht der Kollision auf dem linken Fahrstreifen der breiten Verkehrsschneise im Schatten des Roten Rathauses bedeutete den Tod für Fabien Martini, die in dem Renault Clio saß.

Die 21-Jährige aus Reinickendorf wurde einer der ersten Todesfälle im Berliner Straßenverkehr 2018. Am Ende des Jahres waren es nach jetzigem Stand 45. Das sind 45 Katastrophen für Freunde, Berufskollegen und vor allem für die Angehörigen.

Aus dem Leben herausgerissen

Fast ein Jahr nach der tödlichen Kollision, der sich am 29. Januar 2018 ereignete, sitzen die Eltern der jungen Frau im Büro des Verkehrsclubs Deutschland (VCD) Nordost in der Kreuzberger Yorckstraße. Es geht um das Gedenken, das am Dienstag um 17.30 Uhr am Unfallort in der Grunerstraße stattfinden wird. Es geht aber auch um den Straßenverkehr in Berlin, um Verkehrsanlagen, die das Rasen ermöglichen und begünstigen – und um die Menschen, die an den Folgen von Unfällen leiden.

„Unsere Tochter ist aus unserem Leben herausgerissen worden. Wir kommen nicht klar mit dieser Situation“, sagt der Vater von Fabien Martini, ein Gerüstbauer. Die Tochter stand kurz davor, sich einen Traum zu erfüllen, erzählt ihre Mutter, eine Postbeamtin. Sie hat viele Taschentücher zu dem Termin mitgebracht.

„Es muss eine Strafe geben“

Bislang hatte die junge Frau als angestellte Barista gearbeitet, zuletzt als Leiterin eines Cafés in Mitte. „Nun wollte sie ihr eigenes Café eröffnen, am Checkpoint Charlie“, so die Mutter. Am Morgen war Fabien Martini bei ihrem früheren Arbeitgeber, um die Übergabe vorzubereiten, weitere Termine standen an. Gegen 13 Uhr endete das Leben der Frau, die sich selbstständig machen wollte.

„Unsere tiefe Traurigkeit kann uns niemand nehmen“, sagt die Mutter. Keiner könnte Fabien ins Leben zurückholen. Doch was sie und ihr Ehemann vermissen, ist Hilfe, Beistand – und Gerechtigkeit. „Ein Staatsbediensteter hat unsere Tochter getötet, aber vom Staat kommt nichts.“ Die Staatsanwaltschaft hat gegen den Polizisten, der das Polizeiauto fuhr, ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts fahrlässiger Tötung eingeleitet. Aber auch fast ein Jahr nach dem Zusammenstoß sei kein Ende absehbar, sagt Philipp Appelt, der Rechtsanwalt der Familie.

„Aus meiner Sicht ist es nicht begründbar, warum das Verfahren noch nicht abgeschlossen worden ist“, so der Jurist. Die Männer, die im Juni 2018 bei einer Verfolgungsjagd in der Kantstraße eine 22-jährige Fußgängerin mit ihrem Auto getötet hatten, stünden längst vor Gericht. „Es muss eine Strafe geben“, fordert die Mutter von Fabien Martini. „Für uns ist es wichtig, dass es zu einem Prozess kommt. Wir wollen die Sache beenden.“ Doch das Ende ist nicht in Sicht, kein Hoffnungsschimmer. Offiziell gibt es keine Auskunft.

Die Martinis erhielten kaum Unterstützung vom Staat

Es ist dieses Gefühl, vom Staat alleingelassen worden zu sein, das die Martinis besonders belastet – und zwar von Anfang an. „Wir haben den Fahrer des Polizeiwagens nicht kennengelernt“, sagt die Mutter. Es sei kein Wort der Reue gekommen, keine Entschuldigung. Zwar hätten die Polizisten, die ihnen an jenem Januar-Montag gegen 17.30 Uhr die traurige Nachricht überbrachten, zwei Mitarbeiter des Krisendienstes mitgebracht. Aber danach habe es vom Staat fast keine Unterstützung mehr gegeben.

Die Martinis aus Reinickendorf trauern um ihre Tochter.

Die Martinis aus Reinickendorf trauern um ihre Tochter.

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Andreas Klug

Ein Termin bei einem Psychologen war ohne lange Wartezeit nicht zu bekommen. Ihr sei zwar eine Traumatherapie vermittelt worden, aber zunächst wurde intensiv über die Finanzierung diskutiert, erzählt die Mutter. Dabei hatten die Eltern bereits einige Belastungen zu tragen. „Wir haben kein Sparbuch für den Fall, dass man eines seiner Kinder beerdigen muss“, sagt sie.

Das Mahnmal aus Blumen, Kerzen und Briefen, das am Unfallort entstand, musste nach vier Wochen wieder abgeräumt werden. Erst als sich das Ehepaar Martini einen Anwalt suchte und sich an die Björn-Schulz-Stiftung wandte, kam es zur Ruhe – wenigstens etwas.

Es handelt sich um einen gefährlichen Ort

Der tödliche Zusammenstoß in der Gruner-, Ecke Jüdenstraße ereignete sich am Rand des Mittelstreifens, der als Parkplatz genutzt wird. Ob Fabien Martini, die seit drei Jahren Auto fuhr, gerade ein- oder ausparkte, sei bisher nicht klar, sagt Appelt. Klar sei aber, dass es sich um einen gefährlichen Ort handelt – das meinen auch die Verkehrsaktivisten, die bei dem Gespräch am Freitag dabei sind.

Wer zum Mittelstreifen will, muss drei oder vier Fahrstreifen überqueren, sagt Heiner von Marschall vom VCD. Die 1969 freigegebene Grunerstraße, ein Beispiel für die Planung einer autogerechten Stadt, stelle eine „unglaublich breite Schneise“ dar. Die meisten Autos seien zu schnell unterwegs, vor allem, wenn sie aus dem Alexanderplatz-Tunnel kommen. Auch das Polizeiauto war aus dem Untergrund hervorgeschossen.

Eine Ombudsperson soll helfen

Zwar bereitet der Senat den Umbau der Verkehrsachse vor. Aus dem Molkenmarkt, der breiten Kreuzung hinter dem Roten Rathaus, sollen bis 2022 zwei Knotenpunkte werden. „Doch die Grunerstraße wird eine sehr breite Straße bleiben“, sagt Roland Stimpel vom Fachverband Fußverkehr Deutschland. „Straßen werden vom Staat gebaut, die Geschwindigkeit wird vom Staat festgesetzt. Deshalb muss der Staat auch die Folgen tragen“, fordert er.

„Die brutale autogerechte Asphaltschneise durch die historische Mitte muss rascher und im Ergebnis noch sicherer und menschenfreundlicher zurückgebaut werden, als der Senat jetzt vorsieht“, verlangt Stefan Gammelien vom Verein Changing Cities. Eine weitere Forderung: „Geschädigte schwerer Unfälle und Hinterbliebene brauchen eine Ombudsperson, die die Betroffenen dabei unterstützt, ihre Rechte und Interessen wahrzunehmen.“ Jemand, der sich im Behördenwirrwarr auskennt.

Es ist eine Idee, die auf fruchtbaren Boden fällt. „Den Vorschlag, die Stelle einer Ombudsperson für Unfallopfer einzurichten, findet die Senatsverwaltung für Verkehr, Umwelt und Klimaschutz bedenkenswert und würde ihn daher ergebnisoffen prüfen“, sagte Jan Thomsen, Sprecher der Senatorin Regine Günther (parteilos, für Grüne), am Freitag.