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Schrecken des Erhabenen: Warum die neue BND-Zentrale von allen Seiten gelobt wird

Gebäude der neuen Zentrale des Bundesnachrichtendienstes

Gebäude der neuen Zentrale des Bundesnachrichtendienstes (Archivbild).

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picture alliance / dpa

Der Verlag Hatje Cantz lädt ein in die Zentrale des Bundesnachrichtendienstes. Das sind die 270.000 Quadratmeter für 4500 Angestellte in der Berliner Chausseestraße. 280 Meter soll das Gebäude lang sein, also ein wenig kürzer als ein ICE. Also länger, fügt der geplagte Hauptstadtbewohner hinzu, als das Dach des Berliner Hauptbahnhofes. Ein nimmer endendes Schreckbild von Herrschaftsarchitektur. Wer das so sieht, der wird in der netten Talkrunde, die sich am Montag um 11 Uhr im Konferenzraum des BND trifft, eines Besseren belehrt.

Sie soll uns Appetit machen auf das Buch zum Bau: „Kleihues + Kleihues: BND Die Zentrale“, erschienen im Verlag Hatje Cantz. Die Professorin für Architekturtheorie, Claudia Kromrei, befragt Bruno Kahl, den Präsidenten des Bundesnachrichtendienstes, den Architekten des Baues, Jan Kleihues, und Hanns Zischler, den Schauspieler und Berliner Spaziergänger.

Großteil der Mitarbeiter unter einem Dach

Vor allem aber ist die Runde – Titel der Veranstaltung: „Monumentalität und Poesie“ – daran interessiert, uns die Augen zu öffnen für die Schönheit, die Attraktivität des Baues. Nicht etwa, in dem sie uns ihn zeigt, nein, das wäre vermessen. Hier feiert nicht der Augenschein, sondern die Kunst der Rhetorik eine ihrer großen Augenblicke.

Hausherr Kahl betont, es sei das erste Mal, dass der Bundesnachrichtendienst ein Großteil seiner Mitarbeiter unter einem Dach habe, was auch die Aufsicht erleichtere. Zwar sei ein Geheimdienst natürlich nach wie vor ein Geheimdienst und selbstverständlich gebe es nach wie vor Tätigkeiten, von denen das Nachbarbüro besser nichts wisse, aber natürlich spiele heute neben der Abschottung immer stärker auch die Zusammenarbeit eine Rolle.

"Nicht abweisende Monumentalität"

Die Zusammenarbeit nach innen und nach außen. Das Haus werde bald der erste Nachrichtendienst der Welt sein, der auch ein Besucherzentrum haben werde. Wohl noch in diesem Jahr werde es Räumlichkeiten geben, die auch Passanten aufsuchen könnten. Ganz ohne Anmeldung. Der sehr schöne Bau, so Bruno Kahl, sei ein Bekenntnis des Staates zur Bedeutung des Bundesnachrichtendienstes. Es sei gut, dass das Gebäude mitten in der Stadt läge und er einen Blick habe auf Parlament und Kanzleramt, seine Chefs gewissermaßen.

Claudia Kromrei weist daraufhin, dass der an der Architektur des Gebäudes Interessierte, dem Band wenig Informationen entnehmen könne. Gezeigt werde ein einziges Büro, nein ein Blick aus einem Büro. Ansonsten Fassaden, Flure, Treppen. Der Architekt des wohl größten Neubaus der BRD-Geschichte, Jan Kleihues, erinnert daran, dass das Gebäude, von dem hier gesprochen wird, ja nicht das ist, was man von außen sieht. Zwischen der Straßenfront und dem Hauptgebäude liegt der Sicherheitsabstand von dreißig Metern, eine Vorgabe des Bauherrn. Aber er findet den Anblick von der Straße aus sehr schön. Hanns Zischler preist den Blick, den man durch die Kiefern im Außenbereich auf das Gebäude hat und sagt der Gesamtanlage eine „nicht abweisende Monumentalität“ nach.

Zeichen der Poesie

Aus dem Publikum meldete sich der Kunsthistoriker Adrian von Buttlar mit einer etwas schlitzohrigen Bemerkung. Natürlich verbreite die Monumentalität des Baues auch Schrecken. Aber ohne den sei das Erhabene nun mal nicht zu haben. So wurde ihm gerade das Abweisende an der Riesenanlage zum Ausweis von dessen Schönheit.

Claudia Kromrei verwies auf eine Textzeile in einem der Atrien. Für sie ein Zeichen der Poesie mitten im Monumentalen. Die Zeile lautet: „Es ist Nacht und der Budapester Bahnhof still und schön.“ Der Satz stammt wohl aus einem kleinen Bericht der Künstlerin Antje Schiffers über eine Reise von Berlin nach Sofia. Er wurde schon 2010 als eine der Schönheiten des geplanten Gebäudes zitiert. Seit im Sommer 2015 der Budapester Bahnhof von 3000 Flüchtlingen okkupiert und dann geräumt wurde, ist ihm Bedeutung zugewachsen. Die Zeile gehört jetzt zu jener Ästhetik des Schreckens, den die Anlage auch sonst zelebriert.

Hanns Zischler, befragt nach der Schönheit der Anlage, meinte, mit der Architektur ginge es wie mit den anderen Künsten auch. Sie brauchte Zeit, sich zu entfalten, sie brauche Zeit, um richtig wahrgenommen, um erkannt zu werden. Es mag sein, dass wir hier draußen auch noch etwas mehr Zeit brauchen werden, um in dem Willen zur demonstrativen Größe, etwas anderes als die Übergriffigkeit der Macht zu erkennen.

Zu den komischen Seiten der geheimdienstlichen Veranstaltung gehörte, dass der Verlag die Bücher nur auf Nachfrage herausrückte, für die Pressevorstellung eines Buches ein sehr ungewöhnliches Verfahren. Außerdem: In der Einladung hatte es noch geheißen, wir sollten alle Mobiltelefone und sämtliche elektronischen Geräte am Eingang abgeben. Das passte zu unserem Bild von einer Spionage-Zentrale. Davon war dann vor Ort keine Rede mehr. Die Personenkontrolle ging schneller als an jedem Dorfflughafen. Wir waren enttäuscht.

Genauigkeit im Detail

Um so schöner, dass wir dann doch draußen bleiben mussten. So träumen wir weiter von Spionen, die andere Spione in ebensolchen Festungen (Jan Kleihues: „Das Gebäude gleicht womöglich in mancher Hinsicht einer Festung“) ausforschen und von denen wiederum ausgeforscht werden: ein Möbiusband globaler Überwachung.

Das letzte Wort aber soll der Hausherr Bruno Kahl haben. Auf die Frage nach der Schönheit des Baues antwortete er lächelnd und meinte ungefähr: Wenn es heißt, die Schönheit des Baues liege darin, wie der Blick fürs Ganze sich mit der Genauigkeit im Detail verbinde, dann kann ich nur sagen: Das ist die Definition der Arbeit des BND.