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Leihfahrräder in Berlin: Modern, aber auch gefährlich

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Mittlerweile sind sieben Mietradanbieter ins Berliner Geschäft eingestiegen. Zuletzt der chinesischen Anbieters "Ofo" mit seinen gelben Rädern.

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imago/snapshot

Sie war jung und deshalb natürlich ganz modern. Sie muss kein eigenes Fahrrad besitzen, um mobil zu sein. Sie saß auf einem dieser neuen bunten Mieträder, die überall auf den Fußwegen auf Kundschaft warten. Mit der einen Hand hielt sie den Lenker, mit der anderen ihr Handy, auf das sie ständig schaute. Sie war auf der Suche.

Und genau neben der Eisdiele, in der wir saßen, wurde sie fündig: Dort stand ihr neues Rad.

Bei ihrem alten Rad war der Sattel locker, also suchte sie sich schnell per Handy ein neues. Wie praktisch, diese schöne neue App-Welt.

Überall im Weg

Ärgerlich war nur, dass sie mit dem neuen Rad davon radeln wollte, das alte aber ziemlich mittig auf dem Bürgersteig stehen ließ. Erst als eine Frau sie aufforderte, das Rad doch bitte ein wenig zur Seite zu stellen, tat sie es. Wenn auch etwas mürrisch.

Wer in Berlin drauf achtet, wo die Mieträder abgestellt werden, erkennt schnell: Die Nutzer solcher Räder sind offenbar keine echten Radfahrer. Denn Leute, die mit dem eigenen Rad fahren, mögen aus Sicht der anderen zwar üble Verkehrsrowdys sein, Fußwegfahrer und Rot-Ignorierer. Aber immerhin würde sie niemals ihr Rad mitten auf dem Gehweg abstellen oder direkt vor der Tür des Clubs, in den sie dann gehen.

Inzwischen sieben Anbieter

Von 14.000 Mieträdern allein in Berlin war Anfang des Jahres die Rede. 2016 gab es nur Nextbike und Lidl-Bike, dazu kamen dann 2017 zum Beispiel Mobike und Obike aus Singapur.

Seit einigen Wochen steigt der siebte Anbieter ins Berliner Geschäft ein: Ofo. Manchen nennen die asiatisch kleinen Räder etwas abschätzig "Gelbe Flut", weil der chinesischen Anbieter, der weltweit zehn Millionen knallgelbe Mieträder in 17 Ländern aufgestellt hat, angeblich auch 2000 Stück in Berlin aufstellen will. Die Fußwege werden immer voller.

"Krieg" auf den Straßen

Immer öfter ist davon die Rede, dass auf Berlins Straßen und Gehwegen ein Krieg toben würde: zwischen verängstigten und verbitterten Fußgängern, sogenannten Kampfradlern und dominanten Autofahrern. Durch die Flut neuer Mieträder wird die Lage nicht gerade besser. Vor allem wird es für alle gefährlicher.

Denn in der Innenstadt ist gut zu beobachten, wer die klassischen Nutzer dieser Räder sind. Logischerweise sind es sehr oft Touristen. Darunter auch solche, die aus Ländern stammen, in denen Fahrradfahren nicht zu den klassischen Kulturtechniken gehört.

Das heißt: Da zücken ein paar junge Spanierinnen ihre Handys, suchen sich ein Rad und los geht’s: Sie eiern durch die Gegend, als wäre die letzte Fahrradrunde mehr als zehn Jahre her. Sie lachen laut und ausgelassen über ihre Unfähigkeit, aber sie sind ein echtes Verkehrshindernis – und vor allem bringen sie sich selbst in Gefahr.

WM als zusätzliche Gefahr

Gar nicht auszudenken, wenn solche Neuradler auf einen jungen, unerfahrenen Autofahrer treffen, der mit einem Mietauto unterwegs ist, das nach Sekunden abgerechnet wird. Denn auch das ist immer wieder zu beobachten: Wer mit dem Mietauto unbedingt ein paar Cent sparen will, fährt auch mal bei Rot über die Kreuzung oder auch die Einbahnstraße falsch entlang.

Nachts ist dann noch eine weitere Gruppe zu beobachten, die gern die neuen modernen Mieträder nutzt: Junge Männer, die sonst nie Rad fahren, die nun aber ziemlich angeheitert sind oder schwer betrunken, und die nicht mehr nach Hause laufen wollen, sondern lieber radeln.

Es ist zu befürchten, dass in diesem Sommer die Zahl der Fahrradunfälle steigen wird. Denn die Fußball-WM wird für viel Übermut und auch Frust sorgen – und wohl auch für viele Betrunkene auf Mieträdern.