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Züge überfüllt?: Zahl der Berlin-Pendler steigt deutlich

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Für viele ist das Pendeln eine Belastung.

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imago/Rainer Weisflog

Auto – nein danke! Die Zahl der Pendler, die zwischen Berlin und Brandenburg den Zug nutzen, ist in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen – auf einer Strecke ins Havelland innerhalb eines Jahrzehnts sogar um fast 130 Prozent. Das geht aus Berechnungen des Verkehrsverbunds Berlin-Brandenburg (VBB) hervor, über die das Inforadio am Montag als erstes berichtet hat.

„Der Regionalverkehr wird gut nachfragt“, sagte VBB-Sprecherin Elke Krokowski. Doch was Verkehrs- und Umweltpolitiker freut, nervt zahlreiche Fahrgäste. Denn in Spitzenzeiten kann es zu Engpässen kommen, und nicht jeder bekommt einen Sitzplatz.

Mehr Arbeitsplätze, mehr Einwohner – das bedeutet auch: mehr Pendler. In der Hauptstadt-Region steigt die Zahl der Menschen, die in der Hauptstadt-Region Regionalzüge nutzen. Das führt der neue Landesnahverkehrsplan für das Land Brandenburg, den Infrastrukturministerin Kathrin Schneider (SPD) am Donnerstag in Potsdam vorstellen will, eindringlich vor Augen. Lag die Zahl der täglichen Regionalzugfahrgäste 2013 noch bei rund 195.000, so waren es 2017 bereits 241.000. Die Steigerungsraten liegen klar über dem deutschen Durchschnittswert, der sich auf rund 2,2 Prozent beläuft.

Steigerung um 129 Prozent

Unter den ausgewählten Regionalzugstrecken ins Umland verbuchte die Verbindung zwischen Adlershof und Berlin-Spandau den größten Zuwachs. Wurden dort 2007 montags bis freitags im Durchschnitt jeweils insgesamt 9400 Reisende in beiden Richtungen gezählt, waren es 2017 rund 21.500 – eine Steigerung um 129 Prozent.

Die zweitgrößte Zunahme wurde für den Abschnitt zwischen Teltow und Berlin-Lichterfelde Süd ermittelt. Dort wuchs die Zahl der werktäglichen Regionalzugfahrgäste in den vergangenen zehn Jahren von 5500 auf 10.200 – ein Plus von 85 Prozent.

Zwischen Rüdnitz und Bernau nordöstlich von Berlin nahm die Zahl der Reisenden im Regionalverkehr von 6200 auf 10.800 zu – eine Zunahme um 74 Prozent. Voller wurde es auch zwischen Zeesen und Königs Wusterhausen südöstlich der Hauptstadt, wo ein Anstieg von 6100 auf 10.300 Regionalzugfahrgästen pro Werktag verbucht wurde – das entspricht rund 69 Prozent Zuwachs.

Züge nicht automatisch überfüllt

Viele Fahrgäste empfinden die Zustände während der Stoßzeiten als menschenunwürdig. „Auf den Hauptachsen reicht bereits jetzt die Anzahl der Züge und der darin vorhandene Platz nicht mehr aus. In der Hauptverkehrszeit müssen Reisende stehen oder gar auf den Bahnhöfen zurückgelassen werden“, bestätigt Hans Leister, Sprecher von Pro Bahn Berlin Brandenburg. Auch der Fahrgastverband IGEB kritisiert, dass das Angebot über Jahre hinweg nicht erweitert worden ist – obwohl die Fahrgastzahlen schon lange deutlich steigen. Das Land Brandenburg, das Regionalzugfahrten bestellt und mit Bundesmitteln bezahlt, wehrte sich lange gegen die Ausweitung des Angebots für die Fahrgäste. Ein Argument war, dass das Geld nicht reicht.

Nun ist absehbar, dass die Bundesmittel zunehmen. Trotzdem hält die Diskussion über den Regionalverkehr an. Darum bemüht sich der VBB, der den Verkehr koordiniert, seine Zahlen zu erklären. „Allein aus der Steigerung von teilweise mehr als 100 Prozent zwischen 2007 und 2017 lässt sich keine generalisierte Aussage ableiten, dass die Züge überfüllt sind“, so der VBB, „Die Zahlen ersetzen keine detaillierte Auslastungsberechnung, da wesentliche Faktoren wie Taktdichte und Fahrzeugkapazität außen vor bleiben.“

Ein Beispiel sei der Regionalverkehr zwischen Oranienburg und Sachsenhausen nördlich von Berlin. Zwar stieg die Zahl der werktäglichen Fahrgäste 2007 bis 2017 um beachtliche 61 Prozent. Trotzdem habe auch der vollste Zug bei einer durchschnittlichen Auslastung immer noch rund hundert freie Sitzplätze.

Neuer Ausflugszug in den Fläming

„Es wird zu Verbesserungen kommen“, sagte Krokowski. So werde es zwischen Berlin und Nauen vom 9. Dezember an montags bis freitags drei zusätzliche Regionalexpressfahrten pro Richtung geben: ab Berlin 6, 15.45 und 17.45 Uhr, ab Nauen 7.20, 16.40 und 18.40 Uhr. Auf der Regionalbahnlinie RB 10, die ebenfalls zwischen Nauen und Berlin verläuft, steigt die Kapazität durch den Einsatz von Doppelstockwagen von 460 auf rund 600 Sitzplätze pro Zug. Geplanter Start: zweites Quartal 2019.

Dann soll auch die Linie RE 7, die Dessau, Bad Belzig und Wünsdorf-Waldstadt mit Berlin verbindet, leistungsfähiger werden. Montags bis freitags werden Züge verlängert, sie können dann statt 300 rund 460 Fahrgäste im Sitzen befördern. Montags bis donnerstags fährt ein zusätzlicher Zug um 16.45 Uhr von Berlin nach Bad Belzig. An Wochenenden bringt ein Ausflugszug die Berliner um 10.45 Uhr in den Fläming und um 17.20 Uhr zurück.

Doch die Verbesserungen reichen nicht aus, und sie kommen zu spät, kritisieren Fahrgastverbände. Pro Bahn hat den Entwurf des Landesnahverkehrsplans kritisch bewertet: „Es ist nicht akzeptabel, dass erst das für 2022 vorgesehene Angebot den aktuellen Sitzplatzbedarf zu decken verspricht“, so Hans Leister. „Man muss kein Prophet sein, um hier zukünftige Engpässe jetzt schon vorauszusehen. Bestehende Defizite im Zugangebot dürfen nicht auf Jahre hinaus festgeschrieben werden.“