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Yanis Varoufakis in Lichterfelde-Süd: Europa-Wahlkampf in der Berliner Provinz

Gianis Varoufakis, früherer Finanzminister von Griechenland, nimmt in der Akademie der Künste an einer Diskussion während der Konferenz "A Soul of Europe" teil (13.04.2019).

Gianis Varoufakis, früherer Finanzminister von Griechenland, nimmt in der Akademie der Künste an einer Diskussion während der Konferenz "A Soul of Europe" teil (13.04.2019).

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dpa

Die ersten Plakate hängen schon an Laternen, stehen auf Mittelstreifen und erinnern daran: Am 26. Mai sind Europawahlen. Der Wahlkampf hat begonnen und bringt manchmal überraschende Blüten hervor. Oder spült einen Prominenten der internationalen Politik in die Berliner Provinz.

Da war er also: Yanis Varoufakis, auf dem Höhepunkt der Griechenlandkrise 2015 griechischer Finanzminister, als solcher dauernervender Hauptkonkurrent von Wolfgang Schäuble, Marxist, Provokateur. Berühmt wurde er auch als Motorradfahrer und als – allerdings gefakter – Protagonist eines Satire-Videos, in dem er der deutschen Bundesregierung den Stinkefinger entgegenstreckte.

Am Sonnabendnachmittag stieg dieser Kritiker des ganz großen globalen Neoliberalismus am Bahnhof Lichterfelde-Süd aus einem Zug der S26 und ließ sich die besondere Situation des Stadtteils im Süden von Steglitz erklären – Politik im ganz Kleinen also.

Kritik an teuren Wohnungen

Ein kleines Grüppchen Aktivisten des Aktionsbündnisses Lichterfelde-Süd wartete in bitterer Kälte auf dem S-Bahnhof auf den Gast. Seit mehreren Jahrzehnten arbeiten sich dort Bürger an einer 94 Hektar großen Brachfläche direkt an der Landesgrenze zu Brandenburg ab.

Einst planten die Nazis dort das größte Eisenbahnausbesserungswerk des Reiches. Nach dem Zweiten Weltkrieg übernahmen die Amerikaner das Gelände, nannten es Parks Range – benannt nach dem ersten Kommandanten des Berliner US-Sektors im Sommer 1945, Generalmajor Floyd Parks - und übten dort den Häuserkampf. 1994 rückten sie ab.

Mehrere Verkäufe später erwarb die Groth-Gruppe das Gelände und will dort auf 37 Prozent der Fläche rund 2500 Wohnungen bauen – ein Vorhaben, gegen das das Aktionsbündnis Lichterfelde-Süd seit einem Jahrzehnt Sturm läuft. Die Kritik: zu groß, zu teure Wohnungen, zu viel Lärm durch die anliegende Bahnstrecke, die einmal den BER mit der Innenstadt verbinden soll. Dies alles und eine Menge mehr zeigten und erzählten die Aktivisten an diesem Sonnabend ihrem Gast aus dem fernen Athen.

Yanis Varoufakis steht in Deutschland zur Wahl

Doch warum? Wie ist es möglich, dass ein, ja doch, Star der internationalen Politik in Berlins ziemlich kleinteiligen Süden landet? Ganz einfach – und doch ganz schön kompliziert: Wenige Monate nachdem Varoufakis in Athen hinwarf, tauchte er an der Spree auf. Im Februar 2016 gründete sich in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz DiEM25, eine europaweite Bürgerrechtsbewegung, die jetzt an den Wahlen für Brüssel teilnimmt. Varoufakis steht auf Platz 1 der deutschen(!) Liste von DiEM 25, vor einer Österreicherin.

Die internationale Besetzung der Liste ist extrem ungewöhnlich und spiegelt den basisdemokratischen Ansatz von DiEM25 wider. Ziel war von Anfang an eine transnationale, eine transeuropäische Liste. Nach dem Motto: Wenn schon ein grenzenloses Europa, dann richtig.

Varoufakis' Wahlchancen stehen im Übrigen nicht einmal schlecht. Rein rechnerisch gibt es im Europaparlament eine 0,325-Prozent-Hürde. Wenn dann noch möglichst viele in Deutschland Wahlberechtigte die Liste wählen, könnte der Star aus Griechenland tatsächlich einziehen.

Soziale Krise in Europa, soziale Spaltung in Lichterfelde-Süd

Seine Agenda: Europa befinde sich einer tiefen sozialen Krise. Wenn sich die EU nicht von Grund auf ändere, würden sich Rechte und Rechtspopulisten immer weiter ausbreiten. Als Beispiel nennt er Italiens Innenminister und stellvertretenden Ministerpräsidenten Matteo Salvini, den er „eine Kopie von Mussolini“ nennt.

Auf Platz 14 der deutschen Liste von DiEM25 steht Thomas Kellermann, Internist mit Praxis in Lichterfelde-Ost und seit Jahren engagiert im Aktionsbündnis Lichterfelde-Süd. Seine Praxis liegt in der Thermometersiedlung, einem Hochhausgebiet aus den 70er-Jahren und heute sozialer Brennpunkt. Dort leben viele arme Menschen, und arme Menschen sterben früher als reiche, sagt Kellermann. Und ausgerechnet in dieser Nachbarschaft wolle die Groth-Gruppe jetzt teuer bauen. Geplant sind zahlreiche Doppel- und Reihenhäuser, viele davon in Eigentum. Nur 25 Prozent der Wohnungen sollen als Sozialbau, also mit einer Nettokaltmiete von 6,50 Euro je Quadratmeter, vermietet werden.

Kellermann lässt so etwas keine Ruhe. Er fühlt sich nach eigenen Worten dem großen Sozialmediziner und Pathologen des 19. Jahrhunderts, dem Berliner Ehrenbürger Rudolf Virchow, verpflichtet, der einst schrieb: „Die Medizin ist eine soziale Wissenschaft, und die Politik ist nichts weiter als Medizin im Großen.“

Yanis Varoufakis bei DiEM25 auf Listenplatz 1

Für Kellermann waren Virchows größte Leistungen nicht etwa seine umwälzenden Erkenntnisse in der Zellforschung und zu Blutkrankheiten, sondern dass sich Virchow als Mitglied der Stadtverordnetenversammlung von Berlin für den Ausbau der Kanalisation eingesetzt hat. „Damit hat Virchow viele Leben gerettet“, sagt Kellermann.

Thomas Kellermann hat den Promi Varoufakis nach Lichterfelde eingeladen, weil dieser ohnehin gerade Wahlkampf in Berlin macht. Am Morgen hatte der Grieche einen Termin in der Akademie der Künste, am Abend sollte er Stargast einer DiEM25-Veranstaltung in Wedding sein. Am Sonntag stand ein Termin bei der überparteilichen und unabhängigen Bürgerinitiative Pulse of Europe an.

Ob so viel Prominenz einer Bewegung nicht auch schaden könne? „Doch“, sagt Yanis Varoufakis, „ich wünschte, ich wäre nicht so bekannt“. Ganz sicher wäre dann aber an diesem bitterkalten April-Tag nicht so viel Presse in Lichterfelde-Süd gewesen.