Jedes Jahr am 15. Januar schlagen die Wellen hoch. An der Gedenkstätte der Sozialisten in Berlin-Friedrichsfelde findet der Gedenkmarsch zu Ehren von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht statt. 1988 kam es dabei zu spektakulären Festnahmen von Bürgerrechtlern, die im Umfeld der offiziellen Kundgebung Rosa Luxemburg beim Wort genommen hatten.

Auf  Transparenten forderten sie „Freiheit für Andersdenkende“ und bekamen prompt von der Staatsmacht den Beweis geliefert, was von dem Slogan zu halten war.

Herumgeschrien und ausgespien

Heute marschieren hier die Anhänger der SED-Nachfolgepartei auf und viele von denen, die sich noch weiter links verorten.

Totenruhe wird sehr eigenwillig ausgelegt. Es wird herumgeschrien, geschubst und ausgespien. Ein Mann wedelt triumphierend mit einem Schild, auf der einen Seite mit Lenin, auf der anderen mit Stalin. Viele der Demonstranten fühlen sich offenbar provoziert.

Denn neben dem großen Kenotaph mit der Aufschrift „Die Toten mahnen uns“ gibt es auch eine kleine Tafel, deren Gravur an die „Opfer des Stalinismus“ erinnert. Hier stehen ein paar Unverzagte mit Kerzen und Blumen, darunter Vera Wollenberger alias Lengsfeld – eine der Protestierenden von  1988.

Dabei ist auch Mario Röllig, der im Zentrum des Films steht. Er war kein Bürgerrechtler, wurde aber 1987 bei einem Fluchtversuch in Ungarn verhaftet und an die DDR überstellt, wo er mehrere Monate in MfS-Untersuchungshaft verbrachte, bevor er von der Bundesrepublik freigekauft wurde. Nach seiner allmählichen Eingewöhnung in die westliche Lebenswelt folgten der Mauerfall und wenig später der nächste Schock. Im KaDeWe traf er zufällig einen seiner Peiniger – einen besonders perfiden Vernehmer der Staatssicherheit.

Hick gelingt ein seltenes Kunststück

Diesem Mann ging nicht nur jedes Bewusstsein für das eigene Tun ab, er beleidigte auch noch sein einstiges Opfer. Das warf Mario aus der Bahn. Seither ist er davon besessen, die Vertreter nachfolgender Generationen  über den Unrechtsstaat namens DDR aufzuklären.

Mario ist schwul, aktives CDU-Mitglied und bezeichnet sich als Anhänger des kapitalistischen Leistungsprinzips.

Jochen Hick gelingt in seinem Dokumentarfilm ein seltenes Kunststück: Er schafft es, seinen Helden unheldisch zu porträtieren, bringt ihn gerade deshalb den Zuschauern nah. Gleichzeitig bewahrt er jedoch stets Distanz. Sein Blick sympathisiert zwar eindeutig mit Mario, bleibt aber durchaus skeptisch.

Der im Westen sozialisierte Regisseur schaut neugierig auf die Ost-Biografien, versucht zu verstehen, nicht zu urteilen. Manchmal ergänzen die Bilder sanft-ironisch die Aussagen der Gesprächspartner. Etwa wenn Mario zum x-ten Mal am Gymnasium irgendeiner Kleinstadt seine Opfergeschichten referiert und die Schüler dabei gelangweilt auf ihren Smartphones herumwischen.

Oder wenn Marios betagte, früher DDR-staatstreue Eltern stolz in einem Fotoalbum mit den nach 1989 gekauften Westautos blättern. Der immer akkurat gekleidete und sich pointiert ausdrückende Dienstreisende in Sachen politischer Repression erscheint bisweilen wie einer, der den Zeitzeugen spielt, der er einmal gewesen ist. Natürlich schleicht sich Routine ein bei seiner nicht enden wollenden Tournee.

Wenn ihm die Widersprüche zu krass erscheinen, stellt Hick hin und wieder aus dem Off leise Fragen, insistiert, hakt nach. Diese Einwände lächelt dann sein Held meist freundlich weg.

25 Jahre nach dem Fall der Mauer und dem Ende der DDR verweist dieser Film eindrücklich auf die Gegenwart der Vergangenheit und zeigt, dass es jenseits von scheinbar unversöhnlichen Positionen noch viel Gesprächsbedarf gibt.

Der Ost Komplex: 

19. 2., 17 Uhr,

CineStar 7