Berlin - Der Aufschwung kommt bei den Berliner Arbeitslosen nicht an. Zwar wächst die Wirtschaft in Deutschland so kräftig wie seit Jahren nicht, das drückt die Arbeitslosenzahlen. Doch unter allen Bundesländern hat neben Mecklenburg-Vorpommern nur Berlin ein gravierendes Problem: Die Arbeitslosigkeit geht trotz Wirtschaftswachstums kaum zurück. Die Arbeitsagenturen in der Hauptstadt registrierten laut den jüngsten Zahlen von gestern im Juni 230 400 Arbeitslose. Das waren 2000 Erwerbslose mehr als im Juni vergangenen Jahres. Die Arbeitslosenquote stagnierte bei 13,3 Prozent. Damit liegt Berlin zum wiederholten Mal am Ende der Länder-Rangliste. Mecklenburg-Vorpommern als schwächstes ostdeutsches Bundesland erreicht eine Arbeitslosenquote von 11,9 Prozent, während an der Spitze Bayern auf erstaunliche 3,5 Prozent kommt.

Arbeitsmarktforscher Karl Brenke vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) sagte der Berliner Zeitung, der Aufschwung gehe an den Berlinern „zu einem großen Teil“ vorbei. Zur Begründung verwies er auf die sogenannten Zuwanderungsüberschüsse: „Die Menge der Erwerbstätigen hier nimmt zu durch Menschen, die von außerhalb nach Berlin kommen und gute Stellen besetzen.“ Es zögen vor allem junge Menschen im Alter von 18 bis 35 Jahren in die Hauptstadt. „Arbeitslose in Berlin haben dann, wenn es um die Arbeitsplätze geht, eher das Nachsehen.“

Denn es gebe zu viele Arbeitslose in Berlin ohne Berufsabschluss. „Es ist die Hälfte aller Erwerbslosen“, sagte Brenke. „Damit sind die Job-Chancen von vornherein bescheiden.“ Deshalb können auch die Möglichkeiten nur in geringem Umfang genutzt werden, die wachsende Bereiche wie die Medien- und Modebranche, die Hightech-Unternehmen und der gehobene Dienstleistungssektor böten. Gestern gab der Filmverleiher, DVD-Anbieter und Koproduzent Kinowelt bekannt, dass er seinen Firmensitz mit rund hundert Arbeitsplätzen von Leipzig nach Berlin verlegt.

Die Bundesagentur für Arbeit (BA) teilte gestern in Nürnberg mit, dass die Arbeitslosenzahl in Deutschland im Juni weiter auf 2,893 Millionen gesunken ist. Das ist einer der niedrigsten Werte in diesem Monat seit der deutschen Einheit.

Im Vergleich zum Vorjahresmonat betrug der Rückgang eine Viertelmillion. Arbeitslosigkeit wurde nach Angaben der BA vor allem im verarbeitenden Gewerbe sowie in den Branchen Handel, Bau, Transport und Information und Kommunikation abgebaut. Bereits im Mai hatte die Zahl der Erwerbslosen unter der Marke von drei Millionen gelegen.

Für das laufende Jahr werden die Prognosen wegen der robusten Konjunktur immer optimistischer. Das Institut Kiel Economics sagte gestern voraus, dass Ende 2011 nur noch 2,6 Millionen Menschen als arbeitslos registriert sein werden. Die Forscher nehmen an, dass die deutsche Wirtschaft mit 4,2 Prozent in diesem Jahr wächst und der anhaltende Aufschwung den Boom auf dem Arbeitsmarkt vorantreibt.

Für die Firmen, die sich wegen fehlender Fachkräfte sorgen und für die Bundesagentur wird die Lage aber angespannter: BA-Chef Frank-Jürgen Weise sagte, weil vor allem Ältere, Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen und ohne Bildungsabschlüsse unter den Arbeitslosen übrig blieben, werde ihre Vermittlung zunehmend schwieriger.





Berliner Zeitung, 01.07.2011