Die Büros der geheimnisvollen Behörde liegen in einem wuchtigen langen Altbau eines Wohnviertels am Hohenzollerndamm in Berlin-Wilmersdorf. „Hauptstelle für Befragungswesen“ – mehr steht nicht auf dem Briefkasten. Es ist eine Behörde, die es eigentlich gar nicht gibt. Es gibt kein Eingangsschild, keine Internetseite.

Im Foyer stehen Modelle von alten Filmkameras, im Haus sind auch Produktionsfirmen untergebracht. Es gibt nur eine Klingel, dort sollen sich Besucher der „Hauptstelle“ anmelden. Eine Kamera filmt jeden Besucher. Wenn man auf die Klingel drückt, meldet sich eine Frauenstimme. Sie nimmt den Namen und die Telefonnummer auf und bittet um Verständnis, dass Fragen nur schriftlich angenommen werden, bitte per Briefpost, „E-Mail haben wir hier nicht“. Ihren Namen will sie erst nicht nennen, dann sagt sie „Gabor, wie Zsa Zsa Gabor“.

In der vierten Etage brennt Licht. Der Fahrstuhl fährt nur bis zur dritten. Wenn man direkt unter das Dach will, braucht man einen Spezialschlüssel. Den haben nur Mitarbeiter. Die Behörde arbeitet so unauffällig und verschwiegen, dass den anderen Mietern des Gebäudes bis vor Kurzem verborgen blieb, womit sich die Nachbarn im 4. Stock beschäftigen. „Ich habe hier nie auffällige Besucher gesehen“, sagt eine Mitarbeiterin der Softwarefirma, die rauchend auf der Rückseite des Gebäudes steht. Kontakt zu den Nachbarn gebe es nicht.

In der deutschen Behörde sind heute nach amtlichen Angaben noch 52 Mitarbeiter beschäftigt. Das Interesse der Agenten richtet sich gegenwärtig auf Menschen aus Kriegs- und Krisenregionen, wie Afghanistan, Irak, Jemen, Somalia, Syrien.

Die Behörde gibt sich wortkarg, wenn man sich nach ihrer Funktion erkundigt. Es gehe um die Befragung von Flüchtlingen, „denen besondere Bedeutung in außen- und sicherheitspolitischen Fragen zukommt“, heißt in der Antwort auf eine parlamentarische Anfrage.

Konkreter werden die Autoren Christian Fuchs und John Goetz. In ihrem zweiten, ausgezeichneten Buch „Geheimer Krieg“ belegen sie in einer aufwendigen Recherche, wie der Anti-Terror-Krieg von Deutschland aus organisiert wird. Sie haben mit ehemaligen Mitarbeitern des Pentagon, mit Geheimdienstlern, mit Asylbewerbern, mit Anwälten und Übersetzern gesprochen. Sie haben auch versucht, in die Hauptstelle einzudringen, wurden aber von einem bulligen Mitarbeiter, der wie ein Polizist aussah, abgewiesen.

Ein Tarnbüro in Friedland

Fuchs und Goetz haben herausgefunden, dass Agenten in Deutschland Asylbewerber aushorchen, um Informationen an amerikanische und britische Geheimdienste weiterzugeben. Diese Informationen werden offenbar auch dazu genutzt, um Drohnen im Anti-Terror-Krieg zu programmieren. Die Zusammenarbeit ist so eng, es sollen sogar Mitarbeiter des US-Verteidigungsministeriums am Hohenzollerndamm stationiert sein. „Der Krieg gegen den Terror funktioniert auch, weil es Asylbewerber in Deutschland gibt“, schlussfolgern Fuchs und Goetz.

Sie erzählen von einer Somalierin, die bei ihrer ersten Asylanhörung des Bundesamtes für Flüchtlinge und Migration erwähnt hatte, dass sie den Präsidenten kenne. Bei der zweiten Anhörung war plötzlich der Mann, der über ihren Antrag zu entscheiden hatte, nicht mehr allein im Raum. Zwei weitere Herren, die sich nur mit Vornamen vorstellten, interessierten sich für ihre Geschichte, fragten sie nach dem Präsidenten aus, mit wem er Kontakt halte, in welchem Stadtteil er wohne. Die Frau wunderte sich, warum diese Informationen für ihren Asylantrag in Deutschland relevant sein könnten.

Andere Somalier wurden befragt, ob sie den lokalen Anführer der islamistischen Al-Shabaab-Miliz kennen, in welche Moschee er gehe, wie seine Telefonnummer laute. Die Asylbewerber geben meistens Auskunft. Ihre Anwälte bekommen manchmal erst etwas von den Befragungen mit, wenn diese gelaufen sind. Die Befragungen finden nicht in den Büros am Hohenzollerndamm statt, sondern in den Asylbewerberheimen, in gemieteten Büros, manchmal auch in Cafés, haben Fuchs und Goetz herausgefunden. Im Durchgangslager Friedland hat der BND ein Tarnbüro. Oft stellen sich die Männer bei der Befragung als Praktikanten vor, auch wenn sie schon etwas älter und grauhaarig sind. „Sie fragen meist nicht direkt oder nur wenig, aber sie geben ganz klar die Kommandos“, wird ein Übersetzer im „Geheimen Krieg“ zitiert.

Laut einer Anfrage der Grünen-Fraktion vom Dezember 2012 wurden seit dem Jahr 2000 im Schnitt 500 bis 1000 Vorgespräche pro Jahr geführt, 50 bis 100 Flüchtlinge pro Jahr wurden zu intensiveren Gesprächen eingeladen. Anwälte wie Victor Pfaff aus Frankfurt am Main sagen, das sei ein Missbrauch des Asylverfahrens, bei dem es ausschließlich um das Schicksal des einzelnen Menschen gehen soll. Die Flüchtlinge folgen der Einladung meistens – auch aus Angst vor Nachteilen. Kooperation wirkt sich offenbar vorteilhaft für sie aus.

Nicht immer sagen die Flüchtlinge die Wahrheit

Indirekt bestätigt die Bundesregierung, dass eine hilfreiche Aussage das Verfahren positiv beeinflussen kann. Das Bundesamt für Migration sei gesetzlich verpflichtet, auch „Nachfluchtgründe“ zu berücksichtigen, heißt es etwas kryptisch in einer Antwort auf eine parlamentarische Anfrage. Wenn die Flüchtlinge relevante Informationen haben, dürfen sie bleiben, könnte das heißen.

Nicht immer sagen die Flüchtlinge die Wahrheit. Als US-Außenminister Colin Powell für den Einmarsch im Irak warb, berichtete er 2003 vor dem UN-Sicherheitsrat von biologischen Vernichtungswaffen. Auch der britische Premier Tony Blair berief sich auf Massenvernichtungswaffen. Die Informationen dazu stammten ausgerechnet von einem irakischen Asylbewerber im bayerischen Zirndorf, Deckname Curveball. BND-Agenten hielten ihn für eine gute Quelle, verschafften ihm sogar einen deutschen Pass. Später stellte sich heraus, dass er sich die Informationen über die Produktion von Massenvernichtungswaffen ausgedacht hatte. John Goetz, Autor des Buchs „Geheimer Krieg“ hatte Curveball damals aufgespürt.

Nachweisen, dass Informationen aus einer Befragung in Deutschland zu einer Tötung geführt haben – das können Fuchs und Goetz nicht. Die Informationen des BND können aber Baustein bei der Zielerfassung des US-Militärs sein. Dazu gehört ein komplexes System, in das Juristen und Nachrichtendienstler eingebunden sind, sagt Goetz.

Wissen für den Tötungsbefehl

Es reichen oft einfache Details, die andere Quellen vervollständigen. „Auch ein Mann, der an einem Kebabstand arbeitet, weiß vielleicht, zu welcher Zeit morgens der Konvoi vom Sohn des Diktators regelmäßig durch seine Straße fährt. Das reicht manchmal, um ein Ziel zu bestätigen, und vielleicht auch, um einen Tötungsbefehl auszulösen“, sagt Marc Galasco, ehemaliger Pentagon-Mitarbeiter.

Die Bundesregierung streitet bisher ab, dass Informationen zur Programmierung von Drohnen an die USA geliefert werden. Sie würden lediglich Daten liefern, die zu Festnahmen führen, wurde dem Grünen-Abgeordneten Christian Ströbele mitgeteilt. Seine Nachfrage, ob die Bundesregierung ausschließen könne, dass das Material auch zum Töten benutzt wird, wurde verneint. Ströbele sagt, wenn Antworten aus Befragungen deutscher Stellen für das US-Militär benutzt werden, dann würde sich Deutschland mitschuldig machen. Regierungssprecher Seibert sagt dazu: „Wenn neue Aspekte auftauchen sollten, wird die Regierung das ernst nehmen.“

Rechtsanwalt Victor Pfaff aus Frankfurt / Main bat um folgende Klarstellung:

„Ich habe in zahlreichen Interviews stets klargestellt, dass ich nie Einwände gegen die Befragung von Asylantragstellern durch die Hauptstelle für Befragungswesen erhoben habe, im Gegenteil, in vereinzelten Fälle mich im Interesse der Mandanten initiativ an die Stelle gewandt hatte. Von einem Missbrauch des Asylverfahrens habe ich stets nur dann gesprochen, wenn es vorkommen sollte, dass Asylantragsteller während der Anhörung durch Personen befragt werden, die ein anderes Interesse verfolgen als die Prüfung der Schutzbedürftigkeit, ohne den Asylantragsteller hierüber aufzuklären.“