Da kommt der Schwule, nach dessen totem Freund der Platz vor unserer Schule benannt wird", sagt der Mann auf dem Rücksitz des Autos, das gerade das Ortsschild von Lieberose passiert hat. Der verächtliche Ton ist nur gespielt. Er versucht vorherzusagen, was die Engstirnigen unter den 1 600 Einwohnern sagen könnten, wenn sie wüßten, wer hinter dem Lenkrad des "Saab" mit dem Berliner Kennzeichen sitzt. Der Fahrer erkennt das vermeintliche Zitat und lacht.Hans Stoermer weiß nicht, was die Stadt über ihn denkt. Er ist heute zum ersten Mal hier. Obwohl er die Kleinstadt nicht kannte, hat der 65jährige Anfang Dezember für 20 000 Mark das Recht ersteigert, dem zentralen Platz in Lieberose einen Namen geben zu dürfen. Erlös geht an ein Aids-ProjektDie Idee hatte die Bürgermeisterin Kerstin Michelchen. Der Erlös der Auktion kommt der gemeinnützigen GmbH "Zuhause im Kiez" (ZiK) zugute. Die Berliner Organisation vermittelt seit 1989 Wohnungen an Menschen, die an Aids erkrankt sind und die es deshalb bei Vermietern oft schwer haben. In Berlin-Kreuzberg baut "ZiK" zusammen mit einem Investor für sieben Millionen Mark ein Haus, in dem schwerkranke Aids-Patienten ein neues und oft auch ihr letztes Zuhause finden werden.Hans Stoermer hat seinen aidskranken Freund bis zu seinem letzten Tag in ihrer gemeinsamen Wohnung gepflegt. Ein halbes Leben lang, gut 32 Jahre, haben die beiden Männer miteinander gelebt. "Wir sind keinen Abend böse ins Bett gegangen", sagt Hans Stoermer. Darin ist auch jener Tag Anfang der achtziger Jahre eingeschlossen, als sie erfuhren, daß einer von ihnen HIV-positiv war. Gemeinsam beschlossen sie, daß ihr Erbe dafür eingesetzt werden soll, HIV-positiven und aidskranken Menschen das Leben erträglicher zu machen. 1997 gründeten der ehemals selbständige Textilkaufmann und der pensionierte Aral-Verkaufsleiter die Stiftung "Leben mit HIV und Aids". Sie unterstützt den Bau des Wohnpflegehauses von "Zik". Wenig später starb Heinz Bergner 63jährig. Seinen Namen soll der Lieberoser Platz mit den vier uralten Eichen, der Postsäule aus dem Jahr 1737 und den neuen Parkbänken tragen. So wünschte es sich Hans Stoermer, als er bei der Auktion den Zuschlag bekam. Als er dem Publikum erzählte, wer Heinz Bergner war und daß dies eine Hommage an eine "wundervolle Zeit der Freundschaft" sein soll, waren viele im Publikum tief gerührt."Heinz hätte der Platz sicher gefallen. Wenn wir nach Lieberose gekommen wären, wäre er ausgestiegen und hätte sich den Obelisk angesehen", sagt Stoermer. "Das ist der schönste Platz im Ort", sagte die Bürgermeisterin und knüllt eine zerfledderte Zeitung zusammen, die auf dem Boden liegt. Zum Fragenstellen bleibt kaum Zeit, Kerstin Michelchen erzählt von selbst: von der Postsäule, deren Fundament einst einer als Scheunenschwelle mißbrauchte; vom ersten Schulstreik Brandenburgs, den sie vor Jahren initiierte, um ihre Schule vor der Schließung zu retten; vom Städte- und Gemeindebund, den sie "am liebsten abbürsten" möchte, weil er die Art der Namensvergabe öffentlich als "Unsinn des Jahrhunderts" bezeichnet hatte. "Als ob es für den nichts Wichtigeres gäbe." Hans Stoermer hört der 38jährigen still zu. Als sie erzählt, daß die städtischen Finanzen nicht mehr ausreichen, um Elementares zu bezahlen, bittet er sie: "Schicken Sie mir die Rechnung für das Platz-Schild." Im Frühjahr, wenn die Rosen auf dem Anger rosa blühen, soll der bislang namenlose Platz vor der Gesamtschule "getauft" werden. Eine Zusatztafel unter dem Emailleschild ortsüblich in blau und weiß gehalten soll erklären, wer Heinz Bergner war. Noch weiß Hans Stoermer nicht, was darauf stehen soll. "Diese Freundschaft war mein Leben", sagt er auf dem Spaziergang durch Lieberose."Der neue Name für den Platz ist in Ordnung", sagt eine Lieberoserin. Zunächst habe sie Bedenken gehabt, daß einer den Zuschlag erhalten könnte, mit dem sich der Ort nicht identifizieren könne. "Mit Rolf Eden hätte ich Probleme gehabt", sagt die 46jährige. Auch der alternde Playboy hatte mitgesteigert."In Lieberose spricht keiner schlecht über die Aktion", sagt die Bürgermeisterin. Nur ein junger Feuerwehrmann habe sich sehr zum Leidwesen seiner Eltern mokiert, daß der Platz künftig den Namen eines Aidskranken tragen soll.Nach gut zwei Stunden passiert Hans Stoermers "Saab" wieder das Ortsschild. Er freut sich, daß ein so hübscher Platz nach seinem Freund benannt wird. Und er ist erleichert, daß daran keiner Anstoß nimmt.