In diesem Sommer schaut den Berlinern von den Plakatsäulen ein sonderbarer Knabe entgegen. Er ist nackt, und würde mehr von ihm gezeigt, wäre sogar der eine oder andere Protest zu erwarten. Was Caravaggio in voller Blöße gemalt hat, wollten die Verantwortlichen von der Stiftung Preußischer Kulturbesitz auf der Straße lieber doch nicht enthüllen. Dabei soll das halbe Kind, das dieser Bengel ist, eine einfache klassische Wahrheit verkünden; sie geht bis auf den römischen Dichter Vergil zurück, der zur Zeit des Kaisers Augustus lebte: "Die Liebe besiegt alles, und wir weichen der Liebe" (Omnia vincit amor et nos cedamus amori).Ausgedrückt ist diese Botschaft durch den antiken Gott Amor, der nackt über jenem Plunder erscheint, der den weltlichen Ruhm ausmacht. Den Liebesgott kümmern weder Zirkel noch Richtscheit des Mathematikers und Konstrukteurs; über Notenheft, Geige und Laute setzt er sich hinweg wie über Dichtung und Lorbeer; die Rüstung verachtet er, genauso Herrscherstab und Krone. Selbst das Firmament behandelt der respektlose Knabe, als sei es ein Wasserball mit den Sternen der Europäischen Gemeinschaft. Dabei hält er in der Rechten zwei Pfeile, einen roten und einen schwarzen, sowie einen Bogen mit gerissener Sehne.Aufregung in RomSpätestens 1602 war das lebensgroße Gemälde fertig, denn in diesem Jahr erregte es ebenso wie sein Schöpfer Aufregung in Rom. Marchese Vincenzo Giustiniani, einer der Helden der Ausstellung im Alten Museum, hatte Caravaggios Gemälde sofort erworben. In seiner Galerie nahm das Bild einst einen Ehrenplatz ein; es war unter grünem Vorhang verborgen, weil es sonst - so heißt es bei Sandrart - die anderen Bilder ausgestochen hätte. Bildidee und Stillleben spielen fraglos auf den Mäzen an: Vincenzos Name entwickelt sich aus dem Verb siegen (vincere), der Anfangsbuchstabe V prangt im Notenheft, und ihn bildet auch das Richtscheit vorne nach.So recht, wie man es von olympischen Göttern erwartet, geht es bei Caravaggio nicht zu. Sein Amor ist ein junger Kerl, der nicht in klassischer Nacktheit heranwuchs, sondern sich gerade für den Maler ausgezogen hat. Sonst wäre der Körper nicht so blass gegenüber der Sonnenbräune im Gesicht und auf den Händen. Mancher Forscher meint sogar das Modell zu kennen; es soll ausgerechnet jener Maler Francesco Buoneri sein, der spätestens seit 1602 in Rom nachweisbar ist, bei Caravaggio lebte und so eng mit dem Meister verbunden wurde, dass man ihn auch als Cecco di Caravaggio kennt.Die Situation, in der Caravaggio seinen Amor arrangiert hat, musste zu den wildesten Spekulationen führen. So viel Kolportage über sexuelle Neigungen von Maler und Auftraggeber haben sich darin gemischt, dass die Ausstellungseröffnung unmittelbar vor dem Christopher Street Day beinahe wie eine sinnvolle Fügung erschien. Caravaggio bildet keine hehre Konzeption von göttlicher Erscheinung ab; man könnte sie sogar so weit missverstehen, dass sich Amor gerade vom Lotterbett erhebt. Doch stattdessen bildet das Gemälde auf befremdlich klare Weise eine Modellsitzung im Atelier ab, die man sich am besten so vorstellt: Zunächst hat der Maler das Stillleben arrangiert und bittet dann das bereits entkleidete Modell, in die Tiefe des Raums zu gehen. In ein Tuch gehüllt tritt Cecco vor, wenn er es denn ist, lässt die weiße Hülle fallen und dreht sich lächelnd zur Staffelei und damit zum Betrachter um.Am meisten empörte manchen Betrachter, dass dabei der linke Arm in zweideutiger Weise hinter dem Körper verschwunden ist. Hier sei ein Vorschlag gemacht, der all die enttäuschen mag, die gerne das Schmuddelige in der Kunst suchen und schon zu viel von Caravaggios Skandalen gelesen haben: Der Knabe streckt seinen rechten Fuß aus, fasst dabei den linken Unterschenkel mit der linken Hand und richtet sich zu einem Tanz auf, in dem er sich um die eigene Achse drehen wird. Seine Bewegung kennt dabei keine Richtung und sein Tun kein Ziel. Das erkennt man schon an der Verschränkung von Flügeln und Armen, denn Amors rechter Arm ragt vor den Flügeln vor, sein linker Flügel aber streift zart über den Oberschenkel.Was aber hieß es um 1600 in Rom, eine Gestalt zu konzipieren, die sich weder durch die Richtung, aus der sie kommt, noch durch das Ziel ihres Handelns rechtfertigt? Und welchen Stellenwert hatte die Frage danach, was sich in der Schöpfung um was dreht? Man stößt auf die beiden entscheidenden Streitpunkte der theologischen und philosophischen Diskussion der Zeit. Die römische Kirche war eingeholt worden durch den Streit um die Rechtfertigung, den Luther 1517 entfacht hatte und den Papst Urban VIII. (1623-44) kurz nach seinem Amtsantritt für unentscheidbar erklärte. Nicht so leicht konnte es sich derselbe Papst mit den Fragen um die Rotation machen: Vielleicht wider besseres Wissen ließ er 1633 Galileo Galilei dem kopernikanischen Weltbild abschwören, dessen Brisanz allein darin lag, dass es behauptete, die Erde drehe sich um die Sonne und sei nicht die Gravitationsachse der gesamten Schöpfung Gottes.Unanständig, aber schuldlosCaravaggios Amor rechtfertigt sich nicht durch sein Kommen und nicht durch sein Tun, sondern allein durch seine Existenz. Sie belegt er einzig dadurch, dass er sich entblößt, unanständig für die einen, schuldlos jugendlich für die anderen. Unfähig, etwas Bestimmtes zu bewirken, definiert er sich nur aus sich selbst. Dieses Selbst aber ist im Begriff, sich um sich selbst zu drehen. Die Liebe, die hier alles besiegt, ist damit eine Kraft ohne Rechtfertigung aus ihrem Tun. Und wenn sie sich schon um sich selbst dreht, dann dreht sich die ganze Welt um sie. Vincenzo Giustiniani mag das konkret so verstanden haben, denn seine Bibliothek enthielt, soweit wir das heute noch wissen, wenig über Kunst, aber alles Aktuelle über die beiden Streitfragen, über die Caravaggios Amor am Ende nur lächeln kann.Caravaggio // Aus Anlass der Ausstellung "Caravaggio in Preußen. Die Sammlung Giustiniani" hat der Kunsthistoriker Eberhard König drei von den dort ausgestellten Gemälden genauer betrachtet.Seine Ergebnisse, die man als Neudeutung Caravaggios und seiner Schüler bezeichnen kann, stellen wir an dieser Stelle in lockerer Folge vor.Eberhard König ist Professor für Kunstgeschichte an der Freien Universität in Berlin und ist vor allem als Kenner der mittelalterlichen Buchmalerei international bekannt geworden.Sein Buch "Caravaggio" ist 1997 im Könemann Verlag erschienen.Die Ausstellung "Caravaggio in Preußen" ist noch bis zum 9. September im Alten Museum zu sehen.KAT. "CARAVAGGIO IN PREUSSEN. DIE SAMMLUNG GIUSTINIANI UND DIE BERLINER GEMÄLDEGALERIE" Michelangelo Merisi da Caravaggio: "Amor als Sieger".