Zwei schwarz gekleidete Herren stehen in der Ecke eines Grau in Weiß gehaltenen Raums. Der eine beginnt wie im Ballettunterricht die Knie zu beugen, was den anderen dazu animiert, einen Lautsprecher aufzuheben und wieder abzustellen. So geht es im steten Wechsel, hin und her, bis Luigi Archetti und Bo Wiget doch noch mit ihrem Witz herausplatzen und zu tanzen beginnen. Schon im MuVi-Wettbewerb der Kurzfilmtage Oberhausen 2007 präsentierte sich die Schweiz-Berlinerische Künstler-Combo in derselben Ecke und belegte mit "I Have Seen You Dancing Better Than This" den zweiten Platz. Dieses Jahr wollten Archetti und Wiget mehr: "Bestes Deutsches Musikvideo" heißt ihr Clip - er führte sie erneut auf den angestammten Silberrang.Gestern Abend endeten die 54. Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen. Von Berlin lernen, so hieß es bei diesem Festival, bedeutet zwar nicht unbedingt siegen lernen, aber immer öfter es mit einer Mischung aus Kunstverstand und Frechheit zu versuchen. Im Deutschen Wettbewerb kamen zehn von 22 Filmen aus Berlin; im MuVi-Wettbewerb um das beste deutsche Musikvideo waren es sogar acht von zwölf. Sowohl der Muvi-Preis für das beste deutsche Musikvideo als auch der Deutsche Wettbewerb wurden also von Hauptstadt-Produktionen dominiert - eigentlich kein Wunder, denn nicht nur Berlin, auch die Kurzfilm-Szene ist ständig klamm und handelt vornehmlich mit dem Kulturgut Aufbruchsstimmung. So schlimm, dass wir Simone Gilges' Sieger-Video wörtlich nehmen müssen, wird es aber wohl nicht sein: "Ich bin der Stricherjunge" (Stereo Total) reiht eine ganze Riege junger Kreativer am Stadtrand zu einschlägigen Zwecken auf.Hallo, Hollywood!Der Kurzfilm fächert sich seit einiger Zeit in eine Vielzahl genreunabhängiger Formen auf, die nicht im Kino zu sehen sind. Den Absprung in die lukrativere Kunstszene hat der Regisseur Björn Melhus geschafft: In seinem Kurzfilm "The Meadow" legt er eine Tonspur aus Hollywood-Zitaten über Bilder eines unheimlichen Märchenwalds und begegnet im nächtlichen Gehölz wechselnden Verkörperungen seiner Angst. Nach diesem Muster dreht sich die Handlung hypnotisch um sich selbst, bis ausgerechnet ein Walt Disney-Zitat den Ausweg weist. Eine Art erstklassiges Bewerbungsschreiben für den langen Spielfilm ist hingegen Carolina Hellsgard mit "Karaoke" gelungen. Sie inszeniert die Arbeitssuche einer gealterten Schauspielerin als nüchterne Bestandsaufnahme des Scheiterns - wobei die lose Folge von Vorsprechen, Castings und Begegnungen mit alten Freunden rasch zur Frage der Selbstbehauptung wird.Einen subtilen Blick auf politische Großereignisse wie Castor-Transport und G-8-Gipfel werfen Markus Löffler und Andree Korpys in ihrem Dokumentarfilm "Eure Kinder werden so wie wir". Sie blenden die vordergründige Seite ihres Gegenstandes aus und fügen stattdessen unspektakulär wirkende Randbeobachtungen zu einem Panoptikum des geregelten Ausnahmezustands zusammen. Sobald der Wanderzirkus aus Protestkultur und Staatsmacht weiterzieht, erobert sich die Normalität die Schauplätze zurück, ganz so als wäre nichts gewesen.Im MuVi-Wettbewerb war mit Markus Wambsganss' Clip zum neuen Notwist-Album sogar richtiges Starkino zu sehen: Sandra Hüller und August Diehl versuchen in "Where In This World" mit selbstgebastelten Flugmaschinen vom Boden abzuheben und ihren erdenschweren Albträumen zu entfliehen. Mehr Sterne am Himmel bot in Oberhausen nur Oliver Pietsch: Zur Musik von Bonnie ,Prince' Billys "Love Comes To Me" montiert er weinende Leinwandhelden zu Dutzenden aneinander und beschwört damit den Augenblick der wahren Empfindung quer durch die Filmgeschichte. Es ist ein Kunstwerk auf Pump und zugleich ein herrliches Geschenk an den Betrachter.