Thomas Martin betrachtet das Bild an der Schranktür neben seinem Schreibtisch. Es zeigt eine üppige und dichte Vegetation aus Koniferen, Farnen und Ginkgo-Bäumen am Rande eines Sumpfes. Am Wasser zwischen Schachtelhalmen versteckt tummeln sich Krokodil und Schildkröte, während nicht weit davon ein "Baby-Dinosaurier" durch das Unterholz läuft. Am Himmel kreist ein Flugsaurier. "So oder so ähnlich hat es vor 150 Millionen Jahren an der Küste des heutigen Portugals ausgesehen", sagt der Paläontologe der Freien Universität (FU) Berlin, der sich mit den Lebewesen vergangener Erdzeitalter beschäftigt. Die Urzeit-Reptilien sind seiner wissenschaftlichen Zunft hinlänglich bekannt. Die eigentliche Attraktion dieser rekonstruierten Landschaft, Martin deutet auf den unteren Bildrand, ist aber ein kleines, vierbeiniges Felltier mit langem buschigem Schwanz. "Das ist das Henkelotherium, ein Säugetier", sagt der Forscher. Das mausgroße Fossil hat der ehemalige FU-Wissenschaftler Siegfried Henkel 1976 in der portugiesischen Kohlemine Guimarota entdeckt - eine Sensation für Paläontologen. Über diesen und viele andere Funde in Guimarota haben Thomas Martin und der mittlerweile pensionierte Professor Bernard Krebs nun ein Buch herausgegeben. Es ist zunächst nur auf Englisch erhältlich, eine deutsche Version ist jedoch vorgesehen. Vor allem über die Säugetiere des so genannten Mesozoikums war bis zu den Ausgrabungen in Guimarota nur wenig bekannt. Zwar seien die Feldforscher in den sechziger und siebziger Jahren über die großen Dinosaurier-Knochen nahezu gestolpert, sagt Martin. Die zu kleinen Säugetierreste hätten sie aber übersehen. Das änderte sich 1973, als man begann, die längst stillgelegte Mine Guimarota zehn Jahre lang allein zur Bergung von Fossilien zu betreiben - eines der weltweit größten Projekte in der Geschichte der Paläontologie. Zwischen 1973 und 1982 ließen die FU-Forscher Zehntausende von Schädelüberresten, Knochen und Zähnen sowie pflanzliche Fossilien aus der Mine befördern. Damit konnten sie eine fast vollständige "Momentaufnahme" der Tiere und Pflanzen zeichnen, die in diesem Gebiet zur Jura-Zeit des Erdmittelalters lebten."Das Henkelotherium war bei weitem der bedeutendste Fund", sagt Martin. "Es ist das erste und bis heute einzige vollständige Skelett eines Säugetiers aus der Jura-Zeit." Die Forscher vermuten, dass sich das Henkelotherium kletternd fortbewegte, denn es hatte scharfe Krallen und einen sehr langen Schwanz, mit dem es sich von Ast zu Ast schwingen konnte. Seine spitzen Zähnchen deuten darauf hin, dass das Ursäugetier ein Insektenfresser war. Es könnte sie benutzt haben, um den Chitinpanzer von Insekten anzustechen. Weitere bemerkenswerte Merkmale des Henkelotheriums sind Beutelknochen, wie sie heute beispielsweise noch Kängurus und Koala-Bären aufweisen. Die besonderen Knochen am Becken des Fossils beweisen nach Ansicht Martins, dass der Beutel bei Säugetieren schon sehr früh im Laufe der Evolution ausgebildet wurde.Die FU-Forscher haben in Guimarota weitere wichtige Knochenfunde gemacht. Anhand von rund achthundert Schädel- und Kieferteilen systematisierten sie bislang etwa 15 bis 20 verschiedene Säugetierarten, ordneten sie also in eine Art Stammbaum ein. Die Berliner fanden beispielsweise das Teilskelett eines so genannten Docodonten, eines urzeitlichen Vorfahren des Maulwurfs. Wie der heute lebende Insektenfresser zeigt auch das nur wenige Zentimeter lange Fossil starke Oberarmknochen. Die Forscher glauben, dass der Docodont damit in der Erde nach Larven und Würmern gewühlt hat. Der größte aus den Guimarota-Fossilien rekonstruierte Säuger hatte nach Martins Angaben etwa die Körpermaße eines Igels. Es sei bemerkenswert, dass in diesem "Ökosystem Küstensumpf" sehr viel größere Tiere fehlten. Wo waren die übermächtigen Dinosaurier dieser Epoche? Offenbar haben die Giganten unter den Sauriern dieses sumpfige Gebiet, das mit den Everglades in Florida vergleichbar ist, gemieden. Bis auf das heutige Spanien und Portugal war Mitteleuropa damals vollständig vom Meer bedeckt. "Die großen Tiere lebten vermutlich im trockenen Hinterland der iberischen Insel", sagt Martin. Die kleinen oder noch jungen Dinosaurier suchten möglicherweise an der Küste vor den riesigen Verwandten Zuflucht. Dank der Funde in Guimarota habe man über die Wirbeltiere des mitteleuropäischen Jura viel Neues erfahren, sagt Martin. "Wir haben hier in Berlin-Lankwitz weltweit die größte Sammlung jurassischer Säugetiere." Doch die Forscher haben noch längst nicht alle Fossilien aus Guimarota fein säuberlich präpariert und systematisiert. Martin öffnet im Nebenzimmer einen großen Wandschrank. Hunderte schwarze Kohlestücke, eingetütet und beschriftet, warten dort noch auf ihre wissenschaftliche Bestimmung. Und auch die Fortbewegungsweise des Henkelotherium ist noch nicht eindeutig geklärt. Guimarota wird Geologen und Paläontologen noch viele Jahre beschäftigen.Thomas Martin & Bernard Krebs (Hrsg.): Guimarota - A Jurassic Ecosystem, Verlag Dr. Friedrich Pfeil, München 2000, 120 DM, ISBN 3-931516-80-6AUS DEM BESPROCHENEN BAND (2) Das Fossil des Henkelotheriums ist der bedeutendste Fund, der in der Kohlemine Guimarota gemacht wurde. Auf dem Foto sind der Schädel und die Vordergliedmaßen zu sehen (Skala in Millimeter). Die Zeichnung zeigt, wie sich die Forscher das mausgroße Säugetier vorstellen.