"Ich weiß nicht, was ich hier soll. Ich weiß nicht, was ich tun muß, um meinem Leben zu bereiten einen Schluß. Ich hasse diese Welt, sie ist wie ein zerstörtes Feld. Ich habe Angst vor diesem Stern, ich habe ihn nicht gern. Ich möchte weg "Für Maria sind Menschen grausame Wesen, die sich gegenseitig das Leben zur Hölle machen. Und der 13jährige Jakob klagt: "Die Menschen, die werden sich selber mit Atombomben zerstören. Doch dann ist es zu spät, davor wollte niemand auf den anderen hören." Fast bittend schließt er: "Aber es gibt auch Menschen, die sind gut. Darum nehmt euch ein Beispiel und habt Mut."Unter der Überschrift "Zuhause" schreibt Annett, 17 Jahre alt: "Es gibt Tausende von Räumen, die nicht unser Zuhause sind. Es gibt Menschen, die diese Räume zu einem Zuhause werden lassen. Menschen aus der Familie, Freunde, eine Frau oder auch ein Mann. Die Räume werden mit Leben gefüllt, mit Wärme, Freude, Angst, Trauer und Liebe Wir haben verlernt, unser Zuhause als etwas Besonderes anzusehen."Maria, Jakob und Annett haben mit ihren kleinen Geschichten auf jenen Aufruf geantwortet, den Young-Life-Berlin e.V. vor den diesjährigen Sommerferien startete: "Nimm Dein Instrument, Deinen Pinsel, Deinen Fotoapparat, Deinen Kuli, Deinen Körper und gestalte ein Bild, ein Bild Deiner Sicht des Menschen."176 junge Künstlerinnen und Künstler fühlten sich animiert - malten, dichteten, komponierten. 176 unterschiedliche Handschriften, die sich in ihrer Aussage ähneln. Da sprechen Trauer, Verzweiflung und Zorn über jenes vernunftbegabte Wesen, das sich Mensch nennt, aber Menschliches mehr und mehr verdrängt. Die Jugendlichen beklagen zunehmende Vereinsamung und egoistisches Konsumdenken, nehmen verlogene Talkshows und falsche Seelentröster auf die Schippe.Sie drücken gleichermaßen ihre Sehnsucht nach Geborgenheit aus - in der Familie, in der Gesellschaft. "Warum halten wir es eigentlich nicht wie die Kinder und messen den anderen daran, was für ein Mensch er ist?", fragt die 25jährige Anja. Wie sie haben viele der jungen Leute ihre Hoffnung auf ein friedvolles Miteinander nicht verloren, sind voller Zuversicht und Tatendrang.Initiator Martin Gaedt, engagiertes Mitglied von Young-Life-Berlin, ist die Freude über den Erfolg des Projektes anzusehen. "Mir fiel auf, daß sich viele Diskussionen mit Jugendlichen um Menschenbilder drehen", erinnert sich der 28jährige Theologiestudent. "Sie fragen: Wie gehen wir miteinander um? Wer kümmert sich um die Schwachen der Gesellschaft? Wieviel Zeit bleibt für die Kinder? Sind alte Menschen nur eine Last? Worin besteht der Sinn des Lebens?", erzählt er.Martin Gaedt läßt das Thema nicht mehr los. Irgendwann zu Beginn diesen Jahres setzt er sich an den Computer und formuliert einen Aufruf: Jugendliche der Altersgruppen zwölf bis 15, 16 bis 20 und 21 bis 27 Jahre werden gebeten, den Menschen aus individueller Sicht zu beschreiben. Auftakt zum künstlerischen Wettbewerb, der ein aktives Auseinandersetzen mit gesellschaftlichen Erscheinungen und Kreativität gleichermaßen einfordert.Der Vorstand von Young-Life-Berlin signalisiert Zustimmung. Bischof Wolfgang Huber und Ingrid Stahmer übernehmen gemeinsam die Schirmherrschaft. Martin Gaedt macht sich auf die Suche nach Sponsoren und findet Partner, die allen Teilnehmern Preise in Aussicht stellen. Der junge Mann bittet Künstler, Politiker, Journalisten und Pädagogen, als Juroren mitzuwirken. Die Regisseurin Irmgard von zur Mühlen und der Bundestagsabgeordnete Wolfgang Thierse gehören zu jenen 33 Persönlichkeiten, die sich bereit erklären, in den Sparten Fotografie, Literatur, Malerei, Musik und Schauspiel die Besten zu krönen. Anfang Juni sind Handzettel und Plakate gedruckt, werden an Schulen, Jugendvereine und Gemeindegruppen versandt. Im August treffen die ersten Arbeiten ein - der Dialog beginnt.Inzwischen ist die erste Etappe des Wettbewerbs erfolgreich abgeschlossen. Die besten Arbeiten sind zunächst in der Zehlendorfer Ernst-Moritz-Arndt-Kirchengemeinde zu sehen, wanderten dann in eine Galerie nach Frankfurt/Oder. Weitere Ausstellungsorte sind avisiert."Es wäre schön", sagte Martin Gaedt, "wenn sich jetzt Jugendliche, Vereine und Schulen außerhalb Berlins und Brandenburgs angesprochen fühlen und eigene Wettbewerbe organisieren."Young-Life-Berlin plant darüberhinaus Foren, Preisträger-Konzerte und Busreisen nach Wünsdorf, Prag und Theresienstadt. Stoff für unendlich viele Menschenbilder sollen die Auseinandersetzungen mit geschichtlichen Tragödien und aktuellen Ereignissen liefern. "Im Prozeß künstlerischer Selbstbetätigung lernen junge Leute, Verantwortung, die sie übertragen bekommen, auch anzunehmen", unterstreicht Martin Gaedt. Der glückliche Familienvater (seine Töchter Miriam und Rahel wagen gerade die ersten Schritte) hat für die Fortführung des Wettbewerbs einen engagierten Mitstreiter gefunden: J.C.B. Kirsch, Leiter des Berliner ICD-Büros. IDC steht für International Delphic Council (Internationaler Delphischer Rat), der vor zwei Jahren von Repräsentanten aus 19 Ländern gegründet wurde. Er hat das Ziel, 1999, zur Jahrtausendwende, die Delphischen Spiele wiederzubeleben.Ende Oktober reist Kirsch nach Tokio, um an einer IDC-Vorstandssitzung teilzunehmen. In seinem Gepäck hat er dann auch das Berliner Projekt. Er möchte, daß es fester Bestandteil der Jugend-Delphiaden wird und in künftige Aktivitäten der Delphischen Bewegung einfließt."Ich werde in Tokio dafür plädieren, den Berliner Aufruf über die Delphische Bewegung an die Jugend der Welt weiterzugeben", sagt J.C.B. Kirsch.Auskünfte über: Young-Life-Berlin e.V., Wilskistr. 53, 14163 Berlin, Telefon/Fax: 030/815 17 18. +++