Der Serienmörder Thomas Rung ist gestern vom Berliner Landgericht zu einer zweifachen lebenslangen Haftstrafe verurteilt worden. Rung habe eine besonders schwere Schuld auf sich geladen, so die Richter. Sie ordneten Sicherungsverwahrung an.Unbewegt nimmt Rung den Richterspruch entgegen. Mit gesenkten Kopf hört er der Verkündung des Strafmaßes zu. Zweimal lebenslang. Rung wird solange hinter Gitter verbringen, wie er für die Allgemeinheit gefährlich ist. Das kann für immer sein.Wieder strahlt der 35jährige jene Unnahbarkeit aus, die er schon bei seinem Geständnis gezeigt hat. Die vielen Zuhörer nimmt der Angeklagte kaum wahr. Nur kurz blickt er auf, als einer von ihnen erbost aufschreit: "Vierfach muß er kriegen." Und einmal hebt er seinen Kopf, als ein kleines Kind schreit. Die Mutter verläßt den Saal. Es ist Rungs frühere Lebensgefährtin. Ihren Vater brachte Rung um. Sein Blick weilt auf der 32jährigen. Kurz. Dann wendet er sich wieder seinen Notizen zu und schreibt mit. Nett und freundlich Es ist eine ungewöhnliche Urteilsbegründung. Mit juristischen Ausführungen hält sich der Vorsitzende Richter Friedrich-Karl Föhrig nicht lange auf. Hinlänglich wurden sie bei den Plädoyers ausgetauscht. Auch den Richter bewegt die Frage, die den Prozeß prägte: Ist ein Mensch, der so kaltblütig und so häufig mordet, normal?Für Föhrig fällt die Antwort unzweifelhaft aus. "Es gibt einige Menschen, die durchaus in einem selbstverantwortlichen Maße fähig sind, einen Mord zu begehen, und die nicht krank sein müssen. So war das bei Rung." Der Verteidigerin, die daran zweifelte, hält er entgegen: Wenn Mörder nicht normal seien, könne dieser Straftatbestand aus dem Gesetz gestrichen werden. Die Täter kämen in die Psychiatrie: "Das kann doch nicht richtig sein."Das Phänomen des Serienmörders - für den Richter liegt es weder in psychologischen noch in sozialen Motiven. "Der Mensch ist des Menschen Wolf. Das ist er heute und das wird er bleiben, solange man es zuläßt." Gemeint ist damit: Rung wurde nach den Taten nicht gefaßt. Durch diesen "negativen Erfolg" sei er veranlaßt worden, weiterzumachen. Rung - ein normaler Mörder. Zu diesem Schluß war auch der Psychiater Wilfried Rasch gekommen, der den 35jährigen untersuchte. Einen abnormen Täter habe er erwartet, bekannte Wilfried Rasch. Aber Rung sei ein "netter, liebenswürdiger, freundlicher Mann, der trotz seiner Normalität diese Taten begangen hat". Ein Mörder mit "Teddybär-Charme", aber auch eine "Rarität". Der Fall Rung sei schon etwas Besonderes, so Rasch.Seine Suche nach Erklärungen führte in die Kindheit des Angeklagten. Die Mutter verließ ihren Mann und ihre sieben Kinder, als Rung zwei Jahre alt war. Der Vater war ein Trinker und strenger Mann. Rung haßt ihn. Noch heute: "Ihn hätte ich töten sollen." Keine Wärme Der Vater heiratete wieder. Die Stiefmutter, Tante Hilde, "saß auf einem Thron. Sie war die Richterin", so erläutert Rasch ihre Beziehung zu Rung und seinen Geschwistern. Sie ordnete Strafen an, der Vater vollstreckte sie. Eine Atmosphäre der Gewalt, in der Liebe, Wärme, Fürsorglichkeit nicht aufkamen.Mit 14 Jahren wird Rung zum ersten Mal verurteilt. Immer wieder begeht er Raubüberfälle. Er kommt ins Gefängnis. 22 Jahre alt ist Rung, als er den ersten Mord verübt. Er erwürgt seine 77jährige Vermieterin. Noch vier weitere Menschen tötet er innerhalb weniger Monate. Eine langjährige Haftstrafe unterbricht diese erste Mordserie. 1990 tötet Rung wieder.Noch einmal hält er ein, gründet eine Familie. Fünf Jahre vergehen, dann werden wieder zwei Menschen Rungs Opfer.Sechs Frauen brachte der Anstreicher um. Die Taten seien "Brücken" gewesen, über die Rung zu Frauen gelangte, analysiert der Gutachter. Er macht sexuelle Probleme bei dem Angeklagten aus, aber auch eine niedrige Frustrationsgrenze. Der Angeklagte sei emotional instabil. Rung selbst suchte nicht nach Erklärungen, als er mordete. Er wußte, daß er töten wird. Er nahm es hin. Es passierte, aus seiner Sicht fast zwangsläufig, "denn in den Knast wollte ick nich gehen". Er ertränkte, er erwürgte, er erstickte seine Opfer. Rung lebte mit diesen Taten. zwölf Jahre lang. Er schwieg sogar, als ein anderer für einen der Morde büßte. Mehrere Irrtümer Es war ein Justizirrtum, der einen Unschuldigen ins Gefängnis brachte. Sechs Jahre Jugendstrafe verbüßte der heute 33jährige Michael Mager für den Mord an Melanie Scharnow. Eine Tat, die er zunächst gestanden hatte, vor Gericht dann bestritt. Sein Verfahren wird nun nach dem Richterspruch neu aufgerollt werden müssen. Irrtümer begingen aber auch die Ärzte, die Rung nach einer Entziehungskur in der Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik entließen. Rasch bemängelte eine unzureichende Unterbringung. Noch 1993 hatten Gutachter Rung einen "sinnlosen Aggressionswechsel" bescheinigt, war die Rede davon, daß er "bei jedem weiteren Konsum von Alkohol erneut ähnliche kriminelle Handlungen" begehen kann. Für einen Behandlungserfolg gebe es "keine Garantie". Ein Jahr später wird Rung entlassen.Es ist jene Zeit, in der Rung beginnt, sich Gedanken über sich selbst zu machen, "daß mir mal jemand erklären kann, warum ich so'n aggressiver Mensch bin". Doch noch verschweigt er die Morde und begeht weitere. Erst 1995 legt er bei der Polizei seine Lebensbeichte ab. "Ich bin kein Mensch. Ich bin ein Ungeheuer", beginnt er diese. Schonungslos und ohne Emotionen legt er seine Taten dar. Er verschweigt nichts. Auch nicht vor Gericht. Er wolle keine Show abziehen, sagt er. Die Richter glauben ihm. Sie sind ihm dankbar dafür, daß ihnen "verlogenes Bedauernsbekunden erspart blieb". Theatralische Reue wäre unerträglich gewesen. Sie hoffen, daß "die nüchterne Bilanz auch dem Angeklagten weiterhelfen" werde.Rung sucht inzwischen nach Erklärungen: "In mir schlummert eine Gefahr, das ist mir bewußt." Er macht den Strafvollzug, den er als Jugendlicher kennenlernte, verantwortlich. Dem Gutachten verweigert er sich noch. "Rung hätte aus seinem Leben gerettet werden können", glaubt Gutachter Rasch. Eine bedrückende Sicht. +++