Dass Antibiotika zahlreiche Nebenwirkungen haben, ist Medizinern bekannt. Im "Deutschen Ärzteblatt" weisen Berliner Forscher jetzt auf einen bislang wenig beachteten Effekt hin: Eine bestimmte Klasse von Antibiotika, die so genannten Fluor-Chinolone, schädigt vermutlich die Sehnen. Ralf Stahlmann vom Institut für Klinische Pharmakologie und Toxikologie und Mehdi Shakibaei vom Institut für Anatomie der Freien Universität Berlin haben die Wirkung dieser Antibiotika im Tierversuch getestet. Sie behandelten Ratten mit unterschiedlichen Dosen eines Fluor-Chinolons und untersuchten vier Wochen später mit dem Elektronenmikroskop die Achilles-Sehnen der Tiere. "Bereits nach einmaliger Gabe des Mittels fanden wir deutliche Veränderungen - zum Beispiel waren die Kollagenfasern in den Sehnen dünner geworden", berichtet Stahlmann. Die verabreichten Dosen entsprächen umgerechnet etwa der Menge an Wirkstoff, die ein Patient bei einer Chinolon-Behandlung erhalte. "Bei höheren Dosen waren die Schäden noch stärker ausgeprägt", so der Pharmakologe. Die Veränderungen der Sehnen ließen sich noch bis zu fünf Monaten nach der Behandlung nachweisen - "ob sie dauerhaft bestehen bleiben, wissen wir noch nicht". Die Fluor-Chinolone werden vor allem bei Harnwegsinfekten, aber auch bei Atemwegserkrankungen eingesetzt. Sie sind relativ neu und haben ein breites Wirkungsspektrum - Ärzte verschreiben sie daher häufig (siehe Tabelle)."Schon seit einigen Jahren gibt es Berichte über Patienten, die während oder nach einer Therapie mit Chinolonen unter einer Sehnen-Entzündung litten oder bei denen sogar die Achilles-Sehne riss", sagt Stahlmann. Solche Schäden seien sogar als "sehr seltene Nebenwirkung" auf dem Beipackzettel aufgeführt. Das Problem, so der Forscher: Ärzte wüssten meist nichts von diesem möglichen Effekt, denn keine andere Antibiotika-Klasse hat Nebenwirkungen auf das Sehnensystem. "Zudem zeigt sich die Erkrankung manchmal erst mehrere Monate nach der Chinolon-Einnahme - in solchen Fällen bringen weder Ärzte noch Patienten die Symptome mit dem Antibiotikum in Verbindung", betont Stahlmann.Einer niederländischen Studie zufolge erkrankten rund ein Prozent der Patienten nach der Behandlung mit einem bestimmten Chinolon (mit dem Wirkstoff Ofloxazin) an Sehnen-Entzündungen. "Andere Chinolone verursachten in der Studie jedoch weniger häufig Schäden - offenbar gibt es Unterschiede zwischen den einzelnen Typen dieser Klasse," so Stahlmann.Wie die Fluor-Chinolone die Sehnen schädigen, ist noch unklar. "Möglicherweise ist die Eigenschaft dieser Antibiotika, mit Magnesium, Zink oder Kupfer unlösliche Verbindungen zu bilden, ein entscheidender Faktor", sagt der Forscher. Wichtige Stoffwechselprozesse in der Sehne würden durch ein Enzym gesteuert, das diese Substanzen für seine Aktivität benötigt. Diese Theorie wird auch durch Stahlmanns Tierexperimente erhärtet: "Bei Ratten mit Magnesium-Mangel waren die Sehnenschäden deutlich stärker ausgeprägt als bei Tieren ohne dieses Defizit." Weitere Versuche seien nötig, um den Mechanismus genauer aufzuklären. "Zudem brauchen wir kontrollierte Studien, um herauszufinden, welche Patienten bei einer Chinolon-Therapie besonders gefährdet sind", sagt Stahlmann. "So könnten etwa Orthopäden oder Unfallmediziner an Kliniken Patienten mit Sehnenproblemen gezielt nach Chinolon-Behandlungen in der Vergangenheit befragen." Durch Kenntnis der Risikofaktoren ließen sich Therapieschäden möglicherweise verhindern. Bislang gibt es Hinweise, dass vor allem Patienten gefährdet sind, die älter sind als 60 Jahre. Stahlmann: "Im Alter werden die Kollagenfasern in den Sehnen dünner - die Sehne kann schneller reißen oder sich entzünden." Außerdem erhöht offenbar die Einnahme von entzündungshemmenden Medikamenten - Cortisol etwa - die Wahrscheinlichkeit für Sehnenschäden. "Ärzte sollten bei Patienten mit diesen Risikofaktoren prüfen, ob statt eines Chinolons ein anderes Antibiotikum für die Behandlung in Frage kommt", rät Stahlmann. Wenn eine Chinolon-Therapie unumgänglich ist, sollten die Patienten auf Sehnen-Beschwerden achten. "Es handelt sich zwar um eine sehr seltene Nebenwirkung - doch da Sehnen-Entzündungen schmerzhaft und langwierig sein können, sollte man alles tun, um sie zu verhindern", sagt der Forscher. Deutsches Ärzteblatt, 97. Jahrgang, Heft 45 (Sonderdruck)Verordnungen von Chinolonen 1998 // Präparat Wirkstoff Verordnungen in Tausend Umsatz in Mio. DM Ciprobay Ciprofloxacin 1650,0 132,4 Tarivid Ofloxacin 1062,5 73,8 Uro-Tarivid Ofloxacin 502,6 11,2 Barazan Norfloxacin 412,2 19,2 Tavanic Levofloxacin 262,4 16,8 Vaxar Grepafloxacin 235,0 16,8 Enoxor Enoxacin 231,8 5,5 Quelle: Arzneiverordnungsreport 1999; Hrsg. : U. Schwabe/ D. Paffrath