Berlin und seine Originale - das ist nicht eine Geschichte, das sind viele. Seit Jahrzehnten haben Originale das Bild der Metropole mitgeprägt. Auch heute leben an der Spree seltsame Vögel und schräge Typen, die einfach auffallen. Und oft stadtbekannt sind. Die Berliner Zeitung hat einige von ihnen aufgespürt und stellt sie in loser Folge vor."Unendlich ist das Universum und die Dummheit der Menschen." (Einstein) Er möchte bekanntwerden. Etwas bewegen in der Stadt. Deshalb ist er nach Berlin gekommen. "Hier kann ich auf einen Schlag mehr als drei Millionen Menschen erreichen", sagt der Mann. Er trägt eine graue Malerhose, die mit weißer Farbe bekleckst ist. Farbe klebt auch an seiner blauen Jacke, an seinen Turnschuhen und an seinen rissigen Händen.Rainer Brendel hat einen ungewöhnlichen Weg eingeschlagen, um die Aufmerksamkeit der Berliner zu erregen: Er malt. Nicht wie andere Künstler - zurückgezogen in einem Atelier. Der 36jährige malt öffentlich. Sechsen. Auf Werbeplakate, auf den Bürgersteig, auf Kühlschränke, auf alte Matratzen am Straßenrand. Er malt mit weißer Kalkfarbe, die der Regen wieder abwäscht. Von 14 Uhr bis 2 Uhr nachts "arbeitet" er gewöhnlich. Dann kann man ihn treffen: Meist ist er in Kreuzberg, am Alexanderplatz oder am Ku'damm unterwegs. Mit seinem Fahrrad. Immer auf der Suche nach weiteren Objekten, auf denen er seine Sechsen verewigen kann. Ist er wieder einmal fündig geworden, tunkt er den Pinsel in seinen Farbeimer vorne am Rad, um ihn dann schnell über Poster, Wände oder Straßen zu führen. Ohne abzusteigen, versteht sich. Bis zu 15 Liter Farbe am Tag verbraucht der Künstler auf diese Weise."Mit schrillen Sachen auffallen", lautet das Motto von Rainer Brendel, der sich mal Dildo, mal Rex Dildo und auch mal Martin nennt. Und was fällt mehr auf als ein ausgefallener Künstlername? Was sticht mehr ins Auge als eine Sechs, die gleich in Massen auftritt? Oder eine obszöne Sechs, die vom Künstler selbst mit einem verlängerten Hals und einem Punkt darauf versehen wurde? "Diese Zahl ist für meine Zwecke einfach ideal", stellt der Sechsenmaler fachmännisch fest. Schließlich würde die Sechs beim Betrachter meist sexuelle Assoziationen in Gang setzen. "Meine Kunstwerke regen zum Nachdenken an. Und das ist äußerst positiv. Denn danach kommt es häufig zur Veränderung."Verändern, ja, darauf kommt es Rainer, dem Sechsen-Missionar mit dem Sechs-Tage-Bart, an. Berlin, Deutschland, Europa - am liebsten die ganze Welt will er dazu bringen, über ihr Tun und Handeln nachzudenken. Denn: "Unendlich ist das Universum und die Dummheit der Menschen", ist "Dildo" mit Einstein einer Meinung.Schon in seiner Heimatstadt - einem 5 000-Seelen-Nest in Rheinland-Pfalz - konfrontierte Rainer seine Nachbarn mit ihrer eigenen Dummheit: Er schrieb Einsteins Zitat an die Hauswand. Daneben hängte er sein klappriges Fahrrad. Das Dorf ging auf die Barrikaden. "Ich sollte mein Kunstwerk wegmachen oder die Stadt verlassen." Rainer Brendel übermalte seine Botschaft, nahm sein Rad von der Wand und ging. In die nächste große Stadt, wo er fortan mit Straßenblockaden für Aufsehen sorgte. Denn das Auto ist - neben der Dummheit der Menschen - sein Feind Nummer eins: "Niemand hat das Recht, das Leben anderer auf diese Art und Weise zu gefährden", predigt Rainer. Drei seiner Freunde kamen bei Verkehrsunfällen ums Leben.Seit anderthalb Jahren lebt Rainer Brendel nun schon in Berlin. Der Mann, der nach der Hauptschule eine Lehre zum Chemielaboranten machte und später einen Kurs als Fußpfleger absolvierte, kam im Schatten Christos an die Spree. Um von der Medienwirksamkeit der Reichstagsverhüllung zu profitieren. Doch Rainers Plan schlug gründlich fehl: Groß hatte er - parallel zur Verhüllung des Reichstages - die Enthüllung des eigenen "verhüllten Teiles" geplant. Die Kameras der internationalen Fernsehanstalten jedoch standen prompt an der falschen Stelle. "Einige hatten mich kurz von hinten gefilmt", erinnert sich Rainer an seine erste erfolglose Aktion in Berlin. "Doch was bringt das schon, wenn mein Hintern zwei Sekunden lang weltweit über die Bildschirme flimmert? Gar nichts." Eben. Deshalb malt Rainer seitdem lieber Sechsen. Oder dekoriert zentrale Orte in der Stadt mit seinen "Fahrradobjekten", die er - natürlich - kunstvoll mit seiner Lieblingszahl verziert hat."Eines Tages muß ich damit Geld verdienen", zeigt sich Rainer überzeugt. Derzeit lebt er noch von seinen Ersparnissen, wohnt in einer Wagenburg. Ab und zu bekommt er Besuch von der Polizei. "Ich habe bereits an die hundert Überprüfungen hinter mir", sagt der Aktionskünstler. Auch wegen Sachbeschädigung gab es schon neun Anzeigen. Sechs Ermittlungsverfahren gegen den malenden Missionar wurden eingestellt. Denn Rainers Zahlen lassen sich leicht wieder abwaschen. Somit liegt keine Straftat vor. In drei Fällen wird noch ermittelt.Wenn Rainer arbeitet, trifft er ab und zu auf Leute, die für sein ungewöhnliches Tun Verständnis zeigen. Andere wiederum schütteln ungläubig den Kopf. Sie halten ihn für verrückt. Doch der Sechsen-Missionar nimmt es locker: "Daran sieht man doch wieder, wie groß die Dummheit der Menschen wirklich ist." +++

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