Berliner Smart-Motor offenbart im Ultraleicht-Flugzeug neue Qualitäten / Reichweite 850 Kilometer: Der Kat hebt ab

Der kompakte Zweisitzer Smart feiert nach einem eklatanten Fehlstart inzwischen zwar einige Erfolge und vollführt in den monatlichen Zulassungsstatistiken einige Höhenflüge, nur fliegen kann er nicht. Mit seinem in Berlin-Marienfelde vom Band laufenden 55 PS starken Dreizylinder-Suprex-Turbomotor geht aber inzwischen das erste Ultraleicht-Flugzeug der Weit mit geregeltem Katalysator in die Lüfte. Die B&F-Technik Vertriebs GmbH in Speyer hat das 166 Kilogramm leichte, leise und sparsame Automobil-Triebwerk mit wenigen Änderungen für den Flugbetrieb modifiziert und wird den Smart-Motor in Kürze in seinem Topmodell namens FK-9 Mark zum Einsatz bringen. Der Hightech-Dreizylinder bietet aus der Sicht des B&F-Chefkonstrukteurs Otto Funk eine Reihe von Vorteilen gegenüber herkömmlichen Leichtflugzeug-Antrieben: "Die hinken dem technischen Entwicklungsstand von modernen Automobil-Motoren um mindestens zehn Jahre hinterher", weiß der ehemalige Heinkel-Mitarbeiter. Kennfeldgesteuerte Zünd- und Einspritzanlage oder gar einen geregelten Dreiwege-Katalysator sucht man beispielsweise bei einem Rotax-Motor - dem am weitesten verbreiteten Ultraleicht-Triebwerk - vergeblich. Der Turbo-Motor des Smart hat dagegen diese Baumerkmale und darüber hinaus zwei Zündkerzen pro Zylinder, Ladeluftkühlung und kennfeldgesteuerte Ladedruckregelung. Günstig für den Einsatz im Leichtflugzeug sind auch Sparsamkeit, Geräuscharmut, Leistung und Drehmomentverlauf des Motors: 80 Newtonmeter maximales Drehmoment liegen zwischen 2 000 und 4 000 Umdrehungen pro Minute an, die Höchstleistung von 55 PS steht bei 5 250 Kurbelwellenumdrehungen zur Verfügung. Auch gilt das Triebwerk als absolut vollgasfest. Die aufwändige Motorsteuerung des von Mercedes-Benz entwickelten Dreizylinders passt Ladedruck, Einspritzung und Zündung auch bei der Verwendung als Flugmotor automatisch an den Sauerstoffanteil in der Luft und damit an die jeweilige Flughöhe an. Diplom-Ingenieur Eberhard Rauh als Leiter Konstruktion Motoren Vorentwicklung Pkw-Antriebe bei DaimlerChrysler und vormals Teamleiter bei der Entwicklung des Smart-Motors blieb "nur" die Anpassung der Motorsteuerungs-Software und der Ersatz des sequenziellen Sechsgang-Getriebes durch eine 2,1:1-Zahnriemen-Untersetzung für den Antrieb des starren Junkers-Dreiblatt-Propellers aus Composite-Material, der auf einer separaten Welle sitzt. Für den Startvorgang ist der im Smart auf etwa 12 Sekunden begrenzte Overboost-Bereich, bei dem der Ladedruck von 0,8 auf 1,2 bar erhöht wird, auf 60 Sekunden verlängert. Als Flugmotor wird der 599-Kubikzentimeter-Turbo weiterhin mit bleifreiem Auto-Superbenzin betrieben. Etwa neun Liter werden pro Stunde verbraucht. Damit ist die zweisitzige, maximal 470 Kilogramm schwere FK-9 Mark 3 zwar noch kein "Drei-Liter-Flugzeug" - bei etwa 160 km/h Reisegeschwindigkeit beträgt der Mehrverbrauch gegenüber einem Smart auf der Straße aber weniger als ein Liter pro 100 Kilometer. Zwei Standard-22-Liter-Tanks ergeben rund 850 Kilometer Reichweite. Den Verbrauch des Top-Aggregates des Marktführers unterbietet der Smart-Motor jedenfalls um rund 20 Prozent.Bei der Reduzierung des Lärms sind die Fortschritte noch größer. Erste, inoffizielle Messungen ergaben beim Vollgas-Start am Boden 62 db(a). Das ist nur etwa ein Viertel des Geräuschs eines 68 db(a) lauten Rotax-Motors - und der unterschreitet die Anforderungen für den "Blauen Engel" bereits um 3 db(a) oder etwa die Hälfte. Für Hobby-Flieger ergeben sich so ganz neue Möglichkeiten, ihren Sport umweltfreundlich auszuüben und für Smart eröffnet sich eine zweite Vertriebsschiene, auf der Industrie-, Boots- und Motorrad-Motoren bald folgen könnten. Beim Antrieb von Ultraleichtflugzeugen wäre der nächste Schritt der Einsatz des Dreizylinder-CDI-Turbodieselmotors aus dem Smart. Auf der Straße verlangt ein derart motorisierter Smart im Schnitt 3,4 Liter Diesel je 100 Kilometer. Sollte der Berliner Ölbrenner tatsächlich ebenfalls abheben, dürften Nonstop-Flüge von 1 000 Kilometern problemlos möglich sein. Wer sich für einen dieser 100 bis knapp 300 km/h schnellen Ultraleichtflieger interessiert, muss allerdings mindestens so viel wie für einen Mittelklassewagen investieren. 35 000 bis 80 000 Mark kostet solch ein Fluggerät. Top-Modelle mit einziehbarem Fahrwerk, 118 PS und verstellbarem Propeller schlagen auch mit 145 000 Mark ins Konto. Alternativ werden auch Bausätze für etwa 18 000 Mark angeboten. (fid)ULTRA LEICHT Höchstens neun Zentner // Die Ultraleichtflieger bieten Platz für bis zu zwei Personen. Voraussetzung: Die Abflugmasse darf 450 Kilogramm nicht überschreiten. Dadurch benötigen sie aber auch nur sehr kurze Start- und Landebahnen von etwa 150 Metern. In Deutschland sind derzeit rund 360 Flugplätze für Ultraleichtflieger zugelassen. Die Preisskala für derartige Fluggeräte beginnt bei 35 000 Mark und endet weit jenseits der 100 000-Mark-Grenze. Die Lizenz kostet mindestens 5 500 Mark.MADE IN MARIENFELDE // Der Dreizylinder wird im Mercedes-Werk in Berlin-Marienfelde gefertigt und musste für den Flugeinsatz nur geringfügig verändert werden. Somit ist der 0,6-Liter-Benziner der weltweit erste Flugzeugmotor mit geregeltem Dreiwege-Kat.