Ingrid Köppe hat irgendwo da draußen ein neues Leben begonnen. Nach ihrem Abschied aus dem Bundestag vor einem Jahr, in dem sie vier Jahre lang als Abgeordnete für Bündnis 90 saß, zog sich die frühere DDR-Bürgerrechtlerin zurück - aus der Politik, aus der Stadt Berlin, aus der Öffentlichkeit. Vor wenigen Wochen begann sie, 37jährig, ein Jura-Studium. Nebenbei bringt sie in einem kleinen Dorf ein altes Haus auf Vordermann, um darin leben zu können. Ehrung abgelehnt Nur noch selten gerät sie in die Schlagzeilen. So wie vor zehn Tagen, als sie es ablehnte, von Bundespräsident Herzog für ihr mutiges Engagement im Wendeherbst 1989 das Bundesverdienstkreuz angeheftet zu bekommen. Es wäre heuchlerisch gewesen, diese Ehrung anzunehmen, begründet sie ihre Entscheidung. "Unsere Anliegen, mit denen wir 1989 antraten, etwa die gesellschaftliche Transparenz und die Freiheit vor staatlicher Überwachung, spielen in der heutigen Bundesrepublik und in der Politk der Bonner Parteien überhaupt keine Rolle. Wofür soll ich dann einen Orden annehmen?"Ihre Weigerung hatte aber noch einen zweiten Grund. Der Staat, der Ingrid Köppe ehren wollte, ermittelt gegen die ehemalige Bundestagsabgeordnete wegen "Verletzung einer besonderen Geheimhaltungspflicht".Anlaß ist die Veröffentlichung des als "Geheim" eingestuften Abschlußberichts der Bündnis-90-Gruppe im Schalck-Untersuchungsausschuß im Mai vergangenen Jahres. Einigen Redaktionen - darunter die Berliner Zeitung - war damals per Post der Bericht anonym zugesandt worden. Aus dem Bundeskanzleramt und der CDU/CSU-Fraktion gab es Zeter-und-Mordio-Geschrei: Das fortan "Köppe-Bericht" genannte Papier gebe Quellen des Bundesnachrichtendienstes preis und untergrabe die Vertrauensstellung der bundesdeutschen Dienste in der Bevölkerung.Tatsächlich hatte Ingrid Köppe in ihrem Bericht die Themen angesprochen, um die sich der von der Regierungskoalition dominierte Ausschuß vier Jahre lang herumgemogelt hatte. Ingrid Köppe zitierte aus Geheimdokumenten des BND und des Verfassungsschutzes und belegte damit, daß die maßgebenden Stellen in der Bundesrepublik schon seit den siebziger Jahren über Firmen, Aufgabenstellung und Stasi-Verflechtungen des Devisenimperiums Kommerzielle Koordinierung (KoKo) im Bilde waren. Auch der aus Steuergeldern finanzierte "Ankauf" von Stasi-Offizieren durch die westdeutschen Dienste im Jahre 1990 nahm einen wesentlichen Teil des Berichtes ein.Diese unangenehmen Wahrheiten verschwanden auf Beschluß der Ausschußmehrheit im Tresor der Geheimschutzstelle des Bundestages. Wie der Bericht trotzdem an die Öffentlichkeit gelangen konnte, ist bis heute unklar. Ingrid Köppe jedenfalls beteuert: "Ich gab ihn nicht heraus."Davon war auch lange Zeit die Bonner Staatsanwaltschaft überzeugt. Sie führte eher lustlos ein Verfahren gegen Unbekannt, befragte den einen oder anderen Zeugen, ohne daß man jedoch von einer besonders zielstrebigen Ermittlungstätigkeit sprechen konnte. Erfolglose Durchsuchung Im Februar dieses Jahres aber schlug die Meinung offenbar um. Seitdem wird unter dem Aktenzeichen 50 Gs 154/95 ein Ermittlungsverfahren gegen Ingrid Köppe geführt.Eine erste Hausdurchsuchung, von Beamten des Berliner Staatsschutzes im Morgengrauen des 22. März 1995 stümperhaft durchgeführt, erbrachte keine Ergebnisse. Doch davon ließen sich die Ermittler nicht entmutigen. Anfang September meldete sich ein Kriminalhauptkommissar Manske vom Staatsschutz erneut bei Ingrid Köppe und lud sie zu einem Gespräch vor. Auch ein Staatsanwalt aus Bonn, so Manske, werde dabeisein.Am 14. September kam es zu der Vernehmung. Nach einem eher belanglosen Frage-Antwort-Spiel rückte der Staatsanwalt mit seinem eigentlichen Anliegen heraus - man wolle noch einmal die Sachen von Ingrid Köppe durchgucken. Wenn sie kooperativ sei, Bürokalender und die Kopie eines Flugscheins übergebe, so der Staatsanwalt, brauche "der ganze Trupp" vom Staatschutz nicht mitkommen.Ingrid Köppe willigte ein und ab ging es mit zwei Staatsschützern im Dienstwagen zur Wohnung ihrer Freundin, wo sich die frühere Abgeordnete eingemietet hatte. Dort aber war es vorbei mit der Freundlichkeit: Nicht nur, daß die anwesende Freundin und deren Besuch ihre Personalien angeben mußten (Begründung eines Staatsschützers: "Bei einem Verkehrsunfall werden Sie als Zeugen auch festgestellt. Und das hier ist so eine Art Unfall."); die von Ingrid Köppe bereitwillig ausgehändigten Dokumente reichten plötzlich nicht mehr aus. Der Staatsanwalt und seine Begleiter widmeten sich intensiv dem Köppe-Hausrat: Sie durchblätterten Hefter und Bücher, begutachteten Computer-Disketten und wühlten in Kartons. Auch vor ganz persönlichen und privaten Dingen machte man nicht halt, sogar Poesiealben aus der Schulzeit wurden auf der Suche nach Beweismitteln durchgeblättert. Adreßbuch konfisziert Schließlich wurden die Beamten fündig. Ein Adreß- und Telefonverzeichnis, das Ingrid Köppe seit 1990 geführt hatte, erschien dem Staatsanwalt als so wichtiges Indiz, daß er es kurzerhand konfiszierte. "In dem Büchlein stehen über 100 Namen von Leuten drin, mit denen ich als Abgeordnete mehr oder weniger intensiven Kontakt hatte", sagt Ingrid Köppe. "Das sind Politiker, Journalisten, Freunde, Verwandte - ich muß davon ausgehen, daß diese Personen jetzt in irgendeinem Speicher des Staatsschutzes landen, weil man offenbar mein Umfeld aufklären wollte."Seit der Durchsuchung ihrer Sachen hat Ingrid Köppe keine Nachricht von der Bonner Staatsanwaltschaft erhalten. Statt desssen erhielt die einstige Bürgerrechtlerin einen anderen Brief aus Bonn. Nur eine Woche nach der Durchsuchungsaktion informierte sie das Bundespräsidialamt darüber, daß sie das Bundesverdienstkreuz erhalten solle. +++