Erst Vladmir Malakhov, dann Sasha Waltz und jetzt die freie Szene: In Berlin hat sich in den vergangenen zwei Jahren trotz Geldmangels für den Tanz vieles zum Positiven gewandelt. Zunächst Vladimir Malakhov: Seit Beginn dieser Spielzeit ist Malakhov Intendant eines unabhängigen Staatsballetts und er wird nicht müde zu betonen, welch frischen Wind die Unabhängigkeit ihm und seiner Compagnie gebracht hat. Auch wenn man nicht vergessen sollte, dass das Ballett bei den Kürzungen der vergangenen Jahre im Vergleich zur Oper überproportional geblutet hat: Das Staatsballett befindet sich auf Erfolgskurs, ein Ende ist gar nicht abzusehen und die neuen Strukturen geben hierfür die nötige Grundlage. Gleiches gilt für Sasha Waltz, die sich nach internen Querelen in der Schaubühne entschied, gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten und Manager Jochen Sandig die freie Gruppe Sasha Waltz & Guests zu gründen. Zwar kooperiert Waltz neue Compagnie weiter mit der Schaubühne, trotzdem wirkte die Entscheidung gegen die Institution zunächst wie ein Rückschritt, wie eine Kapitulation vor der übermächtigen Theaterfraktion. Aber dann zeigte sich: Waltz & Sandig bastelten sich ganz einfach die unabhängigen Strukturen, die für ihre Arbeit die besten sind. Sie arbeiten frei, in ihrem eigenen Büro in der Sophienstraße und nicht mehr in der Schaubühne, aber sie arbeiten keinesfalls im "Off". Gleich als erster gewaltiger Schritt wurde frei eine Oper produziert: Henry Purcells "Dido and Aeneas". Bei der Premiere Ende Januar in Luxemburg gab es enthusiastisches Lob. "Dido and Aeneas" ist an diesem Sonnabend zum ersten Mal in der Staatsoper Unter den Linden in Berlin zu sehen. Malakhov und Waltz sind nicht zu stoppen - und jetzt bewegt sich auch die per se unabhängige freie Szene Berlins auf ungewöhnlichen Wegen. Es geht um Großes, um ein Zentrum für zeitgenössischen Tanz in Berlin mit zahlreichen Probenräumen, einem Studiengang für zeitgenössischen Tanz, um Kooperationen mit Berliner Schulen, dem Staatsballett, der Freien Universität, um Mediathek, Bibliothek und Studiobühne. Aber um all dies geht es - was ein Widerspruch in sich erscheint - auf eine der Finanzlage der Stadt angemessene, sehr realistische und pragmatische Weise. Denn die Szene hat ein Modell entwickelt, das vor allem bereits vorhandene finanzielle Ressourcen ausschöpft. In Berlin mangelt es bereits seit Jahren eklatant an Probenräumen. Das Problem ist bei der Kulturverwaltung gut bekannt, seit geraumer Zeit sucht man nach einer Lösung ohne recht von der Stelle zu kommen. Warum, fragten sich nun die Betroffenen, sollte man sich nicht zusammen tun? Warum nicht ein Modell entwickeln, dass die Eigenständigkeit eines jeden einzelnen Partners wahrt? Warum nicht, proportional zum jeweils eigenen Bedarf, einen Teil seines eigenen Geldes für ein gemeinsames Zentrum zusammenlegen? Da gibt es etwa die seit 25 Jahren in Kreuzberg ansässige Tanzfabrik. Der Mietvertrag läuft aus, er könnte verlängert werden, doch da die Tanzfabrik im Begriff ist, einen Studiengang für zeitgenössischen Tanz aufzubauen, hat sie erweiterten Raumbedarf. Auch der Mietvertrag des Mime Centrums Berlin, das unter anderem über ein hervorragendes, aber aufgrund der Räumlichkeiten kaum nutzbares Videoarchiv verfügt, geht zu Ende. Die im Podewil ansässige Tanzwerkstatt, die unter anderem das Festival Tanz im August leitet, möchte sich ebenfalls verändern. Denn unter der neuen künstlerischen Leitung des Podewils kann sie ihre früheren Programme im Haus nicht mehr eigenständig realisieren. Auch Sasha Waltz hat Bedarf an neuen Räumen. Für die eigene Arbeit nutzt sie die Probenräume der Schaubühne in Reinickendorf, aber für die Produktionen ihrer Tänzer sowie für Gastspiele, die "Waltz & Guests" präsentieren wollen, besteht dringender Probenraumbedarf. Gleiches gilt für das Hebbel am Ufer, die Sophiensälen und zahlreiche frei produzierende Choreografen. Wenn sich all diese Kräfte mit ihren unterschiedlichen Interessen zusammen tun, könnte aus vielen kleinen Modulen etwas gemeinsames Großes entstehen, sagt Barbara Friedrich, die Vorsitzende des Dachverbands Zeitgenössischer Tanz Berlin, der die "TanzRaumBerlin" genannte Initiative moderiert. Das könnte nach Ansicht von Friedrich und ihren Mitaktivisten der TanzRaum sein: Eine Schnittstelle für die unterschiedlichsten Tanzaktivitäten, die sich gegenseitig unterstützen und vorwärts bringen. Ein Konzept liegt der Kulturverwaltung vor, mehrere Gespräche fanden bereits statt. Bei einer von Volker Hassemer und Nele Hertling geleiteten Veranstaltung des Forum Kultur Zukunft, bei der auch Kultursenator Thomas Flierl und Staatssekretärin Barbara Kisseler zugegen waren, wurde das Konzept erstmals öffentlich vorgestellt. Dass sich die zersplitterte Berliner Tanzszene zusammen getan habe und gegenüber der Kulturpolitik als geschlossenes Gegenüber agiere, wertete Thomas Flierl als einen einmaligen Vorgang. "Dadurch werden auch wir handlungsfähig", sagte er, und ließ keinen Zweifel daran, wie ernst es ihm ist. Bereits aus dem laufenden Haushalt werden 90 000 Euro bereitgestellt, um eineinhalb Personalstellen für ein Tanzbüro zu finanzieren, das vorläufig im Podewil untergebracht wird. Perspektivisch soll eine leer stehende, landeseigene Immobilie gefunden werden, die den Anforderungen entspricht. Aber Flierl ist nicht nur vom Projekt "TanzRaum" überzeugt, er hofft auch auf Fördermittel der Bundeskulturstiftung.Denn die Bundeskulturstiftung stellt vom Jahr 2005 bis 2010 insgesamt 12,5 Millionen Euro zur Tanzförderung zur Verfügung. Sie tut dies, um einer Entwicklung entgegen zu steuern, bei der die Sparte Tanz von Einsparungen im Kulturbereich meist zuerst und am härtesten betroffen ist. Trotz ihres innovativen Potenzials und ihres Publikumszuspruchs, wie die Stiftung konstatiert. Geld bekommt aber nur, wer selbst - und zwar unabhängig von einer Zusage - etwas auf die Beine stellt. Genau das scheint in Berlin zu gelingen. ------------------------------In Berlin mangelt es bereits seit Jahren eklatant an Probenräumen. ------------------------------Foto: Sonnabend in der Staatsoper: "Dido und Aeneas" in der Regie von Sasha Waltz.