Leonid Breshnews Radioapparat schweigt. Er spielt nicht länger den Fifty-Fifty-Mix, die Super-Oldies und das Beste von heute. Der Empfänger hat seinen Betrieb bei r.s.2 eingestellt. Bis vor kurzem stand diese Reliquie sozialistischer Rundfunkröhrentechnik noch im Arbeitszimmer des Programmchefs Rick DeLisle und sorgte bei Besuchern des Senders für Heiterkeit. Nun hat der "Alte Ami" das alte Radio, ein Geschenk zum 50. Geburtstag, in seinen Jeep geladen und mitgenommen auf seinen Bauernhof in der Märkischen Schweiz.Gestern übergab Berlins bekanntester Rundfunk-DJ die Amtsgeschäfte an seinen Nachfolger Ralf Mothil. "Irgendwie ist es cool. Du machst am Abend die Tür hinter dir zu und bist mit einem Schlag alle Verantwortung los." Auf eine Abschieds-Party hat Rick DeLisle verzichtet. "Ich gehe zwar heute als Programmchef, aber ich komme schon morgen als Berater wieder. Also was soll·s?"So kamen seine Kollegen um die seltene Chance, ihren Vorgesetzten aus gegebenem Anlaß mal in korrekter Garderobe anzutreffen. Rick DeLisle schlurfte auch an seinem letzten Tag als Chef über die Flure, wie er es eh und je gehalten hat, schlank und schlaksig, mit Jeans, Turnschuhen, T-Shirt und einer sehr großen Kaffeetasse in der Hand. Auf das obligatorische Holzfäller-Flanellhemd mußte der Amerikaner wegen der schwülen Witterung verzichten.Sein Entschluß, den Posten des Programmdirektors am 30. Juni zu verlassen "um sich diesen Streß nicht länger anzutun", stand schon lange fest. "Ich wollte ihn unbedingt vor der aktuellen Media-Analyse bekanntgeben, damit es hinterher nicht heißt, ,der wurde gefeuert·". Wie sich herausstellen sollte, bestand kein Anlaß zur Sorge. r.s.2 zählt zu den Gewinnern der Analyse. Im Vergleich zum Vorjahr wurden 20 000 Hörer pro Stunde dazugewonnen. Zuwachs gab es vor allem in Brandenburg, wo r.s.2 gemeinsam mit BB-Radio in der Hörergunst an zweiter Stelle liegt. DeLisle führt dieses Plus auf die gewachsene Kompetenz seines Senders im Umland zurück. Aussenstudios in Frankfurt(Oder), Schwedt und bald auch in Cottbus berichten jeden Tag vier Stunden direkt aus der Region.Als DeLisle vor vier Jahren seinen Job bei r.s.2 antrat, sah es noch ganz anders aus. Die Quoten waren im Keller, die Mitarbeiter waren demotiviert und in der Branche kursierten Wetten, die sich um den baldigen Konkurs des Privatsenders rankten. Viel Vertrauen schlug dem neuen Mann an der Programm-Spitze nicht engegen. Eigentlich gar keines. Die Hälfte der Kollegen reichte über kurz oder lang ihre Kündigung ein, als der "Retter" kam. Für den bessenen Radio-Macher, der die Sympathie seiner Hörer gewohnt war, eine Herausforderung, wie er sie in seinem bisherigen Berufsleben noch nicht kannte. Und er kannte einige.Am 25. Februar 1947 als Sohn deutschstämmiger Aussiedler in Milwaukee/Michigan geboren, trat DeLisle mit 17 Jahren freiwillig in die US-Airforce ein. Ausgebildet zum Sanitäter, diente er sechs Jahre lang auf dem Luftwaffenstützpunkt in San Antonio/Texas. Dort war auch eine Außenstelle der NASA angesiedelt. Als eines Tages Rekruten gesucht wurden, die sich für 55 Dollar monatlich Testzwecken zur Verfügung stellen würden, war Delisle dabei. "Das war cool, Mann, und ein großes Abenteuer. Außerdem wollte ich die Kohle." Die Soldaten mußten stundenlang in Unterdruckkammern ausharren, damit an ihren Organismen die Wirkung plötzlicher Dekompression in Raumfahrzeugen beobachtet werden konnte.Zum Radio ist DeLisle per Annonce gekommen. In einer Anzeige der Armee-Zeitung wurden Disc-Jockeys gesucht. Er hat sich beworben und genoß auf der Schule für Militär-Journalisten eine "knallharte Ausbildung". Erster Einsatzort nach dem Studium war Thailand, 35 Kilometer von der kambodschanischen Grenze entfernt. "Ein paar Stunden Fahrt durch den Dschungel und es war Krieg. Keiner wollte dahin." Als Angehöriger einer Sondereinheit der Airforce mußte Delisle die auf Videoband festgehaltenen Treffer der Bomber-Geschwader aufarbeiten und dokumentieren, bevor sie zur Auswertung ins Pentagon gingen. DeLisle hat den Job immer wieder freiwillig verlängert. "Ich habe ein bißchen die Sprache gelernt, die Leute dort waren sehr nett." Er wäre gern für immer geblieben. Dann wurde Frieden und die Amis flogen raus aus Thailand.Pflichtgefühl ist ein Schlüsselwort in DeLisle Leben. Aus Pflichtgefühl gegenüber seinem Heimatland hat er in der Airforce gedient, aus Pflichtgefühl ist er auch nach dem Vietnamkrieg bei der Truppe geblieben. Für den Soldatensender AFN arbeitete er in Portugal und später in in der Bundesrepublik, zunächst in Rammstein, dann in Frankfurt/Main, beide Städte haben ihn gelangweilt. 1976 kam er zu AFN nach Berlin und war begeistert. "Die Stadt war wirklich heiß."DeLisle hatte sofort Kontakt zu den Leuten, die hier arbeiteten. David Bowie war gerade wieder weg, Nina Hagen und Spliff waren im Kommen. Rick DeLisle hing mit den Leuten aus Jim Raketes "Fabrik" in den Studios und seine typische Ami-Stimme war es, die der LP "Spliff-Radio-Show" zum Durchbruch verhalf. Als er nach 20 Dienstjahren die US-Airforce und AFN im Range eines Feldwebels verließ, stand fest, daß er in Berlin bleiben würde. Rick DeLisle wurde Musik-Chef von Rias 2 ­ als "Alibi-Ami".Es war in einer der ersten Redaktionssitzungen, als DeLisle leicht verspätet den Raum betrat und eine Kollegin sagte: Na, du alter Ami, auch schon da. "Das klang so rattengeil. Ich hab· das am nächsten Tag sofort in meine Moderation eingebaut." Seit diesem Tag hatte die Stadt ein neues Original ­ den "Alten Ami". Sein radebrechendes Berlinern mit Akzent ist im Äther unüberhörbar.Der Ami machte Betrieb. Unter DeLisle Führung wurde das Programm von Rias 2 1985 zum Ganztags-Musiksender aufgeblasen. Renommierte Kollegen wie Barry Graves, Olaf Leitner, Christian Graf verließen den ersten Berliner Dudelsender fluchtartig. DeLisle verteidigt sein Konzept vehement. Rundfunk müsse die Fähigkeit haben, sich den Hörergewohnheiten anzupassen, egal ob es den Kollegen gefällt.In seinen vier Jahren bei r.s.2 hat Rick DeLisle eine gemischte Redaktion aus Ost und West, Berlin und Brandenburg aufgebaut. Das Team ist für ihn der Schlüssel zum Erfolg. Wer bei r.s.2 arbeitet, habe die verdammte Pflicht, das beste Programm in der Region zu veranstalten. Eine Devise gelte für alle: "Hey, das ist mein Sender und er ist für mich mehr als nur Radio."Im Märkischen will DeLisle mit seiner Familie alt werden. Hier hat er seine Felder, Wälder und Seen. Etwas fehlt allerdings: Ein Country-Sender.Frank Junghänel