Sie stehen mitten im Leben und sind noch immer unentschlossen, ob Sie auf dem Dorf oder in der Metropole leben wollen? Macht nichts. "Lebensqualität ohne Kompromisse" verspricht der Slogan, mit dem der Investor Stofanel sein "urban village", zu deutsch: "urbanes Dorf", vermarktet. So bezeichnet er seinen Marthashof, den er ab nächsten Monat in Prenzlauer Berg neben den Mauerpark baut. Bis dann, so rechnet er, werden 30 Prozent der Wohneinheiten verkauft sein.Ob die Rechnung aufgeht oder nicht -Stofanel hat mit "urban village" den Immobilienjargon schon jetzt um ein neues Wort für Zwitter bereichert: "Urban bedeutet, dort zu leben, wo Leben ist und dies mit allen Vorzügen und Vorteilen, die eine lebhafte und kreative Stadt wie Berlin bietet", erklärt Stofanel-Inhaber Ludwig Stoffel. "Das urbane Dorf ist ein Ort mit grünen Flächen und Natur -eine Idylle, wo Menschen sich beschützt und geborgen fühlen können." Ein geschlossenes Ensemble mit Dorfplatz also, aber ohne Verkehr und Gesinde. Diese Definition erfüllen auch andere Berliner Projekte wie "Prenzlauer Gärten" und "Winsgärten" in Prenzlauer Berg, "Puccini Hofgärten" in Weißensee oder "Brauhofgarten" in Kreuzberg, die in der City entstanden und entstehen, aber deren Vermarkter nicht die Idee hatten, sie "Dorf" zu nennen.Wahl zwischen Luxus und FamilieManche Branchenbeobachter beurteilen den Marthashof sogar im Licht der Townhouses, (zu deutsch: Stadthäuser) am Friedrichswerder, zwischen Auswärtigem Amt und Gendarmenmarkt. Allerdings sollte man hier die Kirche im Dorf lassen. Zwar haben dort die gut sechs Meter breiten Neubauten auch einen eigenen Autostellplatz, Garten, Eingang und Treppenhaus, was wohl zum dörflichen Wohngefühl gehört. Ihre Kaufpreise übersteigen aber die Schmerzgrenze von einer Million Euro.Dafür gehört diese Lage auch zu den wenigen, wo sich Luxus in Berlin zuhause fühlen darf. "Scheunenviertel, Potsdamer Platz und Friedrichstraße ziehen eine Klientel an, die ihr Geld zeigen wollen", sagt Anne Riney, Büroleiterin beim Immobilienmakler Engel & Völkers. Sie nennt "erfolgreiche Anwälte und bekannte Namen" als Beispiele. Die Käufergruppe dagegen, die sich von urbanen Dörfern angesprochen fühlen soll, seien "Familien mit Kindern", mit dem etwas besseren Einkommen der sogenannten gehobenen Mittelklasse. "Die kommen nicht vom Land in die Stadt, sondern sind größtenteils trendige Stadtmenschen", so Riney. "Wer vom Land in die Stadt zieht, will meist im Speckgürtel wohnen."Auch die urbanen Dörfler müssen nicht in Mitte leben. Wie weit ihre Kauflust am Mauerpark oder Friedrichshain jedoch reicht, ist fraglich. Damit ein Haus mit 120 Quadratmetern Wohnfläche unter 300000 Euro bleibt, sollte der Quadratmeterpreis bei 2500 Euro liegen. Das war der Preis der komplett verkauften Prenzlauer Gärten -damals Mitte der Neunzigerjahre. Die anderen genannten Objekte orientieren sich an der Schmerzgrenze von 3000 Euro. Deshalb nennt auch der Bayer Ludwig Stoffel am liebsten nur seine unterste Preisgrenze im Marthashof: "ab 2900 Euro". Dafür bekommt man bei ihm aber nur ein "Flat", eine Wohnung also. Seine Familienhäuser mit Garten dagegen heißen "vertical villa" und kosten rund 3500 Euro. Bei 140 Quadratmeter kommt das Haus also an einen Kaufpreis von einer halben Million nahe heran-ein für Berlin gewagtes Experiment.Zu viel, sagt zum Beispiel Willo Göpel, Projektsprecher von Prenzlauer und Winsgärten. "In Berlin fallen seit 150 Jahren Leute auf die Nase, die glauben, hier funktioniere der Luxus von Düsseldorf oder München. Das wird die nächsten 150 Jahre auch so bleiben", so der gebürtige Berliner. Seine goldene Regel: "Maß halten!"Stoffel dagegen meint, seine Preise könnten sich Kunden mit 5000 Euro Monatseinkommen leisten -für ihn keine Luxusklientel. Hier stimmt ihm ausgerechnet ein Ex-Hausbesetzer zu: Der Architekt Mathias Heyden, Entwickler des Kultur- und Wohnprojekts K77 in der Kastanienallee, kennt die Situation einiger Baugruppen, die selbst außerhalb der innerstädtischen Kieze trotz Sparwillens an Preisen von 2600 Euro scheiterten. "Und das ohne Garten und Grünanlage, was auf den Kaufpreis umgelegt werden muss", so Heyden. "Da sind 3300 Euro wohl der Preis, den man für diese Qualität bezahlen muss." Er jedenfalls kennt keine Baugruppe, die sich den Traum vom Haus mit eigenem Garten in der Innenstadt erfüllen konnte.------------------------------Häuser und GärtenPuccini HofgärtenDie Puccini Hofgärten entstehen aus einer ehemaligen Gummiwarenfabrik im Komponistenviertel in Weißensee. Zur Anlage gehören Townhouses mit Privatgärten von 60 bis 220 m2 Größe. Infos: www.puccini-hofgaerten.deWinsgärtenSeit Kurzem sind die Townhouses der Winsgärten an der Greifswalder Straße auf dem Markt, konzipiert vom Entwickler der Prenzlauer Gärten. Infos: www.stadt gaerten-winsviertel.de.BrauhofgartenDer Brauhofgarten wird als Teil des Victoriaquartiers auf dem Gelände der alten Brauerei am Kreuzberg gebaut. Die Planungen sehen unter anderem Maisonettewohnungen mit eigenem Garten vor. Infos unter: www.brauhofgarten.deMarthashofDas "urban village" entsteht ab September in der Schwedter Straße am Mauerpark. Auskünfte in einer lila Infobox vor Ort oder im Internet: www.marthashof.deDorfcharakterNach einem Zwiebelschalen-Prinzip bieten die Ensembles Bereiche unterschiedlicher Privatheit. Sie können nicht nur zwischen Straße, Garten und Wohnung wählen. Treffpunkt und gefahrloser Spielraum für Kinder sind auch gemeinschaftlich genutzte Gartenhöfe ohne Autos.BaugruppenDie Gemeinschaft macht das Dorf, z.B. als eigene Baugruppe. Künftige Nachbarn finden sich zusammen unter www.wohnprojekte-berlin.info.------------------------------Foto: Bild Mitte: Zum ländlichen Idyll gehört wie in den Puccini Hofgärten auch die gemeinsame, halböffentliche Grünfläche.Kleine Bilder: Ein eigener Garten in der Innenstadt rechtfertigt die Preise von Marthashof (li) und Puccini Hofgärten (re)