Zäh und verbissen vollzieht sich das Ringen um jede Kulturmark aus Bonn, seit im vergangenen Jahr das Förderungsprogramm zum "Substanzerhalt" im Ostteil Berlins vollends auslief. Um so freudiger vernahmen wir Helmut Kohls Botschaft bei seiner Berlin-Visite, als er der Kultur der neuen Bundeshauptstadt seine "volle Unterstützung" versprach. Nicht im Abgeordnetenhaus, nicht vorm Kulturausschuß, nicht beim regierenden Parteifreund Diepgen und nicht im Kultursenat fiel das zuversichtliche Kanzlerwort. Auserwählter Kreis war der "Rat für die Künste in Berlin". Und fast schon verschwörerisch mochte es anmuten, daß man vorher reinweg nichts und nachher nicht viel mehr als diesen einen Satz erfuhr. Die dort versammelten Künstler und Wissenschaftler, von Haus aus eigentlich mitteilsame Leute, halten vertraulich dicht. Der Hohe Rat, dem jetzt der Landesherr die Ehre gab, ist noch kein Jahr alt. Unter den Rittern des Goldenen Kultur-Vlieses von Berlin sind Leute wie Harry Kupfer, Georg Quander, Christoph Stölzl, Nele Hertling, Reinhardt Hauff, Ulrich Eckhardt oder Thomas Langhoff. Sie setzen darauf, daß solide, überzeugende Argumentation in der Stille Vertrauen schafft, was der Sache mehr nützt als manche Verteilungskampfgebärde. Erinnern wir uns: Angesichts der prekären Finanzsituation wandten sich Ende September 1994 rund 50 hauptstädtische Institutionen mit einem "Notruf der Berliner Kultur" an die deutsche Öffentlichkeit (eingeladen hatte die Abteilung Darstellende Künste der Akademie). Spontan bildete sich ein Komitee, eben jener Rat für die Künste in Berlin, der inzwischen 150 große und kleine Kulturstätten vertritt. Er ließ wissen, daß neu über Inhalte geredet werden soll. Eine "phantasielose Fortführung der Auseinandersetzung zwischen Bund und Land, sowie zwischen Land und Berliner Bezirken, über finanzielle bzw. administrative Zuständigkeiten (sei) kontraproduktiv." Man nahm sich vor, bei der Politik für eine neu konzipierte Berliner Kultur zu werben, die frei ist von dem Verdacht des bundesweiten Hegemonismus. Vielmehr soll sie "die Rolle des Treffpunkts, der Drehscheibe und des Fokus im fairen Wettstreit der kulturell Tätigen" ausüben. Ohne Schlagzeilen zu erheischen, wurde in elf Monaten ein riesiges Pensum an Aufklärung geleistet, um das Besondere der berlinischen Kultur zu beschreiben: Das Zusammenfügen der preußischen Hinterlassenschaften, des DDR-Erbes und der reichen dezentralen Szene zu einem neuen Kulturmodell, das die Stadt allein aus eigenen Mitteln niemals bestreiten könnte. Zweimal schrieb man an alle Bundestagsabgeordneten, sprach mit dem Berliner Bürgermeister und seinen Senatoren, mit Bonner Ministern, Vertretern aller Fraktionen im Berliner Abgeordnetenhaus und im Bundestag. Mit Erfolg.Das gemeinsame Kuratorium von Bundesregierung und Senat, das über die Kulturfinanzierung aus Bonn befindet, übernahm zwei Vorschläge des "heimlichen Kulturparlaments": Erstens dürfen neben den ohnehin vom Bund mitgetragenen Institutionen wie der Stiftung Preußischer Kulturbesitz künftig auch die Deutsche Staatsoper, die Deutsche Oper, das Deutsche Theater, der Martin-Gropius-Bau, das Berliner Philharmonische Orchester, das Haus der Kulturen der Welt, das Hebbel-Theater und das Internationale Institut für t raditionelle Musik mit Bonner Geld rechnen. Zum zweiten wird es einen von Bund und Land gespeisten Hauptstadtfonds geben für kurzfristige Projekte, die Strahlkraft über Berlin hinaus haben. +++